Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift der Berliner Logen UOBB · 1931-10-01 · 7 (10.1931) · p. Seite 85

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
Volume
11 (1931-1932)
Issue
7 (10.1931)
Date
1931-10-01
Page
Seite 85 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4885084-6352739-6352953--1378-4886382
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 7 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U.O.ß.B. Seite 85 zukommen, so erforderte es geradezu c nen gigantischen Optimismus, der wesentlich verschlimmen en Situationen in den Deflationsjahren Herr zu bleiben. Kapitdgrößen sind gestürzt; Kapitalglanz ist verblichen, Soweit circ Steigerung der Nöte überhaupt noch denkbar und möglich war, ist sie seit einigen Monaten cingctreten.. Die Weltkrise, die nicht nur ejne Wirtschaftskrise, sondern schlechthin eine tiesiniiungs- und Denkkrise ist, hat, wie dies nicht anders möglich war, mit rauher Iland auch in das Gefüge und in den Kreis unseres Ordens cingegriffcn. Die Not im Bruderkreise wüchst von Tag zu Tag; der Brudergedanke kann nicht immer im Sinne dergr betätigt werden, die ' in ihtn nur - den Gebegedanken erblicken. Denn geben kann nur, wer besitzt, und die Wenigen, die 'noch besitzen, können sich im Zeitulter der Notverordnungen (als ob die Not nicht auch ohne. Verordnungen vorhanden wäre!) nicht immer so bewegen, wie sie es sonst wohl gern möchten. Die Bedrängten zweifeln an der Gerechtigkeit und verzweifeln an dem Gedanken der Bruderliebe. Der immer geistvolle und die Zusammenhänge klar erkennende Ludwig Börne sagt: „Soll man die Menschen beweinen oder über sie lachen? Jeder, wie er will: es ist Eines wie das Andere. Ob wir spotten oder ernst sind, kriechen oder hüpfen, zaudern oder fortstürmen, hoffen oder fürchten, glauben oder zweifeln — am Grabe begegnen wir uns alle. Doch Eines ist, was nützt: die Klarheit. Eins ist, was besteht: das Recht. Eins ist, was besänftigt: die Liebe.“ Klarheit, Recht und Liebe ziehen sich, wie eine zusammengeschweißte Kette, durch unseren Ordensbau, nur sind diese herrlichen Merkmale dem gequälten Menselienherzen nicht immer* klar erkennbar. Dies ändert allerdings nichts daran, daß unsere Logen sich gerade in den gegenwärtigen Notzeiten auf das Trefflichste bewähren, ja bewähren müssen, weil sie kein künstliches Gebilde darstellen,' sondern den tiefsittlichen Willen zeigen, mit den Idealen unseres Judentums zu einem höheren Menschentum zu gelangen.1 Abseits vom zersetzenden Parteihader und vom religiösen Meinungsstreit bilden wir eine gemeinsame' Plattform, auf welcher Treue, Hilfsbereitschaft und Einigkeit' sich zu einer harmonischen Einheit gestalten. Wer urteilen will, darf sich nicht durch Vor urteile oder gar Vorteile verlocken lassen; er muß empfinden, daß die Ordensgedanken ihn aus der Tiefe der Verzweiflung in die Höhe einer Hoffnung leiten und ihn befähigen können, sich auch in diesen schweren Zeitverhältnissen zurechtzufinden. . Die Menschen unserer 7.cil sind samt und sonders wechselvollen Schicksalen preisgegeben. Die scheinbar solidesten Knpitalgcbüude stürzen, krachend zusammen. Eine wahre Götzendämmerung ist angebrochen. Gewiß, man könnte an den Ereignissen und un den Menschen, welche solche Ereignisse scharfen und } fördern, verzweifeln, wenn man die schmuchvollen Vorgänge, die sich am ersten Kuuschhaschonob-Tage am Kurfürstendamm abgespielt haben, betrachtet. Bekanntlich sind dort durch Parteihaß irregeleitete, w jdgewordeno Menschen über alle ihnen jüdisch erscheinenden Pussanten hergefallen und haben diese zum Teil übel zugerichtet. Ein fanatisierter Mob scheint von rücksichtslosen Drahtziehern zu pogromartigen Exzessen aufgerufen worden zu sein und hat sich benommen, wie man es von diesen Menschen nicht anders erwarten konnte. Abscheu und Schum erfussen jeden unständigen Menschen, gleichviel.’ welchen Glaubens er uucli sein mag und welcher Purteirichtung er auch sonst angehören mag, über die „Heldentaten“ dieser kulturfremden Pöbelhaufen. Aber auch solche Horden sind Opfer unserer katastrophalen Zeiterscheinungen. Mag man sich nun uucli über ihr rohes Verhalten noch so stark und berechtigt empören, vom soziologischen Standpunkt aus wundert man sich beinahe über nichts mein;. Man kann die Menschen bekanntlich zum Guten und zürn Bösen beeinflussen; es kommt ganz darauf an, ob die Instinkte der Güte oder der Roheit geweckt und befruchtet werden. Das alles muß inan sehen, um den Weg aus diesem d.ahyrinth der Wirrnisse zu finden. Die Logen zeigen uns diesen Weg. Die älteste im deutschen Bezirk, die Deutsche Reichstage, blickt demnächst auf ein halbes Jahrhundert segensreicher Arbeit zurück, und alle, anderen Logen des. Distriktes haben, getreu den Ordensidealen, in gleicher Weise gewirkt und gewacht. Der diesmalige Ordenstag wird für alle Logen ein Eeiertug von besonderer Weihe werden. Nicht rauschende Feste werden ihn kennzeichnen, aber das religiöse (jefühl der innigen Verbundenheit Aller mit Allen wird nach Ausdruck ringen und Ausdruck finden. Der Verband der Berliner Logen hat in seiner letzten Vorstandssilzung schon Uber seine Anteilnahme an der Ausgestidtung des Distrikts-Jubiläums beraten. Wir wollen unserem Jubiläum trotz aller Nöte der Zeit mit stolzer Freude entgegensehen und hieran die Hoffnung knüpfen, daß an der Schwelle der zweiten . Hälfte unsere? Jabrhunderfarbeit <J>e (iöttin des Glückes Wache halte. So empfunden, zeigt sich uns die Zukunft in rosigerem Lichte und weist uns auf die Erkenntnis hin, daß der Wille zum ^Glück nicht nur eine Tugend, sondernauch ein Glück sein kann. Die Toynbee-Halle der Berliner Logen U.O.B.B. hat am Sonnabend, dem 10. Oktober, ihre Vortragstätigkeit in ihrem alten Heim, Gipsstr. 12 u, wieder aufgenommen. Durch populär-wissenschaftliche Vorträge mit anschließender Bewirtung und künstlerischen Darbietungen soll wiederum versucht werden, an zwei Abenden der Woche der armen jüdischen Bevölkerung Berlins Gelegenheit zur Anregung und zur Erhebung über die Sorgen des Alltags zu geben. Wir hoffen, daß die lieben Brüder uns auch in diesem Jahre durch zahlreiche Meldungen als Mitarbeiter in unseren Bestrebungen-unterstützen werden. — Wir brauchen die Mitarbeit unserer Brüder als Redner und Ordner, die Mitarbeit unserer Frauen für den künstlerischen Teil und ihre bewährte Fürsorge im Wirtschaftskomitee. Unsere Wirksamkeit ist auf freiwillige Mitarbeit aufgebaut. Wir glauben, daß es nur dieser Erinnerung bedarf, um die Angehörigen der Berliner Logen zu veranlassen, sich uns zur Verfügung zu stellen. —■ Anmeldungen von Mitarbeitern werden an dus Logenbüro, W 62, Kleiststr. 10, B 5 Barbarossa 8651/52, erbeten. Wir glauben, daß das soziale Werk der Toynbce-llalle in diesem Winter besonderer Förderung bedarf. Wir bitten unsere lieben Brüder, uns neue Mitglieder zuzuführen. Beitrittserklärungen sind an. Br. Fedor Eis« er, \V 50, l.undshuter StP. 15, Postscheckkonto Berlin Nr. 82 205, zu richten. Der Verstand der jüdischen Toynbee-llullc der Berliner Logen U.O.B.B.. Die liehen Brüder werden gebeten, jede- ÄNDERUNG IHRER ADRESSEN und Fernefrechanschlüsse schnellstens schriftlich bekannt zu geben. LOGENBÜRO

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.