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Freies Blatt · 1892-07-31 · 17 (31.7.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
17 (31.7.1892)
Date
1892-07-31
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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reite f> Blatt.' Nr. 17. ,__ __ Freies wie noch erinnerlich sein dürfte, förmliche Treibjagden auf il>re 'akadcniische» Mitbürger jüdischer Abkunft. Wie nun die „Bukowinaer Rundschau" vom 21. Juli berichtet, kam es dieser Tage neuerlich }>t einem antisemitijchen Scandal. Ein Student, Franz Sch., fühlte nämlich urplötzlich den inneren Drang, einem Eommilitonen jüdischer Confessio», der gerade die „Pardinihöhe" passirte, eine» „Sanjuden" a» den Kopf zu werfen. Der in dieser Weise Apostrophirte wandte sich einfach um und rcplicirtc gebührendermaßen. Mit hochgeschwnngenem Stocke stürzte sich nnzi der Germane auf seinen Gegner. Der jüdische Student ciupsing ihn aber ruhig, und indem er die Angriffe des Commilitoncn antisemitischer Couleur abwchrtc, zerbrach et zufällig seinen Stock auf dem Rücken seines Angreifers. Cin zweiter Stock war gleich bei der Hand, und der hcldeninülhige »Bollblutgermane nahm — ReißanS. Eine zahlreick)e Mensckzenmenge hatte sich um die Kämpfenden gcschaart und ließ Ausrufe her Entrüstung »nd des größten Unwillens über dies nngczicmende Benehmen von Ala demikcrn laut werden.' Rup so fort, ihr dentsck>en Cnlturpionnicrc im Sstcn, dann werden die Rnthenen,. Rumänen und Polen gewiß eine schöne Meinung von der deutschen Civilisätion bekomme». j_r. n (Alltiscmilische Statistik.) Eine Beilage des in Posen erscheinenden polnischen Journals „Post^-p" vom 2i*. Juni d. I.. 2er. 147, enthielt einen Azlikel, betitelt: „Was kosten »ns die Juden V" in welchem u. A. Folgendes in wörtlicher Uebertragung zu lese» war: „Ein gewisser Professor und Hofrath Brachclli hat ausgerechnet, daß in Oesterreich nach der amtlichen Statistik 1,(i4(5.f>2f> Jude» sind: rechne» wir, daß jeder nicht productive Jude ftU fr. täglich braucht, so lostet diese riesige Zahl der Juden daö productive christliche Polt *23 2t>2 fl. täglich, was int Jahre 3(X),4<,H.M>3<) fl dusniachi " Ta hier offenbar ein grober Mißbrauch mit dem Rainen des als Statistiker und Ge lehrten hochgeschätzten Ministcrialrathes Dr. Hugo Witter v. Brache»i vorlag, so wendete sich ein Krakauer Bürger an denselben um eine Austlürnng, "die ihm nach einer Mitlhcilnng der „Retten Freien Presse" int Aufträge des Herrn Ministcrialrälhes wie folgt znlheil ivurde: „In dem vom Ministerialralh Tr. Hugo Riller v. Brach,lli herausgegebenen Werke .Slalistischc'Skizze der österreichisch ungarische» Monarchie', 12. Auslage vom Jahre lSS'.t, erscheint die ,4ahl der in der österreichisch ungarischen Monarchie anwesenden Israeliten ans •»'rititb der Bolkszählnng vom 31. December I>> mil I,l!-il'>.J2.'>, in der jüngst erschieneneu 13. Auslage dieses Werkes nach'der »Boltszählung vom 31. December 1 > hingegen mit >,*>'><>. IGangegeben, von welchen I,13ö.f>lX auf Cisleithanien entfallen. In der genannte» rein wiffenschaftlichen statistischen Arl>eit ist lediglich und ohne jede confessionelle Tendenz die Benheilnng der Bevöllernng der österreichisch ungarischen Monarchie nach dem Religionsbekenntnisse angegeben, und die von dem in Posen erscheinenden polnischen Journal .Postpp in der Rr. >47 vom 2U. Juni l. I. daran, geknüpften anlisemilischen Betrachtttngcn und Schlußfolgerungen stellen sich daher bloß als solche dcS^-genannten Blattes dar, welche der Berfaffer des obigen Werkes in keiner Weise theilt oder billigt." (Töllingtr über die Zlldkll.) Angesichts der noch fortdauernden Dtscnssion wegen des Xautener KnabenniordproeessrS sehen sich zahl reiche Blätter im Dentschen streiche veranlaßt, an die denkwürdige Rede zu erinnern, welche Döllingcr in der Münchner Akademie der Wissenschaften am 2h. Juli 1SN1 gehalten hatte Indem wir diesem-Beispiele folgen, weisen wir zugleich darauf hin, daß jene »rede, welche „T!ic Inden in Europa" betitelt ist, auch im ersten Hefte der „Beitrüge zur Beküinpfuttg des Antisemitismus" lPerleger Tr. Karl v. Kißling) in V'in; reproducirt wurde.*) In knrzcn Strichen entwarf Döllinger ein Bild der Berfolgungen und S-ualen, denen das jüdische Bolk durch anderthalb Jahrtausende ausgcsetzt war, und sagte im Vrtttfe seiner »Ausführnngen: „Gewöhnt an die Borstellnng, daß jeder Jude der geborene Feind und Schuldiger der Christen sei, hielten die Böller in einer Zeit, die ohnehin mit Borliebe, ja mit Begier das Gräßliche und Unnatürliche gläubig ergriff, die Juden jedes »Per brechens, a»ch des unwahrscheinlichsten oder unmöglichett für fähig. Seit dem zwölften Jahrhundert ging die Sage, die Juden bedürften Christenblut; die Einen meinten : zu ihrer Ssterseicr. die Anderen: als Heilmittel gegen ein geheimes Erbübel; deshalb criitorbetcit sie jährlich einen Knaben. Daneben wollte man auch wifsen, daß sic jährlich einen Christen, dem Erlöser zuur Hohne, kreuzigten. Ward irgendwo ein Vcichnam, an dem sich Gewaltspnren zeigten, .ei» todles Kind gefunden, so mußte ein Jude der stRörder sein; mei» nahm man dabei ein. von Mehreren gemcinschaftlich begangenes Berbrechen an, und die Folter wurde so lange fortgesetzt, bis sie (Geständnisse lieferte. Tann folgten grauenhafte Hinrichtungen und in vielen Fällen ein *) Diese» Heft ist bei Lagwerler in tzinz zu beziehen. . Preis 3" le. massenhaftes Erwürgen der ganp-n jüdischen Bevölkerung in Stadt und Vand: An cin geordnetes, nnbefangenes Jttstizoersaltren war nicht zu denken. Tic Richter oder Behörden zitterten selber vor der Wnih des znin borans überzeugten Bolkes: denn die Prätunilton stand >est, - daß von jedent ("liebe dieses Mörderooltes die verrnchtesten Erbaten zu erwarten seien. Zuweilen-war es auch ein Christusbild, welches ein - Jude mit einem »Rener gestochen öder verstümmelt haben sollte, ivas daS Signal zu einem Blutbad wurde. Seil dem Jahre 12'.'" tamen die (Gerüchte von mißhandelten »nd' wunderbar blutenden Hostien hinzu. .Bon Paris, wo der.erste Fall sich zngetragen, verbreilele siel> die neue Mär über die benachbarten Rinder: bald wollte nian auch anderwärts ein derartiges Heiligkhnm besiven, und nun' schien cs, als ob die Inden, von einem dämonischen Wahnsinn ergriffen, ein kirchliches Togma zugleich glaubten und nicht glaubten und ein nubezwingliches Per -langen nach einem gualvollLii Tode trügen — so häufig wurden diese angeblichen Frevel an ihnen gerächt. In »,'ondon wurden die -Inden ermordet, weil sie die große Stadl mit griechischem Feuer-hätten per brennen wollen. Tie.große Pest, welche 134* ganz Europa durchzog , nnd entvölkerte, konnte/ das wußte man gleich, nur vott den Inden ' herrühren. Tie Thalsache, daß das nüchtern und mäßig lebende Poll weit weniger davon beirossen wurde als die Christen, erhob die Per muthnng zur Gewißheit. Sie halten allenthalben, in Folge einer großen Perschwörung; an der auch die Veproseuhän'er Iheilgenomuien, die Brnniten und »T-nellen, selbst die Flüsse vergiftet. I» Solingen wollte man wirtlich <"Lft in einem Brunnen gesunden haben Airs der Tortur bekannten einige Inden und Aussätzige fiel) zur Thal. Run brach ein Sturm des Fanatismns, der llestialiichen Rachsnclit itnd der gemeinen. Habgier los, wie ihn Enröpanie votlier und'nie nachher gesehen hat Tie Spser zählten-in einzelnen Städten »ach Tausenden Piele tamen durch Selbstmord der Pöbelwnlh zuvor. Pergeblich erllärtc Papst Clemens VI. in „zst'ei Bullen die Inden sür'nnschttldig. Ein Ajnl sanden die durchschnelle Flucht (Geretteten nur in dem iepne» »,'iltianen. Toch nicht bloß nm der Religion und des angedichleten Perbrechens ' willen richtete sich der Polksbaß gegen die Inden: es kam noch-ei» drittes, ebenso statt oder skärler wirtendes Motiv hinzu. Tie Inden liehen Geld ans Zinsen, ' sie, wären Wucherer: sie trieben ein zwar ' unentbehrliches, aber gleichwohl, sündhasles (bewerbe, 'und saugten, so hieß es, die Christen ans, Tie Beschuldigung war nick» unwahr und doch ungerecht.... .Tie Inden hat der Christ erst so gemachl-, dies sagt uns die (R-schichte seit dreizehn Jahkhtnidctten mit lausend jungen." Töllinger schloß .feine Rede mit folgenden Worten: „Biel zu 'lange hak. die falsche, abscheuliche Veltve, daß die Bcenschen bernsen seien, Sünden und Perirrungen der Porsahren an den schuldlosen »lach kommen fort und fort zu rächen, die» Welt beherrsche inid die ».'ander Europas mit ("retielti und Schandihaten bnleckl, von' denen wir schandernd-uns abwendcn. Wehe tuis'nnd nntertt Enkeln, wenn jenes Rachegesetz gegen die Rachkommen der Tenlschen, Franzosen, Spanier » und Engländer des Mittelalters jemals zur Änwendnng toinmen sollte! Eincs aber ist, was die heniige, antisemitisch sich nennende »Agitation nicltt vergessen sollte: Haß nild Perachlnnglind (»Ksülijle, lranrig und nuerguicklich für den, .der fie. hegt, peinigend nnd erbitternd für de» , davon »Betroffenen Schlinim, wenn,- n,n biblisch zu reden, ein »Abgrund den anderen aurnst! Unfer PJahlipruch fei und bleibe das »Work der Sophokleischen »Antigone: ».sticht initznlranen, »liivalieben bin iä: ca'" >D»s COltfc-i'UiltitiC Hülldbllch.l Tie dentselien Conservalive» alle, Schallirnngen haben bin Handstnch heransgegeben, welches auch ttnler dem Stichworte „AntHeinitismns" die Tenlschland zur «Schande gereichendeverwerfliche »Bewegung behandelt. Tiel'e »Ansei,,and>->sevnng, bemerti treffend der „»Berliner Börsen Courier", ivill es aller. . »Welt recht machen: den sogenannten reinen »Anttseunlen, den prallischen »Antisemiten, den »Banernfünger Anl.isentiten nnd schließlich sogar denen, die vom Antisetnitisnuis nichts wissen wollen. Es wird inner »Anderem behauptet, „daß unler den großen »Wohlthätern der »Menschheit, de» Ersindern, fast gar »keine Inden sind." »Abslralnren wir von der Con seisiön »nd Abstammung der pale»n.latnllich als Erfinder »Anerlatinlen, so ist es doch sonderbar, daß Com'crvative weder Moses' noch den Stifter der christlichen Kirche, wenn sie auch keine Valentinen Er sind*,- waren, unter die Wohllhäter der »?R'en,chheit> eingcreihl ivinen wollen, -lieber die kirchliche Organisation der Inden ivird dann der »Aufschluß __ Nlhcilt, daß sie über ein „klnünßreichcs »llrieslerihnm" vktsügen. denen Gebokc'dcr geringste Jude achte: und sürchtL mehr als das Slrasgeieiz. »Run gibt es aber bei den Inden überhaupt sein „ejnslnßreiches Priester thum". So viel, meint das obeewahnle. Berliner »Blatt, wird woht einer der Redaetenre des Handbuches, Tr. »Arend-i, ans der;4e,t. da er »och Jude war, 'im-(Gedächtnisse behalten haben, ilin dies zu t

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