Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 10 (1930-1931)
- Issue
- 7 (10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 112 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U.O.B.B. Nr. 7 Volkes auf seine nationale Kultur, hat sich im wirtschaftlichpolitischen Nationalismus überspitzt, hat seine Korrektur am universalen Menschheitsglauben verloren und ist im Begriffe, Staaten und Völker zu zerstören. Wer, wie ich, sein eigenes Volk liebt und in, der politisch-kulturellen nationalen Idee den stärksten Impuls für die schöpferische Leistung der Volkskräfte sieht, wird gewiß einen ethischen Nationalismus nicht a limine ablehnen. Aber Nationalismus ohne das Korrigens und den geistigen Zusammenhang mit dem universellen Menschheitsgedanken, der Grenzen der sittlichen, politischen und wirtschaftlichen Gemeinbürgschaft, V erbundenheit und Verantwortlichkeit aller Völker untereinander nicht anz.uerkennen vermag, muß, wie die Not dieser- Zeiten sinnfällig zeigt, zum Untergänge aller Völker führen. Wir Juden dürfen uns rühmen, daß die großen und edlen Geister unseres Volkes in prophetischer Schau die Erkenntnis dieser Wahrheit schon vor mehr denn zwei Jahrtausenden * Die Toynbee-Halle' der Berliner Logen U. O. B. B. nimmt ihre Winterarbeit am Sonnabend, dem 18. Oktober 1930 in ihrem Heim Gipsstraße 12 a wieder auf. Die Toynbee-Halle hat es sich .zur Aufgabe gemacht, zweimal wöchentlich, an jedem Mittwoch und Sonnabend, die .arme jüdische Bevölkerung zu sammeln, um durch populär-wissenschaftliche Vorträge, musikalische Unterhaltung und einfache Bewirtung Belehrung, Anregung und Freude in den Kreis ihrer Besucher zu tragen. Der Vorstand der Toynbee-Ilalle bittet die lieben Brüder und ihre Angehörigen, sich auch in diesem Jahre bereitwillig in den' Dienst der guten Sache zu stellen, und als Redner. Leiter und Ordner an diesen Veranstaltungen mitzuwirken. Unsere Schwestern werden gebeten, sich wieder zur Ausgestaltung des künstlerischen Teils und für die Mitarbeit im W irtschaftskomitee zu^ Verfügung zu stellen. Alle Logenangehörigen, die die Arbeit der Toynbee-Halle zu fördern gewillt sind, wollen ihre Adresse dem Logenbüro, Berlin W 62, Kleiststr. 10, mitteilen. t Das soziale Werk der Toynbee-Halle kann nur dann wirksam gefördert werden, wenn der Mitgliederbestand wächst. \\ ir bitten alle lieben. Brüder, in ihrem Kreise neue Mitglieder für unsere InstituCioinLzti werben. Beitrittserklärungen sind an Br. Fedor E i s n e rr \V 30,'Landshuter Str. 15, Postscheckkonto Nr. 822 03, zu richten. UNSERE TOTEN Der Orden beklagt den Heimgang folgender Brüder: ' " ' > V- ■" - — Name Eingefret. Geboren Verstorben Be.rthold Auerbach-Loge Bernhard 5.10.1885 24. 8.1851 10. 9 1930 PaurSchle^i^^^,. , 20. 3.1899 8. 7. U57 23. 9.1930 ■ w. ' ■ t.e | i o r e - L o g e Salomo Kaufttfanil;# 26. 3.1918 24. 7. 1876 7. 9.1930 Jacob Sandieri - - Mit:;. 11. 2.1908 6. 4.1844 17. 9.1930 Georg Hirsch / 20. 3.1923 18. 9.1883 28. 9.1930 Moritz Bläsbalg;^'- 24. Z 1920 4.10.1878 28. 9.1930 Paul Philipp ' . 8 16. L 1894 23. 9.1858 28. 9.1930 Ehre ihrem- Andenken l ~ gefunden und sie als sittliche Grundlage des Völkerlebens gelehrt haben. Darum tönt uns Juden in diesen Tagen, in denen die Weltanschauung des Judentums wie in keiner anderen Zeit des jüdischen Jahres auch dem verschlossensten Herzen offenkundig werden kann, aus jedem Gebet, aus jeder Hymne, aus jedem Bekenntnis der Liturgie und aus der unerschlossenen Tiefe unserer jüdischen Seele eines entgegen: Verpflichtung zu allmenschlichem Verantwortungsbewußtsein und Verbundenheitsgefühl. „W’jeassu kuliam agudda achat! Alle Wesen mögen zu einer Gemeinschaft werden“ — dies, nur dies allein, nur dieses Zusammengehörigkeitsgefühl des Einzelnen und des eigenen Volkes mit der einen großen Menschheit und das Bewußtsein der Verpflichtung zur gemeinsamen Abhilfe der einen großen Menschheitsnol dieser Zeit kann aus den Irrungen und Wirrungen dieser Tage herausführen, kann der Inhalt jener Erneuerung im Geiste sein, die die Stunde gebieterisch von uns fordert. Hier aber ist der Ring, der den Umkehr- und Einkehrruf der „Joinim Nauroim“ des jüdischen Jahres mit den Festgedanken unseres diesjährigen Ordenstages verbindet. Wer von uns Bhe Briss spürt nicht, daß eine direkte Linie von den Erneuerungsgedanken, nach denen die Nöte dieser Zeit rufen, und von den Teschuwa-Gedanken dieses Rosch-Haschana und Jom Kippur — nehmt diese Gedanken so weltlich wie Ihr wollt — zu den tiefsten Inhalten-unseres Ordenslebens hinflberführt! Wir Bne Briss sind gewiß nicht die ersten Ordensbrüder gewesen, die Menschheitsideen zum Inhalt ihrer Ordensarbeit gemacht haben^ Aber ich wage die Behauptung, daß diese Ideen in keinem Bruderbünde so eingeboren, so aus der Urliefe der seelischen Kräfte der Brüder stammend sind oder — hätten sein können und müssen wie in unserem Orden Bne Briss. Denn hier konnten sie der Ausdruck einer seit Jahrhunderten unbewußt in uns wirkenden Urkraft, die Auswirkung einer unser Leben formenden Weltanschauung sein. Sic konnten es sein! Sie sind es nicht, noch nicht oder nur erst in wenigen geworden. In völliger Verkennung des Wesens und der Aufgaben unseres Ordens haben wir ihn veräußerlicht, haben ihn statt zu einem Bruderbünde, als der er von seinen besten Geistern gedacht war, zu einer Wohltätigkeits- und Hilfsorganisation gemacht, in der es gewiß an Werken der Wohlfahrtspflege und der sozialen Hilfe nicht fehlt, wo aber diese doch allzu häufig in einem äußerlichen Geiste geübt wird, weil das eine Große, das Entscheidende, mit dem der Ordeq steht und fällt^ die Brudergesinnung, fehlt. Es hat keinen Sinn, sich selbst zu täuschen: wir sind heute — ich sage es aus dem tiefen Glauben an die Zukunft des Ordens und die wirkende Kraft. des Brudergedankens — noch kein Bruderbund, sondern nur eine Wohltätigkeitsorganisation neben anderen. Wir müssen das andere werden, Bruderbund,, um unseretwillen, um des Judentums und der Menschheit willen. Was uns dazu nottut? Erneuerung im Geiste! Zu ihr ruft der Ordenstag auf. Lassen wir uns nicht irreführen von unserem angeblichen Erfolg, von dem Geleisteten und Erreichten. Sehen wir darin nicht ein Großes, sondern ein Geringes, und bleiben wir uns bewußt, daß wir gerade erst am Anfänge unseres Weges, am Beginne der Schaffung einer brüderlichen Gemeinschaft |stehen. Erneuerung im Geiste! Nicht von der Schaffung irgendwelcher Ordensinstitutionen, nicht von dem Maße an sozialer Hilfe, das wir Brüdern leisten, sondern allein von der Lebendigkeit brüderlichen Gemeinschaftsgeistes wird es abhängen, welche Zukunft unser Orden hat. Ein Orden Bne Briss, der ein Bruderbund in tiefstem Sinne dieses Wortes geworden ist, kann und wird eine Quelle erneuernder Kraft für das Judentum und die Menschheit sein. So verstehe ein jeder von uns die Erneuerung im Geiste, zu der die Not der Zeit, die Jomim Nauroim dieses Jahres und der Ordenstag aufrufen. Und keiner sage: was kommt es in