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Freies Blatt · 1892-07-31 · 17 (31.7.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
17 (31.7.1892)
Date
1892-07-31
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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f Freies MM Atwiinementspreis: 3UI* 2lbll>cl7r bcS 2llltifC11UttSUlUS. Redactio» und Slöiuiiiifiratioa: V»«miäl)ti9 mit t<of»uf»nbuiifl . st. *.50. " _ It'ini Birrl-Ij-br.fl.—.SN.M!IP»P,ul-nb.k> — 6... Ein,-ln- Numm-rn t kr. Erscheint a» jedem Sonntage. I. KeiceryAtte 10. Nummer 17. Wien, 31. Juli 1892. I. Jahrgang. Bismarck lind der Antisemitismus. DdS Charakterbild des Fürste» Bisniarck Ist, wen» nia» seine ,» verschiedenen Zeiten verschiedene Stellung gegenüber dem Anli scmilismnS beobachtet, unstreitig ein schwankendes. Cs ist dicS nicht bloß eine Folge der Bcrwirriing, welche durch der Pavtcicn Haß und Gunst hervorgcrufen wird; schon die große Verachtung, hi« Fürst Bismarck Zeit seines Lebens gegen das Festhalten an Principien bekundet hat, bringt eS mit sich, daß er von den Cincn als der Schöpfer des Antisemitismus je nach ihrer Ge sinnung gelobt oder getadelt, von den Anderen als ein Förderer der jüdischen „Machtstellung" i» Deutschland ausgcgeben wird. Die Bismarck'schc Realpolitik, welche.sich durch keine Präcedc»;- fälle, »och weniger aber durch Bedenke» grundsätzlicher Natur binden ließ, wählte auch, wenn es sich um die Inden handelte, jenen Standpunkt, der ihr gerade passend und ersprießlich schien. Bis' marck, welcher einst die Inden von staatlichen und richterliche» Posten ausgeschlossen sehr» wollte, da er sonst seinem königlichen Herr» nicht freudig dienen könnte, fand zu Beginn der Sicbzigers'-chre, hnfi das religiöse Bekennlniß mit der Cignung für ein SlaatSamt nichts zu schaffen habe, und machst sogar durch eine Bemerkung über das Berständniß, welches Angehörige der jüdischen Confrssion für die Staatsbedürfnisse zeigen, seinem damaligen treuen Mitarbeiter Eduard Laster ein Complimcni. Slöcker's Action fand Anfangs an dem Fürsten Bisniarck einen wohlwollende» Gönner; in ihrem weitere» Berlaufe stieß sic aber auf seinen Widerstand, und Stöcker selbst war, obwohl er ein Hofprcdigeramt bekleidete, nahe daran, auf Grund des SocialistengesctzeS aus Berlin ausgewiesen zu werden. Wie denkt nun Fürst Bismarck jetzt über den Antisemitismus? Angesichts der Bordringlichkeit, mit welcher ihm in jüngster Zeit namentlich sächsische und österreichische Antisemiten ihre Verehrung bezeigten, während andererseits eine Berliner Bande von Raren- Hetzern über ihn den Stab brach, ist ein die antisemitische Agitation' behandelnder Artikel der „Hamburger Nachrichten" bcmerkenswerth. Wie die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" in dxn Tagen der Kanzlerschaft des Fürsten Bismarck „freiwillig goüvernemcntal" war, ebenso freiwillig stellt daS Hamburger Blatt seine Spalten dem in Friedrichsruhe? ansässigen Minister a. D. zur Verfügung. Cinzelne Sätze in dem eben erwähnten Artikel der „Hamburger Nachrichten" tragen denn auch unverkennbar ein echt BiSmatzch'schcS Gepräge. CS wird zunächst hervorgehoben, daß die „Hamburger Nachrichten" der antisemitische» Bewegung gegenüber bisher eine gewisse Zurückhaltung beobachtet haben. Ohne die Absicht zu hege», fürder anders zu verfahren, halten sie aber für nützlich, einige Gesichtspunkte in de» Vordergrund zu rücken, deren Beachtung sie in der DiScussion über den Antisemitismus öfters vermißt haben. Die bisher betriebene antisemitische Agitation könne schwerlich Ju einem praktischen Ergebnisse führen, denn Maßregeln wie die Bartholomäusnacht oder die Sicilianische Vesper würden selbst die leidenschaftlichsten Antisemiten kaum für möglich oder zulässig halte». Für Auönahmsmaßregelu, wenn man sie überhaupt.für bestimmte Bevölkerungsclassen in Anwendung bringen wollte, 'würden sich Objecte von erheblich größerer Schädlichkeit für de» Staat als die Juden darbictcn. Die Gefahr, die dem Staats und der Gesellschaft von der Socialdemokratie.drohe, hasten die „Hamburger Nachrichten" für weit ernster als diejenige, welche auf die T Uebelstände zurückgesührt werde, die sich aus den jüdischen Eigenthümlichkcilc» für daS Erwerbsleben und die geschäftliche Moral ergeben.' Was die Antisemiten Vorschlägen, würde selbst, wenn sich eine Negierung fände, die cS. ausführte, das Nebel, welches den Klagegruud bilde, nur verschlimmern; so würde» sich dicjenigcu intelligenten jüdische» Elemente, die von der richterlichen und An wallölansbahn ausgeschlossen würde», dem Handel und sonstigen Erwerb znwendxn. Den Hauptgrund des Aergrrs über die Juden bilde aber die größere Erwerbsfähigkeil derselben. Diese entspringe unauSrottbarcn EtammcSeigcnschaflrn: der Jude sei, so lange er noch kein Vermögen erworben, arbeitsamer und sparsamer als viele seiner christliche» Mitbewerber. Andererseits erkläre sich die größere Fähigkeit der Inden zum Gelderwerb daraus, diiß sic finanziell mehr wage» als der' Christ. Der Jude sei im Kugelregen vielleicht nicht tapferer und kühner alsder Christ, aber bei Geschäfts unleriikhmungrn sei er entschieden coüragirlcr und riskirc mehr. Der Jude sei ohne Zweifel durchschnittlich auch scrupclfrcier in der Wahl der Mittel, die seinen Unternehmungen dienen. Dies Alles gebe ihm einen Vorsprung im Gelderwerb, der sich durch gesetzliche Maßregeln nicht beseitige» lasse. Die „Hamburger Nach richten" schließen: „Ist aber der Jude von seiner Geburt ab mit einer größeren Fähigkeit für den Gelderwerb dotirt, so wird man diese Begünstigung, die er für seine Erwerbslhätigkeit von der Vor^ schung vorauserhalten hat, nicht dgrch fortwährende Declamationen über die Schädlichkeit dieser Naturgabe beseitigen können. Schreien über einen Schaden nützt nichts; man muß Mittel zu seiner Ab stellung anzugeben wissen. Und das,vermissen wir bisher an der antisemitischen Agitation." Fürst BiSmarck hält also die antisemitische Agitation, wie sie jetzt betrieben wird, für nutzlos und erwartet von ihr kein wie immer geartetes praktisches Ergcbniß. Allein trotzdem ein Theil der Antisemiten gegen ihn selbst einen Bannfluch geschleudert hat, synipathisirt er mit ihren Bestrebungen. Das, was die Antisemiten als Thatsache hinstellen, die angeborene und durch geringere Bedenken bei der Wahl her Mittel erhöhte Erwerbsfähigkeit der Jude», läßt! auch Fürst Bismarck als. solche gelten, und er vermißt nur zwcck- . entsprechende Vorschläge zur Abstellung der Uebelstände. Ausnahmsj maßregeln gegen Inden würde» seines Erachtens die Sache nur vcr! schlimmer»; eine günstigere Wirkung scheint ex aber noch immer von I Specialgesctze» gegen dieselben Socialdemokraitcn zu erwarte», denen j er einmal eine Provinz in Entreprise geben wollte. Der Artikel der. „Hamburger Nachrichten" läßt den Juden von der „Vorsehung" für seine Erwcrbsthätigkeit eine „Bcgiuistiguwg^ vorauserhallcu", s die, wenn er sie wirklich besäße, doch nur ein Product jahrhundertelang währender staatlicher Institutionen wäre. Auch sind die Anti scmilen keineswegs so gulmülhig,'wie das Hamburger Blatt angibt. Sie schrecken durchaus nicht vor Gewaltactc» zurück. Die russische Procedur gegen Jude», das Mißhandeln, Berauben und Fortjagen derselben wird in deutschen Antijemitenblättern der vatcrländflcheii Obrigkeit als zinchahmenswerlh^angeprieseiij und in Oesterreich fand sich schon vor Jahre» ein antisemitischer Wicht, der in äffe»! licher Versammlung eine gegen Juden gerichtete neue Auflage der Sieilianischen Vesper in Anregung brachte. Doch wäre eine müßige Aufgabe, all die unrichtige» Voraussetzungen und fälschen Folgerungen darzulegem die sich in dem Artikel der „Hamburger Nachrichten" finden. Das Interessanteste gn demselben ist ja verklär hcrvortrctende.Umfland, daß Fürst BiSmarck als frondirender. Ex Kanzler es für opportun erachtet, die guten Beziehungen zum GroS der antisemitischen Partei 'aufrechtzuhalten, ohne für deren ITIi.y< Ä'jv-'d

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