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Freies Blatt · 1892-06-26 · 12 (26.6.1892) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
I (1892)
Issue
12 (26.6.1892)
Date
1892-06-26
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Freies Blatt. Aus der Wsniarck-Mocbe. Es gibt Mem'chen, welche selbst dort, wo sie beten wollen, fluchen, und lästern, wo ne lobpreisenwollen. Leo der Haß sechs Tage in der ' B'oche die Herzen ausschließlich gefangen hält, da kann am siebenten Tage nicht urplötzlich reine Begeisterung sprießen, da verwandelt sich jedes ('vritbl nothwendigerweifc in eine häßliche Fratze. Tie Verdienste Bismarcks um das deutsche Voll siehe» so hoch, daß in seiner Gegenwart, sie babe welchen Anlaß iiniucr, anständige Menschen »nt Außeracht lasinng jeder Barleinieinung nur dem einen Gefühle der Hochachtung und Bewunderung freien Weg lauen. Politische Ganenbube» aber tonnen den Mann', deutete ihre Anhänglichkeit bezeigen wollen, nur durch wildes Sohlen, Stoßen und Drängen, durch .Hochrntc ans die Miiuatnrearieatnr des Gefeierten und durch blutige Straßeisteenen - verebrei: Es jsi dies gewiß der mildeste Standpunkt, den wir den traurigen Borto^mnstsen der Bismorck» Woche gegenüber ciunchmcn können. . . - Schon k:e T uvertnre. welche eine gewisie Breste vor der Ankunft i des t^asies .ustivielie, -tieß befürchten, daß man die Gegenwart BtSinarck s anläßlich der Vermählung -seines SohncS Herbertmit der (romteüe Honos nicht bloß zur Ehrung des deutschen 'R'ationalheroS,; sondern auch noch zu minder heiligen Partcizwccken zu mißbrauchen . beabsichtige. Tie ..Ostdeutsche Rundschau" nahm den eisernen Ranzlcr : anö'chließl-ch ssir sich in An'vrnch und fäslug zur größeren Berbcrr- ' lichnng des .Gastes unbarinkersig aus »Inden, „Fndenliberale" und „.»ndcnvres'e" los. Tie ..Unverfälschten" reprodueirien eure bekannte Nicke des eacinatigen 'Abgeordneten Cttc v Bismatck über Zwangs pslicht zum »iinunigsbeiiritt, Bortheile des Znn'twe'ens, Ge^ihren über -mäßiger Arbeitsthetlung und Eon-nrrenz n. s. w., gehalten in der zweiten >ia»l»:.'r in Berlin 1 "4'.*. T as .. Teut'che Bolksblatf aber begrüßte ihn d..e.t .'.iS ..den Verfechter des vraltischen Antisemitismus, als dessen Bahnbrecher", indem es ungleich die vicleitirte, im preußischen Landtag. 1^47 von Bismarck gehaltene, gegen die -niden 'gerichtete 'trete tbeilweu'« reprednoirte 11ns s.i.lt es natürlich nicht ein, die Per'on des grestev. Staatsmannes, den. unsere 'Stadt; :t beherbergen die rill re hatte, zum liegen stank en-.es politi'chen, «''ezänkes tu machen. Wir erachteten dies unter -den gegebenen Berlialtnisten als eine vnblieisii'che Taktlosigkeit, Es 'oll:-.- i'.iit schon hier daran' hingewiesen werden, was spater noch deutlicher in die Augen springt, daß e-s durchaus wolilbekannke Leute waren, welche das auch von der liberalen Preüe dein leaste znbrachte wnrdere.le Willkommen durch, schrille Mißtöne störten, und daß es der Änti'eniitismus. wenn auch nicht in ostieieller Gestalt, war, der um den Blagen des ermüdeten Reifenden stcki drängte und am Rordweftbahnhose wie iii der B-aiinerstraße lärmende Secnen veranstaltete. T.e .'iornbtuine, die deutsche Trieotore, gcwiüe deutsche National- ' licü»:. d:e Abteichen der Burschenschaft sind leider cben'ovtelc Grkeniiiiiigsteichen unverfälscht antisemitischer <>V'Uitnuttg geworden, Es : heißt kaket nichts in die Tliatiachen hincininterpretiren, wenn wir die ' loriiblumeu und liändcrge'chiuückten Männer und Frauen, die . Bii-.'chenscha'te-. lind belannteii „deiitichnational-'n" -stornphaen, welche sich a>u I,1nni zinli -Rordiveiibahnho'e drängten-, wenigstens mit Rück.! sicht an' die Peuoncii einen woklarrangirten '. antsteinitstchen Ätstzng nennen, Es liegt etwas Beschämendes darin, daß Bismarck i'o in Wie!: oinp'aiigen werden mußte. Als der Farn, sichtlich ermüdet von der eireise, dem Wagen entsiicg, entstand unter der tatsteudlöpsigen Menge plötzlich eine heftige Bewegung Alles drängte nach vorwärts, und der Fiirst, die /vüiitiii, sowie .die Bersonlichteiten, die ihn empfangen hatten, befanden sich alsbald inmitten eines wilden Getümmels, dem die Polizei nicht mehr Einhalt;u thun vermochte. Es scheint, daß ein Hause.Menschen von auswärts an einer nicht überwachten Stelle in den Bahnhof und auf den'Perron gedrungen war, denn dieser war plötzlich von mehr als der doppelten Menge von Leuten erfüllt, 'und Personen, die inan . srul.'i nicht gesehen hatte, dnrchbracl,en das -Spalier und drängten sich >r de ltmmtteUhue 'Rähe des ,Fürsten. .Bismarck war bald von setv.cr Begleitung ' und von den Mitgliedern der Familie Honos ge'; trennt, und nur Grat Herbert Bismarck hielt bet ''einem Pater -Stand und bemühte sich, demselben einen Ausweg aus dem Gedränge zuni Wartefalon tu bälmen. -Auch die Fürstin gcricth in ein arges Gedränge, wodurch sie sich sichtlich' beunruhigt und beängstigt fühlte, und Graf Honos müßte Alles aufbieten, um den Andrang äbzuwchrcn. j Bon allen Seiten hörte man Ruse der Mißbilligung dieser un-! würdigen Seene. Bon dem «traten Herbert geleitet, gelangte Bismarck > endlich in den Wartefalon und durch diesen in die Vorhalle zu demfür ibn bestimmten Wagen,. einem ossenen, viersitzigen Landauer. Reben und hinter ihm drängte und stieß die Menge, um gleichfalls den AnS- Nr. 12. > gang;u gewinnen, Ta nicht Alle ihm durch die AuSgangSthür folgen! konnten, öffneten die Leute die Fenster des Wartesalons und sprangen | durch dieselben hinaus. Als der Fürst mit dem Grafen Herbert bei seinem; Wagen anlangte, war derselbe schon von einer dichten Schaar um» lagert, denn es scheint, daß trotz, der Absperrung sich auch von Außen ' Veiite herangedrängt hatten. R'achdem -der Fürst im Wagen Platz ge- . noinmcn hatte, kam cs zu einer -Scene, die,auf alle ruhigen Und an-! ständigen Augenzeugen einen sehr unangenehmen Eindruck machte.! Bevor Graf Herbert Bismarck von der entgegengesetzten linken Seite; den Wagen besteigen konnte, drängten sich etwa vier junge Leute in - denselben und an den Fürsten heran. Eine so ansdringliche Huldigung | schien ihm nun selbst zu viel zu sein, und er gab durch abmehrcnde j Armbewegnngen seinem Befremden Ausdruck. Man mußte befürchten, daß. wenn noch mehr Leute dem Beispiel dieser zudringlichen Bursche folgen, der Fürst aus dem Wagen gedrängt werde. Run schritten die Wachleute ein und mußten die Eindringlinge auS dem Wage» reißen, da dieselben nicht gutwillig weichen wollten. Unterdessen gelang es dem l^rasen Herbert, in den Wagen zu springen, und in sichtlicher Er« -regnng wehrte er mit erhobenem Regenschirm den weiteren Andrang ab. »Inzwischen stand aber eine-dichtgedrängte Menge an der anderen Seite des Wagens, wo der Fürst saß, und die Leute benützten die Gelegenheit. . um ungenirtcr in den Wagen zu langen, die Hände des Fürsten zu täücn und zu schütteln und >£ üüc auf dieselben oder wenigstens auf die Aermel seines Rockes zu drücken, was er sich lächelnd gefallen ließ. Endlich-tvar cs dem »iukscher möglich, seinen Wagen durch die dichte Menge langsam vorwärtSzubringcn. Tainit war aber der „deutsch nationale" Radau keineswegs zu Ende. So wie er schon lange vor 'Ankunft des Fürsten begonnen hatte, wurde er jetzt auch aus offene«' Straße wacker fortgesetzt: Trupps von „ Tenüch 'Rationalen", Turnern, Burschenschaftern durchzogen die Straßen, 'angen. die „Wacht am esihein", „Tcutschland, Tcntschland'übcr 'AlleS", und riefen in einem'Aihem „Hoch BiSimarck!" und „Hoch Schöne r e-l k"''Auch der Rn' „'Rieder mit den Fudcn!" soll sich in den Fubcl;uv freier eines großen Mannes verirrt haben. Unwahrscheinlich klingt dies Leuten gegenüber, welche- Schönerer hoch leben lasten, jedenfalls nicht 'Rachdcin die Tnmnltuanieii der Börse für landwirkhscha'tliche Produeie iu der Taborstraße eine kleine antisemitische iTvatio» gebracht, zogen sie unter wechselnden Zwischenfällen nach der Wallncrstraße, wo sich das Palais Palst» befindet, das Abstcigeguartier des Fürsten. Hier kam es »tut zu der bedauerlichsten Ausschreitung, eiin Theit-der Temonstranten suchte vom Graben aus in die Wallnersiraße zu^gelangcn, fand jedoch den Eingang zum jtohlmarkt durch die Wache abgewerrt' Run rieten stc: „Vorwärts durch die 'Raglcrgaffe!" und wollten von hier in die Wallnerstraße gelangen, was in ähnlicher Weste mißglückte. Tie Leute im Zug l>e,gnügten sich vorläusig damit, immerwährend die ..Wacht am Rhein" zu singen. Tic Menge wurde inder Raglergaste wiederholt aufgefordcrt, sich zu zerstreuen, jedoch ohne Erfolg: Riste: ..Hoch Bismarck!" waren die Antwort der Tcruonstranten. Tie Zahl der Letzteren hatte inzwischen bedeutend abgenommen, da ein großer Theil -derselben die Unmöglichkeit, zum PalaiS zu gelangen, erkannte un^ sich allmülig verlor. Ter größere Tbeil zog jedoch durch die Bognergastc, über die Frcnuiig zur Slrauchgaste, in der Absicht, von dort in die Wallncrstraße cinzudringcn, aber zum dritten Male fanden sic den Zugang besetzt. Runmchr brach die Wuth der -Temonstranten los. Sic lärmten wieder in der oben ge» schilderten Weise, aber schon den tirsien von den dcmonstrirendeu Schaarcn'traten Wachleute entgegen^ die sie auffordertcn, umzukchren. Tie Studenten wichen zurück und stießen drohende Rufe aus. Der Eommistär rief laut und energisch: „Ruhe!", woraus die Studenten - vordrangen. „Zurück! Fm Rainen deS Gesetzes!" riefen die Polizei» organc. „Vorwärts!" schrien die Temonstranten, „Hoch Bismarck!", „Hoch Schönerer!" »in diesem Augenblicke hefteten die Tetcctives ihre Abzeichen an und forderten zum letzten Male die MenAe auf, nch zu zerstreuen Polizeicommisfär Samek, der in einer (Gruppe besonders lauter junger Leute den Hauptschrcicr zur Ruhe mahnte, wurde von diesen beschimpft und erhielt einen Stockhieb auf die rechte -Hand, so daß ihm der Taumcn stark blutete und sofort anschwoll. Ticscm Gebahren gegenüber trat schon die Wache energischer vor.«'Als alle Mahnworie fruchtlos blieben und von den erregten jungen Leuten nur. mit höhnischen Zurufen erwidert wurden, zogen die Wachleute vom Leder und schlugen mit der flachen Klinge drein. Dies geschah in der Strauchgastc. Bon der Freyung auS wurden die Demonstranten gleichfalls von der Sicherheitswache angegriffen, so daß die Studenten stch wie zwischen zwei Feuern befanden. Es entstand ein fürchterlicher Lärm und Tumult, die Angegriffenen suchten sich schreiend durch» zübrechen, einige riesen: Rekte stch wer kann! und viele flüchteten irr das an der Ecke der Freyung und Skrauchgaffe befindliche Eafst

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