Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 8 (29.5.1892)
- Date
- 1892-05-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 82% known words query
- IRI
…/4886575-5439132-5439195--0087-4886643- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
i Vltioimcmtut^rciv': (Miin)iül)tfo mit -posipgendiim, . fl. 2.5». ^icrtcliäbr-fl.—..50. «it 1f0ftiuftnti.fi —.tili. (iini<Inc 'Jiummern l tv. Organ zur 2lbwr!)r drs ^lntiscinitisinus. Erscheint an jchrm Soimtogk. Redictio» und '.'ldiiiiuisiralioii: Mitn t. ^.eikerstAtle l<>. 4in»lincrst. Wir», 2«.l. A\ai Ni«)2. I. Jahrgang. r Eine Enltnusclnnnv Sic haben sich gcläuscht/ unscre geehrten Herren Gegner, -sie sagen es selbst ganz offen, das; sie eine bittere, schmerzliche Eni tänschung erfahre» mußten, und wir glauben sogar, das; sic diesmal die — Wahrheit sagen. Schon eine so ungewohnte, fast unglaubliche Thatsache spricht dafür, . daß die Beranlassung eine ga»; außerordentliche sein »niß. lind in der Thal! Als vor einigen Monaten das lange gehegte und von allen Gesellschaftskreisen eifrig unterstützte Projcct der Balutaregulirung greifbarere, festere Form anzunehmen begann, da griffen jene inerkwürdigen Socialrcforiner sofort diese rein wirlhschaflliche. Frage mit wahren, Heißhunger auf, um sic;um Gegenstand der scan'dalöskstcn Parteihetze aus;ubeutcn. In ihrer Presse wurde ge schimpft, verdächtigt, verleumdet und Gift und Geifer in einer Weise verschwendet, die nur durch so großen Ucbcrsluß gerecht fertigt wird; auf der Bitrbaul und in den engeren Eerclcs wurde der „kleine Mann" in bekannter Weise bearbeitet und haranguirt; ein Hochschulprofessor für Matheniatik wurde mit einem Antidolon für Lalutarcgulirungssüchlige von Schank ,;u Schank, von Dorf zu Dorf hausieren geschickt, ,und neulich wurde ein Massen Meeting veranstaltet, wo ehrsam Meister Schreiner und Meiner Hantz schuhmacher über, eine Frage stugShin entscheiden sollte», die der Perstand der Berständigstcn alS cineS her schwierigsten Probleme -anerkennt. Wir haben absichtlich und aus guten Gründen zu dieser politischen t^rgie geschwiegen, obwohl wir bic. Gegner aus so mailchcm Widerspruch hätten ertappen, obwohl wir die ganze .^ächerl'chkeit der antis^inilischen Soeialresormerci an dem Rechen kunststncke Schlesinger s hätten nachweiseu können, obwohl wir ein fach den antiseinitischen Grundcharakter auch ln dieser wüsten,, ungczogcucn Arts eine wirlhschaflliche Frage zu behaudel», hätten aufdeckeii köttnen.-. Der Kläger ist indes aus den Reihen der Anti, scmile» selbst erstanden. Abgeordneter Stein wen der erklärte es zunächst in einer Bersanimlung des „Deutschen Bereincs" .als eine sehr fatale Erscheinung, wenn eine Angelegenheit, die so schwierig sei wie die WührungSfrage, parteimäßig und in demagogischer Weise behandelt wird, denn dadurch werde die Bevölkerung beunruhigt und aufgehctzl. Die ver schicdene» Ansichten in dieser Angelegenheit sollten sachgemäß vor gebracht werde», eS gehe aber nicht an,,durch dumme Schimpfe rcien und durch Beranstallung einer Heye die Bevöllerung beeinflussen zu wolle». Diese Erklärung im engeren -treise hielt Sleinwender auch im Plenum des Abgeordnetenhanjes voll und ganz aufrecht. . Man begreift nun vollauf das „peinliche und unbehagliche Ge fühl", welches uiiscre frommen standsknechle nach eigenem Geslandniß bei SUiitlirung einer solchen rVt’ctiöii beschlich. Als nach der erfolgten Renwahl des Abgeordnetenhauses im vcrstvssenen Jahre die ehemalige deutsch-nationale Bereinigung, nicht unwesentlich verstärkt durch die meiste» Dcpulirte» der grüne» Mark, sich zu dem Programm des „facultaliven Antisemitismus" bekannte, da stießen die Wiener Racen, Elassen. und Massenhctzer mächtig -ins Horch mit diesen gewiß nicht zu unterschätzenden Sieg des Anlisemilismus gehörig der ganze» Welt zu verkünden. Der Jubel.war umso begreiflicher, als die Antisemiten endlich cinmal/ daraus hin)veiscn 'konnten, daß sich auch unbemakelle Männer ihnen .Iacultativ" anschlossen. Indessen daS wurde 'bald eine .zitternde Freude. Die nunmehrige deutsche Rationalpartei schien sich gleich von allem Anfang in der Rolle cincS ••iri M«; zu gefalle».- t^erade die hervorragendsten Mitglieder traten auS dem Elnb auö oder verwahrten sich osiieiell dagegen, auch nur „faeultalive Antisemiten" zu sein, untz nun gar kommt der Führer dieser parlamentarischen mi\e»I pirkttis und ei klärt, man höre tmSu staune! das Borgehen der ofsieiellen Anliscmiieii in Der Balum^ frage als „demagogisch", eine „Hetze" und als „dumme Schimpferei". Es ist kein Spaß, wen» ein in die ganze.Welt hinausposaunter Sieg w unter.der Händ sich in eine Riederlage verwandelt. ES istkein Spaß, wcnn^eine ganze parlamentarische Gruppe, in welcher der Anlisemilismus einen festen Stützpunkt gesunden zu. habe» glaubt, sich gegen die Rathjchlnsse der approbirlen Bolks tribuncn empört; gewiß daS Fatalste ist aber, wenn ein notorischer Führer der Partei daö Borgehen derselben in einer mit, storst-- bantenlärnr eingelritelen Aelion durch Beiwörter bezeichnet, wie „demagogisch-, „dumme Schimpferei" und „Hetze". Wie kann man .verächtlicher in politischen Dingen - sprechen, und doch wieder . wer kennt die Eoulisscngeheimnisse der Partei besser als Dr. Steinwender? . Allerdings muß rS „ein peinliches und nnbchaglicheS Gefühl" gewesen .sein, welches die ofneiellen ^lntisemiken überrieselte, und Bergani macht diesem Gefühl in gewohnter Weise "nst. .-Zitternd und bebend vor ohnmächtiger Wnth klagt -er Sleinwendcr des Nndanles, dH. der Unerkcnnllichkeit für die gestistelen journaüistischen Diepste an, er wirst ihm eine schon lange rrfannte Rissigkeit und Indolenz! vor, beschuldigt Sleinwender, daß cr^daö Echo Jülc sonst auch von ihm bekämpften Iudenpresse werde, und unterschiebt ihm als Motiv seiner Handlnngsweise das .Streben, die Stelle eines Gymnasiakprosessors mit einer andere», besser -dolirten zu vertausche». Herr Sleinwender hat diese Wirkung seiner Worte vorhergesellen und wird darüber nickt erstaunt-seist, weil.er ja. als faeullaliver Antisemit die Formen anlisemilischer Freundschaft und Feintfschafl kenneü »ins;. Indessen geben wir uns auch nicht der Illusion hin, daß sich Herr Sleinwender samml Anhang, »och diese WochealS Mitglied des „Bereines zur Abwehr deS Anüsemil.isaiuis" vormerken läßt. Wjr kennen ja unsere Pappenheimer: heule sind sie grimme Feinde,-und einer (iimpt den anderen, ' morgen gehen sie.>a'!i> «lesMis in-.* Jvssous _ durch Dick und Dünn und bilden eine Gilde mglellofer, ausschließlich privilegirler Tugendpäckler - Wc-nn daher Bergani Herrn Sleinwender -nach Art streitender und schmollender -Schulbuben iiijuiinift: „Du gehst / du wirsl.es bereuen!"'— so hat cs damit gewiß seine - Richtigkeit. Stein Wender schwebt vielleickt schon jetzt daS >>et«-r >---^->ixj auf den Pippen, ^aber die Wirkung solcher häuslicher Seenen ungeschehen zu mache», wird .ihm weniger leicht gelingen, als Herrn Bergani zu versöhnen. ’ ' * . Es gib! nämlich sonderbare -tanze, welche auch insoiertie saeulia live Anlisciuilen genannt werde» können, weil sie den Antisemitismus einer Beredelung, einer Berliefnng, einer Reinigung für fähig halle». Sie glauben, aus diesem politischen Tümpel den Schlamm .und den Schmutz enlsernen, das,.ekle «gezuckt verscheuche» zu können. Sie glauben, wenn die Iügel Läeier Bewegung in reine Hände gelegt würden, löniile sich auch dev Anlisemilismus - zu einem segensreichen politischen Faetor entwickeln. Die -^ihldieser Art naiver saeultativer Anlisemiten ist in der Thal größer, äls imm vielleicht gemeinhin glaubt. -Es ist 'die große Meirge ehrlicher Vcnle,' denen es an zureichender politischer Erfährnng mangelt. Für diese gibt cs aber keine bessere Schule als. den Hinweis auf