Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- I (1892)
- Issue
- 4 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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\ ' AbomiemeutspreiS: Ganzjähr.. fl.»—. MitPost>uIend. fl. s.so. Bierlcljähr. „ —so. „ „ „—.Ci. Chticlnt üiummtni 4 kr. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. i Rcdaciiou n»d -.'lamimftrntioii: lOicn i. g»tfittfvirtatio uh „J liummer 4. Wien. I. m\ 1892. I. Zahlrgang. Der Antisemitismus in Böhmen. Zuschrift ciucS deutsch böhmischen r'audivirlhcS. , Der ehemalige Großkophta deS nationalen Antiscinilisinus, Schönerer, soll jüngsthin auf einer seiner Wanderfahrlcn auch nach Prag gekommen sein, um von dort aus die böhmischen Antisemiter zu organisieren. Mechaniker Schneider, der andere Pol deS antisemitischen Stromes, beehrte diese Tage gleichfalls die hnndert-- thürmige Stadt an, der Moldau durch seine Gegenwart, wohnte ein»r Gemeinderathsitzung von der Honoratiorcnloge aus bei und ließ sich schließlich bei einem Bankette von Jnngczechen „großartig feiern". Ob nun in Folge dessen in Prag der antisemitische Kautschuk sehr im Werthe steigen werde, wissen wir vorläufig nicht;n sage». Bielleicht mißfällt den - Jnngczechen die unverfälscht deutsche Farbe an der Waare deS einen, den Deutschen aber die inter- 'nationale Färbung, wie sie. die Waare'deS anderen eomfnis ' vbjügeur Zeigt. In Prag ist man eben an gewissen Stellen sehrempfindlich. Wir erinnern uns einer Zeit, wo Schönerer schon einmal nach Böhmen kam, um deir politisch reifsten Theil der Deutschen Oesterreichs für seine HcilSlchre;u gewinnen. Allein obgleich Schönerer gerade damals sich am intisten ou v»»»e glaubte, und obgleich die nationale Phrase gerade damals den fruchtbarsten Boden in der Stinimung der Deutschen Böhmens fand, hatte Schönerer doch nicht allzuviel Grund, stolz auf seine Erfolge zu sein. Eine kleine Gemeinde antisemitischer Schreihälsein dem zum nationalen EhauviniSmuS stark hinncigenden Reichen berg, einige WirlhShauSgesellschaften in Eger, Brüx.Rumbnrg u. s. w. und ein kleiner Anhang unter den studirenden Jünglingen Pnrgs, " die sich geschmeichelt fühlten, mit dein österreichischen Bismarck en vMit pied in höchsteigener Person zu eommersiren, ja sogar zu fchntaüircn — das war so ziemlich die ganze Ausbeute und ist es mtch^heute noch. Böhmen —.hauptsächlich'Deutschböhmen — scheint für den Antisemitismus hinfür . allemal kein günstiges Betfiichöfeld zu sein, und der Hauptgrund liegt wohl in dem 'gesunden politisches Sinn des Volkes selbst. Die Deutschen Böhmens sind durch eine1 zu ernste Schule gegangen, sie haben zu trübe politische Erfahrungen gemacht, um sich so leichthin durch die Deklamationen und Gaukelkünste wandernder Demagogen verführen, zu lassen. Dem böhmischen Baw.r ist die Politik in Fleisch und Blut übergegangen, er ist stolz darauf, seine selbstständige Anschauung zu haben, und äußert sie in Bersammlungen in eii»er spontanen Weise, die Achtung ei stößt. Sich zu politischen Versammlungen als Eomparserie auihren und dort in einer Weise handhaben zu lassen, die den Gr> .idcharaktcr aller antisemitischen Bersanimlungen außerhalb Böhmens auSmacht, dazu würde sich der Dcutschböhme nie hergebcn. Wie aber will der'Antisemitismus /"anders vorwärtskommen und Wurzel schlagen'? Trotz eines auögebrciteten Systems, von Agenten und Hcerpaukern waren und blieben die antisemitischen Bersammlungen höchstens von ein paar Studenten freguentirt. DaS „Volk"/auf welchjS sich diese Leute so gerne berufen, zeigte hier einfür allemal keine Lust, sich^in nationalen wie in wirthschaftlichen Fragen RathS bei den GescllschaftSrettcrn aus Wien zu holen. Diese stützen ihre Lehre auf dem Fundamentalsatz, daß alles Böse vom jüdische» Großkapital komme. Run in Böhmen ist man iiu telligent genug, um zu wissen, daß cs auch unter den Inden nicht lauter Millionäre, sondern auch zahlreiche kleine Leute gibt, die sich mehr oder minder sauer ihr Dasein erkämpfen müssen, und daß Hungerlöhne, Monopolisirung der. Gewerbe u. s. w. sich auf den geistlichen Herrsch«ten und endlosen Latifundien, die ausschließlich in urchristlichcd Händen , sind, ebensogut finden wie in den Heimstätten deS ^angeblich bösen jüdischen Großkapitals. In Böhmen wohnt der Ehrist friedlich-,neben dem Hilden und versagt ihm die Achtung nicht, wenn letzterer auch als- Landwirth, waS nicht selten vorkommt, d.'nselben zähen Fleiß bewährt, de» er in jedem änderen Berufe bekundet. 'Daß die Bauerngüter- Ichlächterci kein jüdisches Privileg sei, weiß man in Böhme» sehr wohl.'Gerade in den wirthschaftlich bestsitujrten Bezirken, .so z. B. in dem reichen Saazcrlande, wohnen seit jeher die meisten Juden, und doch weiß man dort von Antisemitismus nichts und will davon nichts wissen. Dort gibt cs trotz der Inden keine wirlhschaftliche Misere, und ganz große Ortschaften, die vor Jahre» vollständig parcellirt waren, 'sind in den letzten Jahren wieder vollkommen in die Hände ihrer früheren christlichen Besitzer znrückgelangt. Der böhmische Bauer weiß ganz wohl, daßihm der aristokratische Zuckerfabrikaol ebensowenig ans purer Rächstcnliebe i die Rübe abkauft wie der jüdische Hopfenhändler den Hopfen. * Gegen stlebervorthcilungen von der einen wie von der anderen / Seite hat er ein nie versagendes Hilfsmittel bei sich, seinen! stetö offenen Kopf. - -- Im deutschen. Theist- Böhmens hat also der Antisemitismus wenig Ehaneen, und imiU'tLs nutaiyli!» liegen die Verhältnisse im czechischen Theile nicht viel anders. Ja neuester Z-it hielt cö ein Theil der radikalsten Fnngezechen mit Baschaty an der Spitze zwar ' für unbedingt »othwendig, auch ein wenig in Antisemitismus zu! machen. In Wien fanden -sie dafür reichlichcs^Lvb, und das „Deutsche Bolköblatl" unterstützt' seitdem die Wünsche der Jung . czechen in denselben Spalten,-- in denen es den Führern der Deutschen in Böhm.'» Mangel' an Rat.onalgcfühl. vorwirft. Aber die Wiener Antisemiten dürften an den Jnngczechen noch eine arge Enttäuschung erleben. ,Sie . merken'S nicht, wie wenig echlfärbig der czechischd Antisemitismus ist, und wie Baschaty in dem Indcn^doch eigentlich . nur den „Germanisalor" haßt, der selbst rin geschlossensten czechischen Sprachgebiete das berühmte Wort von dem „Rir deutsch"- zu Schanden macht. " ’* v£tit ’2\ciniauin)sproccfc.?iiealtchiedeiie Slellu»g»a>»»e der o rd de« ische n Al gui'eincn Leitung'' ge>zen den Aniiiem'iiisnins 'luit^ in den Ir troisencn >fvciü’ii iebr'peinlich bcrnhri, und die Organe der ein;ryien antisemitischen F-raelionen sind außerstande, ibre Mißstimmung, \n verhehlen., Ter Wiener Rachbeler der „Krenzzeiliing" bring! einen kläglichen' -Artikel, in ivelchci» paillctiich iftr Schmerz über die En: tänichnn'g anSgcdrückt wird, die Kaiser Wilbelm II der Antisemiten ivclt, hie seinem Regime so hoisnungsvoll entgegensab, bereite, Gras tzyaprivi wird-nebenbei verdächtigt,'.er balle sich von, Inden die Per luste ersetzen lasse», welche er rn Folge der Malvcrsaiionen Stnuner seld'ü erlitten haben soll. Tb 'dieser Artikel Wiener Fabrikat. oder ans Berlin importir? ist, möge dahingestellt bleibe». Bei dem Bundes ' vcrhältniß Oesterreich Ungarns, zu Tentschland ist es unter allen lim ständen eip irevelhaites Begirnen, wenn ein Wiener- Blau dem ersten Minister eines iirbündetc» Reiches in die Schuhe schiebt, er wäre in seinen Entschlicßnngeir' durch eine ihm als „Schadensersatzgespendete Snmmc bestimmt. worden. Wer liat übrigens dies l^el-d hcrgegebe.», f