Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 11 (1931-1932)
- Issue
- 6 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 72 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 72 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U.O.B.B. Nr. 6 <lt‘r Gotteshäuser geführt werden? Wir wollen es nicht lengiren, weil nur dieses Selbstbekenntnis, nur diese Teschuwa, den W en zur echten Feier dieser höchsten Feste des Judentums Jreimachl. Lnd hier ist der Punkt, wo sich die Gedanken des Rösch Ilaschana und Jom Kippur mit den letzten-und tiefsten Ideen ui-seres Ordens l>erühren. wo aus den Empfindungen des jüdischen Neu jahr.-Jieginns die (losch Haschana-Gedanken unseres l’-nc-llrisstums emporsteigen. Auch wir Bne Briss Italien uns /luoander gefunden, um am Aufbau einer besseren, vollkommeneren W eit und Menschheit zu arbeiten, auch uns fährt die Erkenntnis und das schmerzliche Gefühl* vom Dualismus des l.ebens 'unseren W es der Ueberwindung. Oder ist ~das etwa nicht der letzte Sinn unserer Ordensarbeil? Nun, meine Prüder, auch das sittliche Pathos unseres Ordensideals fordert Ehrlichkeit gegen uns selbst. “Auch zu uns. auch in unseren 'Bund der Mitarbeit am Aufbau einer sittlichen Welt -hat nicht alle der Wunsch und die Sehnsucht nach Teilnahme an diesem Werke geführt. Odel* sind nicht auch unter uns neben den vielen Hunderten und Tausenden, denen es ganz ernst tun die Besserung der menschlichen Lebensbeziehungen ist. die das sittliche Pathos der jüdischen Seele zu uns trieb, manche, viele vielleicht, die Befriedigung egoistischer Triebe bei uns suchten, die w ie. jene vermeintlich Religiösen, von denen wir oben sprachen, in unserem Bunde gegenüber den L nsicherheitcn des Lebens Sicherung und Beruhigung zu finden wähnten? Lnd geht es ihnen mit unserem Bunde, nicht 'ebenso, wie jenen vermeintlich Religiösen mit ihrem aus der Furcht geborenen Glauben? Auch sie finden die Ruhe und Sicherheit, um deretvvillen sie zu uns kommen, nicht, auch sie sind enttäuscht, auch sie verlieren den Glauben, zweifeln am Werte der Gemeinschaft und entfremden sich ihr — ganz wie jene sogenannten Gläubigen, die um der Furcht und des Fgoismus willen nur einmal im Jahre den Weg zu der vermeintlichen Schulzmacht ihres Lebens finden. Zu ihnen allen spricht Rosch Ilaschana und Jom Kippur: wie das Gefühl der Geborgenheit im Glauben nur aus der unablässigen Verbundenheit mit den göttlichen Kräften dieser Welt und des Lebens und aus der nie ermüdenden und durch nichts beirrbaren eigenen Mitarbeit an der sittlichen Wcllgestaltung, durch die immerwährende eigene sittliche Tat, geboren werden kann, so erwächst echtes, wahres Bne-Brisslum allein aus der immer wieder neu gesuchten Verknüpfung und Anlehnung an die Brüder, an die LogengemeinscÜaft und aus dem freudigen, keinen eigenen, egoistischen Nutzen erwartenden Dienste an der sittlichen Idee unseres Bundes. Sind das nicht wahre Rosch Haschana-Gedanken unseres Ordens? Eine der Hymnen des Rosch Hascliana-Festes beginn mit den W’orten: „Hajom harat olam — an diesem Tage wird die Welt geboren“. Welch gewaltiger Gedanke fand hier seinen Ausdruck! Wir Menschen sind es, die durch ihr Leben jedes Jahr neu die Welt gebären. > Sehen wir Bne Briss hier nicht den Weg, der für uns bestimmt ist? Die anderen nennen sich „Freimaurer“, Erbauer einer freien Welt. Wollen wir nicht endlich beginnen, die jüdische Welt, die Welt unseres sittlichen jüdischen Ideals zu erbauen? Der Orden ruft uns, Rosch Ilaschana und Bne - Brisstum vereinigen sich in diesen lagen in dem gleichen Rufe. Höret ihn Brüder! Die W elt soll neu geboren werden, «und Ihr sollt es sein, die sie neu erbauen! 7 Ansprache bei einer Kandidaten-Einführung Li lien siebziger Jahren de.-. 19. Jahrhunderts hat Friedrich Nietzsche in seiner Philosophie eine „L’mwe'rtupg aller Werte" vorzunehmen versucht und prophezeit, innerhalb der nächsten 50 Jahre würden die Regierungen Europas in einem gigantischen Krieg um die Märkte der Welt aneinandcrprallen. Vielleicht werde aber jener Irrsinn zur \ ertinigung Europas führen. Seitdem ist der Erschütterung der wirtschaftlichen Struktur unseres Erdteils eine Krisis des Rechts, der Sitten und der Sittlichkeit gefolgt. Mährend früher das Ideal der Humanität. der Menschenliebe kaum angezweifelt wurde, wird heule viellach der „saerp egoismo“ im Einzelleben wie im Leben der Völker (tngepriesen. Nietzsches geistvoller Verherrlichung des ,AV illens zur Macht“ ist ein geistloser, ein geistleindlicher Machtrausch und Machtwunsch gefolgt. Man beruft sich auf Nietzsche, obwohl man ihn nur oberflächlich -4iennt und im Endziel mit ihm keineswegs übereinst immt. UNSERE TOTEN / Der' Orden beklagt den Heinygang folgender Brüder: Name Eingetret- Geboren ( Verstorben Deutsche Reichs-Löge Eduard Schaul 19. 5.1920 3. 1.1881 25. 8.1931 David Lichtenstein . 20.10.188 1 21.11.1857 9. 8.1931 B e r t h o 1 d - A u e r b a c h - L o g e Leon Ruziewicz 27.11.1922 27. 2.1872 23. 8.1931 Akiba Eger-Loge Abraham Sultan 4.12 1921 4. 8.1876 25. P. 1931 Ehre ihrem Andenken! Richtig ist freilich, daß Nietzsche zwischen Herrenmoral und Herdenmoral unterschieden hat. Selbst für den gemeinen Römer habe Tugend (virtus) bedeutet: Männlichkeit, Mul, Unternehmungslust, Heldemnütigkeit. Aber aus Asien, besonders von den Juden, sei zur.Zeit ihrer politischen Unterwerfung ein anderer Maßstah gekommen. Unterwerfung erzeuge Demut und Hilflosigkeit den Altruistm u s, der bloß ein Hilferuf sei. Unter der Wirkung dieser Herdenmoral halte die Liehe zu Gefahr und Maclyt der Sicherheils- und Friedensliebe Platz gemacht. Kraft sei durch Schlauheit ersetzt worden, offene Rache durch geheime, Strenge durch Mitleid, Unternehmungsgeist durch Nachahmung und der Stolz auf die Ehre durch die Peitsche* des Gewissens. Ehre sei heidnisch, römisch, feudalistisch, aristokratisch; das Gewissen sei jüdisch, christlich, bürgerlich, demokratisch. „Die Menschen sind nicht gleich!“ ruft uns Nietzsche zu. „Ihr Prediger der Gleichheit, der Tyrannen-\Vahnsinn der Ohnmacht schreit also aus euch nach Gleichheit!“ Nur die Beredsamkeit der Propheten von Arnos bis Jesus habe die Anschauungen einer unterworfenen Klasse zur fast allgemein anerkannten Ethik erheben können. Lieber Bruder! In unserem Orden Bne Brissvereinigen sich Juden der verschiedensten Richtungen. Sie finden bei uns Orthodoxe und Liberale, Zionisten und Nichtzionisten, Theisten, Pantheisten und Atheisten. Wir alle aber bekennen uns zu der von Nietzsche und anderen so angegriffenen Ethik der Menschenliebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit. Es trifft zu, daß die Menschen von Natur nicht in allem gleich sind, daß es Herren -und Herdenmenschen gibt.- Die Forderung der Gleichheit bedeutet aber nur, daß jeder nach Maßgabe seiner Fähigkeiten die gleichen Bedingungen zum Aufstieg haben soll. Es ist richtig, daß mit dem Lehen Kampf untrennbar ver-