Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1892-08-07 · 18 (7.8.1892) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
18 (7.8.1892)
Date
1892-08-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
84% known words query
IRI
…/4886575-5439132-5439215--0179-4886733
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

r Adoniieinciitspreis: (Dl'l^ClIl jllV 2lblV>d}l' N'S 2ll>ti)0iuiti5imi5. Ditbnxtiou und VlbmiiiiftrailnM: tWanslaliiifl mit Post,u>enLu«q . . fl. 2.5». IDjCll r-icrt-Ijähr.fl.—tfl». Mit Posl,u1k»t>. fl - t!in,cluc „urnu.krn l kr. Crschkillt Oll jcbCUt SoillltflQC. I. £*ätvvfUitto IO. Minimier IS. Wien, 7. JVuijiift ItE. I. ^nijrgaiitj. Zmn Liilzer Katr>olifcntagc. j In wenigen Tagen wird in Li»; der österreichische Katholikentag * sich versammeln, und »eben der Erörterung der Schul frage durfte i wohl seine Stellungnahme;u der bewerbe- und Arbeiterfrage daö j liuiftc Interesse bcanspruchcii. Dem Linzer Katholikentage wird leine! nulorilalive Bedeutung, inncwohnc», er wird auch nicht die Ltim iniittg der gesammtcn, ja nicht einmal der »leisten Katholiken - Oesterreichs repräsentiren. Neben einigen eleöicalen Laie» werde» die Führer der streitcuden Kirche, die Geistlichen die Majorität des Katholikentages bilde», vor Matt jener niedere Elerus, der. in den letzten Jahren durch seine werkthätigc Unterstiitzung der anliseniitischen Bewegung so viel von sich rede» macht. Der idoosierator wird auch diesem Katholikentage, wie allen vorher gehenden, die charakteristische Signatur geben, und wenn wir sagten, daß in Lin; die wirthschaftliche und soeiale Frage des kleiuen Gewerbetreibenden und Arbeiters verhandelt werden .wird, . so wissen wir schon, daß eö sich hier in» daö bckannlc „christlich soeialt" oder schlechtweg antisemitische Programm handell. In der Thal wird diese Permuthnng durch das bereits im Wortlaut vorliegende Referat bestätigt, welches Eovperator Lalschka j aber Gesellen und Arbeitervereine halten Mrd, noch mehr aber durch den Bericht, den ein Linzer Kleingewerbetreibender über die Handwcrkerfrage übernehmen wird. Dieses deckt sich in allen wcscnllichen Punkten mit dem Wirihschaflsprogramm der Wiener Anliscmiten: in dem ausgesprochene» Gegensatz zum Liberalismus, in der Forderung nach einer obligaten genossenschaftlichen Dr ganisatio», in der Bekämpfung der freien Eoncurren;, in dem verlangen nach einer Autorität, welche gegebenenfalls gegen die Ertheilung des GewerbcbcfngnisscS, gegen die Art und Weise des Geschäftsbetriebes sowie gegen den Fortbctricb eines Gewerbes Einsprache erheben könne, nach welcher dann die politische Be Hörde nach Anhörung der Gcwcrbckammcr zu entscheiden hätte n.s-.w. Daß in den gedachten Berichten das Wort „Jude" selbst nicht vorkomnit und die üblichen Schimpfereien gegen -Juden und ..Iüdcnliberale" unterblicbcn, könnte als eine geringfügige Kleinigkeit übergangen werden, so gut wie einige Abweichungen von der soeialen Dogmatik der Wiener Antisemiten strengster Observanz'. Bedeutung bekommt dieser Umstand erst durch die Thalsache, daß der Kalholikentag in Linz nicht wie der in Wien unter der Patrona»; des L'bcrantisemilcn von Wien tagen wird. Dr Lueger, l>ev sich anläßlich des Wiener Katholikentages so scharf gegen die abwesciidcii'Kirchenfürsten ausgelassen, wird, wie er im „Katholisch poliiischen Bereine Margarethen" erklärte, nicht nach Li»; reise», und warum nicht? Lueger hat selbst die Antwort gegeben und sich wider Brauch nicht mit einem voraussichtlichen Unwohlsein entschuldigt, sondern den wahren Grund genannt: die rcgicrnngöfrenndliche Haltung vieler Elericaler, des feudalen Hochadclö und sogar einiger geistlicher Abgeordneter in der Valutadcbatte ist cS, was ihn in den Schmollwinkel treibt. Er könnef an einer Versammlung nicht theilnchmen, in welcher Kathrein das große Wort, führe, derselbe Kathrein, der die antisemitische Demagogie im Parlament und in der Presse bekämpft und katholisch und antisemitisch, durchaus nicht für identische Begriffe halten will. Im reactionär-antiscmitischen Lager scheint eS also in Folge der wüsten Hetze der Wiener Antisemiten in der Balulafrage zu einem Bruche gekommen zu sein, bei welchem sich die eine Gruppe um Kathrein, die andere um Lueger schaart. Der katholische ElernS, welcher den Giundslock der Linzer Bersammluiig bildet, hot sich für . elfteren entschiede» und die reinen Anlisemitr» mit Lueger an der Lpitze krachten sich dadurch beleidigt und zurückgesetzt. Verbindet man. mit alten diesen Thatsachen so r»anche heftige Polemik der alpiiiländischcn eiericalen Passe gegen 'die Wiener Dcniagogen ans der testen Zeit und vor Allem die kaum mehr verschleierte Absage, welche das „Vaterland" der Volksblatt Partei jüngsthin zuschlcnderte, so gcivinnl die Abstinenz Luegers vom Linzer Katholikentage eine gleich ernste Bedeutung wie die seiner zeitige Theilnahme des damals noch nicht'gan; gehäuteten Demo traten an dem Wiener Katholikentage. 'Als die Anliseiniicii' twio einer Sippe, vom Glaubens und Raeenhaß sich nährender Bicrbankpolitiker zur Bedeutung einer politischen Partei sich, anfschwingen wollten, da galt cs vor Allem und um jeden Preis Bundesgenossen zu gewinnen. Wahllos griff man nach rechts und Nnk» und gliederte die »lachtlüstcrncii Elemente einer überwundenen uiilr die radikalen Elemente einer scheinbar dem Ruin geweihten Gesellschaftsklasse durch die gemeinsanie Parole des Antisciiiilisiiiuö aneinander. UUraxcaclionäre und nllraradieale Fordern »gen wurden zu der Einheit eines ParteiprogrammeS ziisaminengeschwcißt, wie die politische Welt der gleiche» noch nicht erlebt hat. Dank' der wirthschaftlichen Mißlag'e, welche die Anlisczniten geschickt anszunntzen verstanden, gelang es ihnen wirklich, eine Zcitlang . die Zahl ihrer Truppen stets zu vermehren und einen großen Theil der Gesellschaft zu terrorisiren. Allein wer Augen halte, in das Wesen der Dinge zu sehen, der wußte, daß der böse Zauber einmal weichen werdeZdas; dieö lose Eoziglomerat, wclches'sich stolz den Rainen einer politischen Partei gab, endlich wieder in seine Bcstandlhcile sich auslöse» lind;iifn Richls znrückkehren werde.' Der Anfang von diesem Ende scheint gekommen, ivenn viel, leicht der ZersetznngSproecß auch noch einige-Jahre in Anspruch nehmcn wird. Die cinzelnen Pactanten 5ommcn nlit ihre» scheinen, und die antisemitischcn Schnldenmacher könpcn dieselben natürlich nicht begleichen. , Diejenigen. welche sich so lange auf die einzigen Wohllhülcr heö arbeitenden Volkes hin'ansgcspielt haben, müssen sich seit Wochen schon von den wirkliä-en Arbeitern die gröbsten Insullcn wegen ihrer reaclionären Freunde an den,Kopf w-iffen, die wohlverdientesten Vorwürfe machen lasse», weil sie von soeialen ' Reformen zwar viel gesprochen, aber in dieser R-ichlnng nichts gclhan haben. Und auf der anderen Seite kommen mm die treuen Elerieale» und schütteln bedenklich den Köpf. Um eine verloren gegangene Position in -er Gesellschaft mit Hilfe der Aulisemiten wieder zu gewinnen, hatte» sie ja gerne ein wenig »lilgemachl und eine Fretwilligenlegioii streitbarer Eooperaloren in das Treffen geschickt. Aber der nnsläthigen Straßenhetze der wüstesten Demagogie sich anschließen, daö können die'Führer einer angesehene» Kirche doch nicht; den Eolleclivisinus und Eominnnisnins/den die antisemitische» Soeialpoliliker in Arbeitervcrsammliiiigcn p-redigen, gütheißen, daö werden die Rutznicßcr großer mobiler und immo bilcr Güter, die Inhaber fetter Pfründe» nie und- »immer thnn. Und wenn Lueger wie dienlich im „Katholisch politischen Verein Margarethen" sich zu'der Behauptung »ersteigt, ob jemand ein Graf, Fürst oder »och so reich und mächtig, aber katholisch ist. - deshalb fei er nicht mehr, wcrlh als irgend ein kaflholischer Arbeiter; eö dürfe dah^ auch einem ^Fnrstcn und Grafen nicht um eine Haarcöbeeile mehr Einfluß gewährt werden als rrirem katholischen Arbeiter — so hat er emkach vergessen, daß der Antiseniitisiiins -r. '■ </

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.