Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 13 (3.7.1892)
- Date
- 1892-07-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 13. Freies 8 l a 11. 5citc 3. lohnenden Erwerb als Fuhrleute, indem sie ■ mit einem T chiengespann und einer zwcirädcrigcn Tclcga den Waarenvcrkchr zwischen dem Rjcmcn und der Stadt vermitteln; einige hundert sind i» den Fabriken, vorzugsweise in den Tabakfabriken beschäftigt." Bon Kowno begleiten wir den Bcrfasicr in eine der grössten Jndcnstädte, nach Wilna. Hier stellen die Jude» zwei Trittel zu den (bewerben, nnd die Meister zahlen da ihren t^escUen tcincswegs die berülmiteii jüdischen Hungerlöhnc. „Tic Gesellen erhalten außer der Rost 100 bis 150 Rubel JahreSlohn, ein Berdicnst, der in Rußland, wo dicArbcitslöhne noch sehr niedrig sind, durchaus kein schlechter' ist." Ter Bcrfasicr fährt dann fort: „(Sine erfreuliche Wirkung hat die Uebersüllung cinzclncr (bewerbe mit -Juden schon hcrvorgebracht: auch hier beginnt sich die jüdische Bevölkerung gleichmäßiger aus die einzelne» Erwcrbszwcigc zu vcrtheilcn, nnd sie lernt immer mehr, auch die siörperkraft anszubildcn und zu verwcrtheu. Richt nur unter den Taglöhncrn nnd Vasttrügcrn, auch unter den Holzspaltcrn, Pflasterern, Wasicrträgcru u. s. w. trifft man Juden in Menge. Unter der Hausdiencrschaft, namentliel, der weiblichen, sind sic sehr stark, fast zn einem Trittcl vertreten. Pie Rulschcr aller Vohnfnhrwerkc sind Jude», ebenso 00 vom Hundert der Troschkcn futscher. Auch in den Fabriken bilde» Juden einen bedeutenden Bruch tlieil der Arbeiterschaft." . Ter Bcrfasicr entwirft hierauf ein anmnthcndcs Bild von den sauberen, gcmüthlichcn Heimstätten der besser situirtcn Handwerker, wozu er dann das Vebcn des zahlreiche» jüdische» Proletariats Wilnas in grellen' (''tgeiifaö stellt. Tic Glücklichste» von diesen Unglücklichen sind noch jene ausgehungerten, kränklich.auSschcndcn (Gestalten, denen man in alle» Straßen Wilnas begegnet, die „Faetore", die Allerwcltsdicncr Rastlos find sic von früh bis spät aus de» Beinen, stoßen und drängen sich, um einen Auftrag zu erhaschen nnd am Abend -K> Kopeken riiv Fra» und Rinder nach Hause zn bringen „Ter Stadttbcil, in dem sic hauicn, m ein wahrer Seuchenherd, nnd nur den nmiasicndstcn Bortehrnugcn der Polizei ntid der städtischen Behörden ist cs zu danken, wenn die ö'rfahr, die von dorther der Stadt ständig droht, cingcschräntt wird. Berpcstctc Vitft auf den Höfen, n:it den Treppen, in dt» Wohnungen! Ten Rainen Wolinnng kann man übrigens sebr vielen der Rännie, die dieser Arinnlb als Obdach dienen, kaum nockz. beilegen. Am greulichsten sicht es i» den Rellerwohnnngeii aus Ueber eine finstere, ausgetretene Holztrcpvc gehl eei zwölf bis sünfzchn Stufen abwärts, über allerlei Unralh binwcg, der auf den Stufen lagert. Eine moriche Thürc öffnet tich knarrend, und wir treten in einen etwa 5, Melc^ langen und 2 Meier breiten Rani», in den das Tageslicht nur durch eine kleine V ct't'innigüber dem Hot'vflaster cindringk. Sobald sich das Auge a» das Halbdunkel gewöhnt bat, unterscheiden wir längs der, Wände Holzbäntc, die mit allerlei unsauberen Vappcn nnd Vunipen bede>It lind, die den Be.wolmern als Vager diene». Und der Bewohner sind so viel, als auf den Bänken Raum sindeä. Häufig sind i» einer -Stube, die zur Ryth einen genügenden Vnftraum für drei Mensche» bietet, zehn bis zwölf zusammen gepfercht. Und dabei find die' Mietbsprcise durchaus nicht billig. Es sinden sich Unternehmer, die solche Wohnungen niiethcn und dann ein zelne Vagcrstätle» vcrmicthcn - - für ein Vager in'solch einem steiler loch werden' etwa 10 Rubel jährlich gezahlt, in Räumen mit mehr Vicht 2f> bis 550 Rubel." — Ticfcs also sind einige einem orlhodor russische» Gewährsmann entlehnte Züge aus dem Tasein der 'Ration von Millionären, des wirthlchaftlich „iibcrmächtigcn 'Gegners", gegen den eine weise, vielleicht - auch gar noch gerechte Regierung ihr Bolk durch barbarische Maßregeln schilpe» zu müssen glaubt. 'Rovikosi gibt sich allerdings alle erdenkliche M-ühc, die Wirkung dieser düsteren Gemälde durch Anführung einiger jüdiichcr Fabriksbesitzer lind wohlhabender Handelsleute abznschwöchen Allein wenn die angegebenen Zahlen und Züge ipirklich richtig und aus amtlichen Tstellen geschöpft sind, so kann uits kein Coinmcntar dcr Welt die Behauptung glaubwürdig niachcn, daß die rnifischen Juden nur ioin Wohlhabenheit schwammen nnd einzig dadurch die bekannten Maßregeln der russischen Regierung als eine» Act der Selbsterhaltnng hervorriefcn. Wenn wir zu Rovikosi's Buch einen Commcntar geben sollten, sowäre cs eher der: nicht den „übermächtigen Gegner", sondern den fleißigeren,- rührigeren Conenrrcntcn galt es aus dem Wege, zu räume»: nicht die Entrüstung über die „jüdische Unart, sich vom'betrügtrischen Schacher zn »ähre» und die schwere Arbeit de» Christen zu übcrlasicn", kann die wahre Ursache des russischen Antsieniitisinus sein, er wird vielmehr in dem Capital liegen, das sich einzelne" Juden zn erringen wußten und das ihnen, 51111t „Schutz dcS wirthschaftlich Schwächeren", nun abgcnominen werden soll und wurde, Tont comtiu1 diez noiis. E. V—r. ] (Cyilt Wort des Kaisers.) Ter Raiscr empfing, während'er in der abgclanfcnen Woche in Brünn weilte, auch eine Adclsdcputation, welcher der schlesische RcichsrathSabgeordnctc Freiherr v. Rolsbcrg ' angehörte. ' Tiefer wurde durch eine kaiserliche Ansprache ausgezeichnet, und cs entspann sich folgendes Zwiegespräch: Raiter: „Wo'chatten Sie sich ans?"'— R0lSberg: „In der inährischcii Enclave.'l. — Kaiser: „ Immer int Vande V" — R 0 lsbcrg: „'.''ein,- Majestät, ich habe ein ReichSrathSmandat in ne." — At a'i f er: „Seit.Rurzcm'-'" — R 0 ls b erg : „Ja, Majestät, ich habe das T ü r k's ch c M a n d a l." — R a. iser: „Esin erfreulichxr Wechsel." ' Tr. Eduard Hcrbst Sv Am '25, Inns ist der berühmte Parlamentarier Tr. Eduard Herbst gestorben'. Mit ihm ist wieder einer von de» Baumeistern unserer freiheitlichen Bcrfasiung, ein ebenso gefürchteter wie geachteter Rämpc fivr Freiheit, gleiches Reckst und Humanität, -ein lelchastcr Förderer unserer Abwchridce, ans unserer Mine geschieden. Ehre feinem Angedenken! * -• , siililMilkc aus Die Bismarck Woche.) -Sic Bismarck Wache endete' für die Unverfälscht-Tentichnalionalc» nnd andere Rampe» des eltadau- AntiscinitiSinns mit einem -Fiaseo, das jedem ehrliebcnden Manne die Schamröthe ins (ilcsicht treibe» müßte. Tic anri'emiliichen Prcßorganc hakten schon int vorhinein de» 'Alt Rcichskanzler für sich. d. h. für. das Unnerfälschtenthiim und für den A'iitiicniitismns. ansickiließlick, in Anspruch genouimcii, und als Sr bald daraus thatiächlich den Boden unserer Siadt betrat, stellten ne sich mit ihrem halbwüchsigen Anhänge >'o, als gälte der Besuch ihnen, mid als hätten Eie allein die Psticktt, B i smarck in ihre r Weise z» begrüßen-, Wie Fürst. Bismarck über diese Form antisemitischer Gastfreundschaft schon »ach de» ersten vicr'iistdzwanzig Stunden dachte, haben wir bereits in der letzten "Rümmer berichtet. Einen wahrhaft brennciidcn Schlag "ins «Besicht versetzte der Fürst den zudringliche» Vciitchc» aber damit, daß er gerade jenes deutsch liberale C rga», das ans der antiscinilischen Proseripnonsliste an erster Stelle fignrirt, da;» anscrsah, um den Wiener» feinen warmen Taut iür die erhaltenen Beweise von Bcrehrnng und Freundfchafl auszndrücken. Tas „Batcrland", das den Antisentismus zwar gleichfalls hoch in Ebren hält, wenn, auch nur als Mtiel znin Zwecke, das jedoch keineswegs gewillt ' ist, auch die Bockfprüngc des nationalen, Aiiliiemitisnins iniizuinachen, äußert seine Schadenfrendc Viber dieics Erlittene Fiaseo in unvcrblüm- . teuer Weise. Hämisch tragt cs'die Tentschnaiionalc», was sie zu der Enllänschung sagen, die ihnen Bismarck durch die Wahl des Blaues zur Bcröffenilichnng seiner Tantfagnng bereitet? Was würden denn die Hcrrschastln, dir tich mir solcher Jiibrnnst an die Röckt'chöße Bismarcks gehängt habe», jetzt ansangcn? „Alp Bismarck Wien ver-s ließ," schreibt das „Baterland" vom -4 d. M . „hallen die Bedauerns-' wcrthen noch gar keine Ahnnng von der ihnen. bevorstehenden Uebcr-'^- raichnng Ser Abgeordnete Sie in weiider staiid sorgloswie ein nnschnldiges Rindlein in dem hinter dem Bismarck'scheu Salonwagen angekoppelten Waggon und' erklärte'jedem srendestraltleud, daß er die Fahrt bis St. Pölten mirn'iache. Auch der Abgeordnete Fuß stolzierte heiter auf dem Perron herum: der Glückliche balle zn jener Zeit »och keine .'Rene Freie Preffe' gelesen. Und w erging es anch chen anderen 'lungenkräftigeu Berehrcrn Bismarck s-, welche ihre Huldigung auf dem - Bahnhofe'därbrachten. Sic Alle blickten w fröhlich und tornblnincn frisch darein: — wer weiß, wie viele vö-n ihnen sehr verdutzte c^efichter gemacht und die Abschiedsfeier clitfacki „geschwänzt'" hätte», -wenn ihnen bereits das Abendblatt der .'Renen Freien Prene' Vorgelegen wäre". Während der schlechte Freund so un'ere Antisemiten hänselte, schäumten die Schriftleiter in der Vinken Bahngast'e vor Wnth über die: erlittene Schlappe und.versuchte» es zunächst wiedei mit den alten Berdreluings . tunststückchen. Tas „Temsche Bolksblati" stellte die Sache anfänglich nämkich so dar, ats hätte ein' Jude 'den Zettel ttiit Bismarck's T anksaguiig, der eigentlich für das „ Tentiche Bolksblati" bestimmt war, sich tinrcchtmäßigcrivcise verschafft und dein eapitalträtiigsteiv Blatte verkauft. A»t andern Bt'orgön tvnßte aber schon ganz Wien, daß dem ein wenig anders sei, . nnd daß Bismarck besonderen Werib darauf gelegt,- daß sein Tank gerade in dem erwähnten Blaue, erscheine, nnd daß er den Heratesgeber desselben selbst zu tich gebeten habe. 'Run rtef der Vear des „Bolksblattes" den Slürincn zu: „Tost! Tost!", und sic tosten. „Es ist geradezu erschrecklich," hieß cs in dem genannten Blanc, .. „wenn man beobachtet, wie die Judcit überall und immer die Christenvon ihren gebührenden Posten verdrängen,, und wie tich selbst die größte'» . Männer ihnen überliefern. Mit einem Gefühl von Beschämung müsien wir ans der .'Reuen Freien Presse' entnehmen, daß cs den Juden freunden, die Fürst Bismarck umgeben haben, gel-ungcir ist,, ihn dazu zn bewegen, einen Inden.behufs Interviews zn ciupfangcn und i» einem Judcnblattc den Tank an Wien zu veröffentlichen. Wenn man weiter ins Auge faßt, daß die Gesanimtausstattiing der Braut nur ro» jüdischen Häusern, Vaaisan sc Spitzer, geliefert wurde, dann frag! I■