Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 15 (17.7.1892)
- Date
- 1892-07-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 15. s *- freies Blatt. ■rcito •'! — 14. Juli. Heute hält der erste Siaatsanwalt, Tr. Baumgard, sei» Plaidoyer, welche« er mit de» Worte» schließt: Es ist gesagt worde». die Lache bleibt u» ansgcllärt, weil eS sich »>» ei„e» Inden handelt, Rein, niciue Herren Geichworncn, nicht tveil cssich »m einen Hilden handelt, ist die Lache unklar, sondern weil sie »nllar ist, deshalb hat inan zu einci» Hilden gegriffen. Man behanptele: es ,st von einet» Juden ein „R i l na linor i>" begangen' >vo>den. Ta;u bedarf cs keiner weiteren Motive, es bedarf blotz allgeiiieiner Per-.' dächtignnge». Allein Lie, ineine Herren Geich»ornen, habe» die Pflicht, Alles, ivaS außerhalb dieieS Saales vorgeht, »nbeachlet zu lassen^ sondern lediglich ans Grund der Thatsachen, die Lie selbst mit eigene» Augen und Tbrcn gehört , „d gesehen, Ihr llrthcil abzngcben. Aus Grund der Bew.'iSansnahmc tan» ich nicht anders, alS anSPslichl nndGeivissni denAntrag ans Rickitschuldig stelle». Ich bitte Lie, mesne Herren Gelchtvornen, sprc.lien >ie den Angeklagten frei. l-Halblantrs Bravo im Auditorium.i — Tie Pertheidiger weiten ebenfalls in nbei^engendster Weise die Unschitld Bnut, hpiis nach. Einen nbertOülligenden Eindruck »lacht die stiede-des illechlegnivalls' GainincrSbgch, der besonders dei> „Ritnalinord" behandelt. - Te' Prä i ident beinerkl den Geschtvorncn, daß der'leichter ans einer höheren Warte liehen niiitse als ans der Jinne der Partei; -? a^eBe > diet derei ch iv o r »t»(l« u t e l auf Aich lieh ntdig, und aus Grund de?s eiben wird Buschhoss-ire.i gesprochen. Tic J-reiiprcchnng des Angellaglen ivied von dein Publicum mit lebhaftein Beisalle ansgcnon»nen. Der unliscniitisct^e Ter bcfanntc Professor Heinrich v. Treilschte hat Invon der Vchrkanzel ans den gewagte» Ausspruch gcthan, das; in der ilcuere» Viteratnr die „J^dc»jungen" die überwiegende Majorilril bilde». An», cs mag ja sein, daß dank dein selbst durch reaetionäre lliolabiliiäten nicht aufhaltbaren Tortschrittc hyntc eine größere Anzahl Inden von" (seist n»d Wissen 'Raine», Ansehen und Lkellung auch in der Vileratnr erringt, als dies zur schönen ^eit der ausschließlichen Privilegien riiy die Hochmohlgcborcitcn möglich war. P.-cnn indessen Professor Treitichtc die Ltimilkcn nicht gezählt, sondern gewogen hat, so inöelne ich gerne wissen, wie er jene „überwiegende Majorität" lieransgcbracht hat. L aß er Hebbel und C. Ludwig, <Rubel, stiedwip, Bodcnstedt, Ltoriii ljub stientci, Lchcssel nnd Panmbach, Wilbrandl »nd Hense, Lvielhagrn und Trchtag, Hatticrlitig nnh Rosegger für lauter Jndenjungen hält, lann man ihm doch.nicht znmnlhen. lind sind vielleicht Poß, Luderman», -Rreper, Heiberg auch Juden? Lder ivirb der E linst Wilden bvnch vielleicht in Preußen nicht genug respeetirt nnd . vor jüdischer Evnenrrcnz gcschüht? L och sei dem wie ihm wolle, gewisse Vcnle stellt» Belianptnngen uichl deshalb ans, »in dieselben obendrein auch »och zu beweisen, nnd Professor v. Treitschic ist ein sogenannter „anständiger Anli'emit".. ver Antisemitismus aber fordert strenge die n.nbcdingie Ancrlennnng iuid fraglose 'Rachbetnng seiner Logmcn, gleichgiltig, ob der Bekennet nun ein Hohcrpricstcr der Wissenschaft oder ein ehrsamer Lchneidermcister ist. Es darf uns daher auch gar nicht ivnndern, eine der ichalsten antisemitischen Phrasen von cincni Historiographen des preußischen Liaates, ansgesvrochcu;n hören, die wir sonst nnr von literarische» ' Raunlcgicßern ans der Pierbant zu hören gewohnt waren, llrarn'ch Lichter, welche vor den Angen der Antisemiten Gnade. finden würde» sind inomcntän nicht ans Vager. Eine jede weltbewegende Idee und eine jede politische Richtung, die antike Weltanschauung so gut wie das Ehristcnthnm, -Ratholieisiuns nnd Protestantismus, die liberale, demrH kratischc nnd auch schon die soeialistischc Idee, alle haben ihren Länger gcsnndc», ivenigstens einen Lichter von Gottesgnaden. 'Rur der Anti! scmitismns, der Alles tann und in den Herzen seiner Petenner alle Tugenden weckt, ,hat trop der allzu langen Zeit, die er schon in finsteren Röpsen rumort, noch, keinen Lichter begeistert, noch leinen> Tunken wahrer Begeisterung in cincni Pöctenhcrzcn entflammt. Ler^ antisemitische Parnaß ist - ein kahler, öder Gipfel, wo sich, in einer sterncnloscn stürmischen 'Rächt höchstens die Gespenster überwundener Bornrthcilc ein Ncndczvons zu cincni Herensabbath geben. « Um diese traurige Thatsache, welche zugleich eine vernichtende..klrilit enthält, hinweg zu cscamotiren, wenden die Antisemiten ciu sehr alles, aber tzopdem geschmackloses Mittclchen an. Lowcit sich Lichter nicht gerade gegen - die Raccnhchc in unzweideutiger Weise ausgesprochen haben, oder soweit dies den Herren unbekannt ist, wie »cncstcns bei Bodenstedt, werden die Acrmslcn einfach angcetirt. Bei Lodtc» tann dies um so eher geschehe», als sich dieselben gegen die schmachvolle Ehrung .nicht mehr wehre» können. Alle übrigen, in erster Vtuic nämlich die jüdischen Lichkcr selbst, werden einfach als null und nichtig crlläri. Man kann sich noch der lächerlichen Heine Heben erinnern. Mehr als das Zehnfache von Hcine's eigenen Werke» wurde gegen Ihn geschrieben, und cs hieße diesen herostralischen Raliiren z» viel Ehre anthnn, wen» man ihre Raine.» nennen wollte Ei» jeder halbwiicknig- Gymnasiast glaubt sich berufe», über einen Lichter alszunnbeilen, den djie Besten seiner .^cil und der '.>zachivelt wenigstens als i.ul)Ui »n bedingt anerkaiint haben, und»-ei» Lnbnnal' von «^assenpoliiiteni, 'lradanbrüdern und Bnrschcnschastern Hai Hcine's Bertrcibnng ans der- >zaht deutscher Lichter feierlich dcerelirt. 'Lö^ein Pfahl im Tleiiche. der jeden Augenblick daran gemahnt, daß.anch Inden ent lieses und zätt lichcs (>st'niülh liaben können, darf »ickn geduldet werden, darnin hinaus mit ihm! Lie inertten nicht cinuial - das eine, daß all diese Dielen angestrengten, wiederholten 'Beiuühnugeui Heiuc's 'linhni todiznichlagcn, nnr denen klnstcrblichteit bciveiien Bill Heine mußte der Jude Borne , vom deutschen Parnaß steigen, »n> einigen aniisemilischcn Pasgnillanlen nnd Pamphletiste» -Plad zu..mache»/ die sreilicki. s»r die EhrcZ cnktch >a»ds nie ins Eril gewandert sind, dafür aber umsomehr bei bei den heimischen Tleischlöpfeii den stins des deutschen Bottes renn vromiliiri liaben. lind so erging es einem Auerbach, dem geiliüihvollen ' Lehilderer des deniichen Bottslebens. einem .stomveri, dem originellen j tDheliodichter, Beer, dem Lichter d^s Llrnensee n. v. a. Lie'Alle wurden ans dem Parnaß 'gestoßen, nickjl ihrer dickneeischcir! 'T.naliläie», sondern ihrer. Angehörigteil zum Jndenihn.ne wegen. Eiir zweites Beiiviel ähnlicherCstnunnitgsverwirrnng wie' in dieikm Talle j lcnnl wohl die ('VKlitdiU' nullt. 'Aber der Anliiemilisrnlis Hane' sich! damll noch»ickn selbst 'trberbölen, und dies inns; er ans jede:» t^ebieie ihn», io sck>einl es.wenigstens. , Als nran sich dal>er in dem nnelgilickltck>en '.''eschafte. der Perlleinernng .bei den >>riden -hseljopsi Halle, ging es, ^vie in. der Polilil, so in der..stnnst, nm^srischer .strasl 'an die sogenannieil Tndentnechie. i Vessing war so ein Jndentnechl, der in seinem „M'athau" cine.Avologic j der religiösen L ntdsamteil geschrieben inid Inden von ihrer rein nicnsch lichcn Leite gezeigt hatte, lieber die dichterische ilnd' literarische. Be dcntnng Veistng's streiten wollen, hieße etwa so Diel als a>r der Höhe des «"'aurisantar zweifeln. Lgs geben lliis auch Tranzosen und Eng länder gerne zu. 'Rickck so dis Antisemiie», für ivelrhe Vessing l'chrm . deshalb eine uus>i»rpalhiick>e t^'estall sein Nrnß, tveil er der Baler der .striiit war, jener verhaßieit >Ciitif,^ die fic n»i liebsten durch. Bracht sprüche antisemitischer Tubnnalc.'erievt wissen möchten. Aber erst '.'einiig, der Bersancr des ,,'Ralhaik". tounlc der wirklich ein „denlicher" Lichter sein? L übring, meines Wissens der erste, sagte entschiede» t 'Rein l „'Roch niemals", sagte dkeies antisemitische Tratet, „ist eine 'Ralion mit eirieni Autor so arg getäuscht ävörden, wie die.deutsche durch die Inden .iliil Veistng!" 'Rlir, endlich war es heraus! L urch die Inden! Lebastlan Brunner, der sich inil Liolz den ältesten Aniisemiten voll 'Wien'nennt, einen „Eh>elk"-Titel, de» ivir ilnn ancki lassen wollen, dieser haiidseste .Rampe ging dann ans?>ellg, nns.den verjndelen Vesstiig im währen Vidltc zu zeigen, drn Ve'ling, „der immcr.in Lchirlde.n uiid stets in Jndenhänden'' war niid selber gestanden, daß'das auch ciue» Eintlllß ani seine Arbeiten, ans die Biaierie, liber welche er schreibe, ansübe', und der selbst, wenn anck, wider Wille», den indireeten Beweis dafür erbrachte, was cs denn, eigentlich mit dem Lnealengeschent. der 'Alusterdamcr Tndenschast an ihn l'nr eine Bewandtüiß gehabt, jenen Veinng, denen dringende Wechsel nock> während der Ablassnug des .'Railian' cdelmüibige Inden beglir^en Raben - mit einem Worte: den'wahren, nicht den lieilig'en,. sondern denniuheitige», heil historischen Veising." - . t Lieie Lchmähschrisl. .welche allen Ernstes den -stachweis' zu erb^iipzen glaubt, daß Vesüng „im Lolde der Inden" gestanden und geschrieben, »ins; einem jeden Biann von. literarischem Emvsinde>l die Lchamrötlie ins «istmcht treibe»,., nnd schon das Vesen dnuli einem- Lündc, wie eine Lchmähung eines vielgeliebten, lhenren Wesens stleberbote» wurde dieses literarische Berbrecheu vielleicht'nnrnioch durch die Totlhänslerei eines gewissen ' Lr. P. Albrechl in Hamblirg, der sich allen Ernstes an den 'Racknveis mack>lc,' daß Vessing's. „Lamnulickie Werte" eigentlich nichts als eine-Lammlung von Plagiaten," eils erchi jiltischcs Talsisieat seien. Lieier mer/würdige.-Ranz »lachte auch noch die. ailderc Entdeckung, daß Vessinü's bekanntlich. vielbewnnderter und unnbcrtrossener Meisterstil tvciter „Roch einen anderen Einfluß - äiomik in dciii barocken Urten — nichts als — „Genianschel" >ei heißt cs da. mit unvergleichlicher hat der stete Umgang mit Jhnden auf Veßing gehabt, nnd cs wäre ihnndcrbar, wstin er denselben nickn gehabt hätte. Vcßing -hat sich in jhüdische Hhperbcln und Ausdrucks weisen hineingclebt nnd, wenn ancki der Abstammung nach reiner Llave, durch Anpaßltng viel Lckicniilisckies erworben. Je länger dieser Umgang gedauert hat, desto slärter tritt, diese Berjhndnng Vcßing's hervor, nnd so ist cs erklärlich, das; er nicht" in den Jugendstucken/ sondern gerade i» seinen drantalischen Meislerweite» von Zeit zu Zeit p loh lieh anfängt zu mauscheln. Lie Höhe der Berilnidnug Veßing's )