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Freies Blatt · 1892-07-10 · 14 (10.7.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
14 (10.7.1892)
Date
1892-07-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Abonaementspreis: (Dt’lJCUI ZUV 2Jbu>el}t bcS 2'lHti)VlllitisUUlS. aitbatliou unb Abmiiiistraiioii: r«a«,i°»rig mit Pofl,uf-I>dun<, . fl. 2.50. _ lOiCll ~~ üOrrlcliafirfl — 50.MU Postzufknh. ft -.«5. - Ein,tlnt Nummern i Ir. ' Erscheint au jedem Sonlitage. . . I. Keilsrstätls lo. Nummer 14. Wien, 10. Juli 1892. I. Jahrgang. Fanten. Das malte Städtchen .Unten am Niederrhei» ist classischer Boden, denn nach dein Berichte der deutschen Jliaö war kein Geringerer dort zu Hause, 'als der prächtige Held — Siegfried. Lauten gewinnt dadurch die Bedeutung eines gci manischen Bcllchci», denn von ihm ging das Licht aus, dessen Verkörperung Siegfried war. Die über die Mächte der Finstcriiiß sieghafte Frühlingösonne, daS anfklärende, scgenspendende Licht, das ist Siegs,ied in der deutschen* wie Achill in der griechische» Lage. Wir wollen aber keine mythologische Vorlesung halte»; »Ns kamen diese Gedanken nur so in den Sin», als in der letzte» Zeit der fast vergessene Name Lantens urplötzlich wieder im Munde Aller war. Aber aus w.lchem Anlasse? Nicht weil von dort das Licht und die Ausklärni g ausgingen, sondern weil die Mächte der Finstcriiiß dort eine wilde T4gie veranstaltet haben. Vor »u» einem Jahre wurde in Lauten ein fünfjähriger Knabe in eine», Stalle verblutet und todt aufgefunden. Es war ein Moid vorgefallen — was ist daran Besonderes? Geschehen sülche -rnngt nicht leider Lag für Lag? Die geschäftige Fama bemächtigte sich der Sache; der jüdische Schächter Buschhoff, dessen Wohnung i» der nächsten Nähe jencö Stalles liegt, wurde als der Mörder' bczeichmt, und einen gewissen Schein von Berechtigung erhielt dieses Ge» ücht durch den Umstand, daß der Knabe regelrecht geschächtet gewesen sein soll. „ Buschhoff fautmt Familie wurden verhaftet, »ach längerer Zeit mangels ausreichender Beweise wieder frcigcgebcn, später jedoch wieder eiiigezogc». und während seine Familie neuerlich enthaftet wurde, hat er sich seit 4. Juli vor den Geschworen!» zu Eleve zu verantworten. E«n voruriheilsfreicr Beobachter kann in dem Lantcner Falle noch immer nichts Besonderes erblick n, das einzig Aussäilige dabet ist vielleicht daß ei» Jude — was nicht häufig vorkouimt — unter dem Verdachte des Mordes steht, und daß der Mörder so plump gewesen sein soll, das Verb echen in einer seine Person und'seine» Beruf leicht verratheudcn Weise zu vcr üben. Allein einer gewissen, als politische Partei sich gerirenden Bande gelang cs, das Urtheil des Volkes über jenes Ereigniß absichtlich zu trübe» und zu verwirre» und auS der alten Siegfriedsladt ein zweites Tisza-Esztnr zu machen. Kaum hat die Behörde! den Thatbcstand in Lauten zu erhebe» Zeit gefunden, und schon tauchte in der gesammle» antisemitischen Schandpresse die bc-! stiminteste Behauptung auf, in Lauten hätten die Jude» abermals I an cjnei» Ehristenknabe» eine rituelle Abschlachtun'g verübt. Von j diesem Momente a»-entwickelte sich das fluchwürdige Treibe» der : Antisemiten genau »ach dem Vorbilde deS Falles z» Tisza-Eszlnr : mit einer Folgerichtigkeit und Regelmäßigkeit, die wohl aus eine! feste, geheime internationale Organisation der als Antisemitismus! sich gebenden Niedertracht schließen läßt. Hier wie dort die künstliche Erzeugung und geschäftige Verbreitung von Gerüchte», nachdem bloß die einzige nackte Thaisache eines geschehenen PerbrechcnS constatirt war. In Folge dessen sowohl i» TiSza-Eszlür wie in Lauten brutale Hetzen gegen die arme jüdische Bevölkerung, verbunden mit Plünderung und roher Gewalt thätigkeit. In dem eine» wie in dem anderen Falle werden Volksversammlungen arrangirt, um auf eine angebliche Beunruhigung des Volkes, die man selbst erzeugt hat. Hinweisen und /die Sache im Parlamente zur Sprache bringen zu könne», che noch der Untersuchungsrichter in vorurtheilSfreier Weise seines Amtes ge-, waltet. I» Deutschland wie seinerzeit in Ungarn die-sonderbare Erschei uug, daß die antisemitischen Zeitungen über den Ging der Untersuchung merkwürdig gut unterrichtet, waren und von Tingen wußten oder wisse» wollten, welche durch das Anitsgeheimniß jedem hätten verschlossen bleiben sollen: hier wie dort die noch merk würdigere Thatsachc, daß miau vom ersten Augenblicke an, vielleicht in Folge einer besonderen DivinationSgabc vorhersagle, hier handle fö sich mit keine» gewöhnliche» tdriminalproeeß, hier werde es eiwt ea'i.-jt: ci'lt-tiie. gfbf», und endlich hier wie dort dieselbe» Versuche, die Justizbehörde», welche nicht im Sin, c der Anti sein! len. sondern streng nach Gesetz und Recht Vorgehen wollten, zu verdächtigen, zu verleumde» und wo möglich von ihrem Platze zu verdrängen- Kurz, der Parallelismus; vischeu dem Falle von Tisza Eszlnr unk dem zu Lallte» ist so conseguenl, daß auch nicht der kleinste Zug die feinste Nuance fehlt, nur heiße» die JslüczyS .und OnodyS jetzt Wackerbarth, und an die Stelle des „Fuggetlentse-g" sind das „Volk" und die „Neue deutsche Zeitung" und ihresgleichen getreten. °°if die Geschworenen;» l'fi-m- »'-«!; :;?» wc: *c:’ natürlich nicht wissen. Das Eine wissen wir' -aber ganz bestimnil, daß sic schliminsten Falles Buschhoff des Mordes schuldig spiechen können. Um als.Motiv der Thal ein angebliches jüdisches Blut ritual eonstatiren zu köiincn, dazu, bedürfte eS der Anwendung der Folter, und um für ei»"solches Motiv auch nur ein Zeugniß auf zut-reibe», dazu bedarf es der ganzen schamlosen Agitalionskünsle, -welche die aiitisemilische Internationale neuerlich wieder in Anwendung gebracht hat. Angenommen, jemand wäre theoretisch nicht davon überzeugt, dass die ganze Geschichte mit den-rituellen Morden ein bloßes Ainmen^iiärchen sei, angenommen! Wenn der B-lr-sfende ein. ehrlicher Mensch ist, muß er da » nicht erst recht wünschen, daß die Unteisuchung ihren ruhigen, »»gestörten Ging gehe, und de» Motiven erst nachforsche, wenn sie übers die Thalsachen im Klare» ist? Mil der nnlisemilischcn Moralm'rträgl cs sich ab r ausgezeichnet, die Sache wider alle Vernuüft auf den Kopf'zn stelle» und auS »nterschobene'n oder wenigstens bloß vermuthlichcn Molive» Thatsache» zn folgern; mit dieser gepriesene» Moral vcr trägt eS sich wunderbar,-auf die öffentliche Meinung und auf die Rechtspflege einen unerhörten Druck ausziiüben,-um nur um jeden Preis zu einem für^ de» .Antisemitismus günst'ge» Resultate zu gelangen. Diese Moral hindert gerr nicht, daß gerade jene auf . diese Weise die ärgste Eorrnptio» verbreiten, die unaufhörlich »her Eorruption zetern. ’ Noch vor zehn Jahren mußte sich die internationale Antisemiten bandc in ein elendes PuSztendorf flüchte», ni» eine derartige Komod'ie in Scene setzen zu können. Es ich ein lrau/iM Zeichen der Zeit, daß man es heute, im Jahre 1*'.»:?, wagen "darf, die elbe Geschichte mitten im Deutschen Reiche zur zweiten Aufführung;» bringen.' Allerdings macht sich dieser Wechsel des Locales'auch gehörig fühlbar; trotzdem man von antiseniilischcr Stile fleißig bei der Arbeit war und aiz. der Aufwiegelung der Me'nge ^urrch den Lanlener Knabenmord nichts versäumte, gelang cs doch nicht, die W.lt für denselben so zu interessire» wie seinerzeit durch de» Tisza Eszinrer Proceß. Gewisse Knnststückchen verlieren eb.ii an Zngkrafl. Nichts dcstowenigcr wird auch der Lantciuer Proeeü — er ende wie er wolle — schon durch seine Präccdenzic» yislo-.ijch deiikwürdig bleiben als Snmptom »nscrer Zeit. * 1: 1

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