Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 8 (1928-1929)
- Issue
- 12 (3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 308 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 308 Nr. 12 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U. O. B. B. dener Anfang in dieser Richtung. Die Revolution der modernen Jugend richtet sich unbewußt gegen das zu lange V erbleiben im Elternhause. Die Psychoanalyse hat uns bereits eine Typologie der erstgeborenen und zweitgeborenen Kinder, sowie des einzigen Kindes gegeben, die die Plastik der_elterlichcn Einflüsse aufzeigt. An den Schülerselbstmorden ist sehr selten die Schule, sondern meist das Elternhaus schuld. Die Eltern sind noch häufig in dem Irrtum befangen, daß das Kind nur ein kleiner Erwachsener sei. Kind. Erwachsener und Greis sind aber drei verschiedene Spezies mit andersartiger Denk-, Gefühls- und W illensweise. Das Kind hat ein anderes inneres Drüsensystemals der Erwachsene. Eine Erziehung ist nur möglich, soweit die Erbmasse es gestattet. Ein indisches' Wort ist hier zu beherzigen: „Die Erziehung des Kindes muß vor seiner Geburt beendet sein“. In unserer heutigen Kulturkrise ist die Erziehung des Kindes beinahe unmöglich. W ir halten die einfache Linie der früheren Zeit verloren. Eine Einheitlichkeit der Ec/.iehung findet man heute -noch in ostjüdischen und jesuitischen Schulen. Die heutige und voraussichtlich auch die nächste Generation können bei ihrer eigenen Unsicherheit der Jugend kein ljeispiel gelten. Man kann also nicht von einer Revolution der Jugend, sondern nur von einer Impotenz des Alters sprechen. Die Beendigung der Krise ist nur dadurch herbeizuführen, daß \\ ir uns unserer Unsicherheit bewußt werden und uns wieder auf die Grundlinie der Kultur besinnen. Die Aussprache über den Vortrag eröffnete Br. Expräs. Heinrich Sterrt. Er wandte sich gegen die nach seiner An? sicht unliegründete Zurücksetzung des westjüdischen Geistes¬ und Gefühlslebens gegenüber dem der Ostjuden. Es sei nicht richtig, daß sich in der deutschen und überhaupt in der westjüdischen Judenheit die jetzige Generation ausschließlich mit den Kragen des täglichen Lebens und des Kampfes ums Dasein beschäftige, ^aber für geistige und insbesondere für religiöse keine Interesse habe. Es gibt heute eine große Zahl jüngerer und älterer Laien, die speziell mit dem Gottesproblem und den großen vom Judentum aufgeworfenen Menschheitsfragen innerlich ringen und auch darauf Wert legen, daß das Verständnis für diese Kragen bei ihren Kindern wachgerufen wird. Gerade in liberalen Kreisen legt man, wie die Weltkonfcrenz gezeigt hat, Wert darauf, daß die jüdischen Familienfeiern, der Sahbath und die Feste, unter dem Gesichtspunkt ständen, diegroßen Gedanken, welche hinter diesen Festen ständen, den Kindern frühzeitig ins Ilerz zu legen. Leberhaupt streite man danach, dem nationaljüdischen Ideal das Ideal der geistig¬ UNSERE TOTEN ~ Der Orden beklagt den Heimgang folgender Brüder: Name Eingetret. Geboren Verstorben Deutsche Reichs-Loge losefJdayer 8. 12. 1906 19. 12. 1851 IS. 2. 1929 Berthold Auerbach-Loge Benno Braun Theodor Schlochauer Dr. Isidor Levy Hermann Kallmann 5. 3. 1906 -20. 11. 1866 19. 12.1921 19. 3.1869 23. 5.1910 15. 1.1852 3 12. 1923 15. 7.1869 2. ’ 2.1929 14. 2.1929 16. 2. 1929 18. 2.1929 ' Montefiore-Loge Moritz Mugdan 4. 1Z 1906 20. 5. 1853 13. 2. 1929 Ehre ihrem Andenken! seelischen Gesamtgemeinschaft Israels entgegen zu stellen, und das sei .doch/nur möglich, wenn man sich über die großen geistigen, insbesondere religiösen Fragen, die das Judentum »aufwerfe, klar werde und in den Familien und Gemeinden hineintrage. Frau Dr. Erna Goldschmidt machte darauf aufmerksam, daß das indische Wort „Die Erziehung des Kindes müsse vor seiner Geburt beendet sein“, zu Mißverständnissen Anlaß geben könne. Zutreffend sei. daß die Erzieher zunächst an ihrer eigenen Erziehung arbeiten müßten, um dem Kinde gute Eigenschaften und Anlagen mit auf den W’eg geben zu können. Das besage aber nicht, daß eine Erziehung des Kindes nach der Geburt bedeutungslos sei. Wie groß auch der Einfluß der Gene, der Erbmasse sein möge, so könne sich durch planmäßige Einwirkung der Eltern die.Stärke und Richtung des Willens bestimmt werden. Erziehung bedeute nicht ein bc- ■ ständiges Gängeln des Kindes, sondern ein behutsames Fördern der kindlichen Anlagen und unter Umständen auch ein bewußtes Zurücktreten des Erziehers. W'ie das gesamte Milieu um großer Bedeutung für die Kindesentwicklung sei, so sei die Stärkung oder Schwächung der kindlichen Willenskräfte .durch die Eltern ausschlaggebend ’ für die Zurückdrängung oder verstärkte Auswirkung schädlicher Keimanlagen. In seinem Schlußwort erklärt Dr. Döhlin, daß zwischen seiner Auffassung und der yon Fr. Dr. Goldschmidt keine wesentlichen Unterschiede bestehen. Das, was Frau Dr. Goldschmidt ausgeführt habe, sei in dem von ihm zitierten indischen Spruche bereits enthalten. Herrn Expräsidenten Dr. Stern gegenüber sei hervorzuheben, daß es sicherlich erfreulich sei, wenn sich westjüdische Kreise mit transzendenten Dingen beschäftigen. Eine Metaphysik aller, die gegebenenfalls hinter Börsengeschäften völlig zurücktrete, könne dem Redner nicht genügen. Er glaubt auch nicht, daß eine nennenswerte Zahl von Ehen in Westeuropa noch mit der Absicht der Kindererzeugung geschlossen würden. Ein solcher bewußter Zweck ist auch nicht erforderlich, da die Eltern nur eine Durchgangsstation für den Menschenartwillen sind. I>ie Natur gelangt dennoch zu ihrem Recht, auch wenn sich die Menschen des in ihnen schlummernden Willens zur Erhaltung der Gattung nicht bewußt werden. Mit Dankesworten an den Vortragenden für seine interessanten Ausführungen, die auch diejenigen Zuhörer gefesselt hätten, welche die Ansichten des Vortragenden nicht teilen, schloß der w. Präsident, Br. Prof. Dr. Carl Lew in die Veranstaltung. .Fr, Gdt. Mitteilung. Es wird gebeten,, die für die einzelnen Logen bestimmten Beiträge und Spenden apf die nachstehend aufgeführten Spezialkonten einzuzahlen. - Bei anderweitiger Adressierung sind Verzögerungen und Irrtümcr nicht ausgeschlossen. Deutsche Reichs-Loge: Deutsche Reichs-Loge U. O. B. B., W 62. Kleiststr. 10, Nr. 15 676. t. Berthold-Auerbach-Loge: Herrn Julius Rothschild, Logenkonto. Berlin Nr. 100 356. . . Montefiore-Loge: Herrn James I.issauer, Grunewald, Nr. 70 720. Spityiza-Loge: Herrn Leo Jacob, Universitätsstr. 2/3, Nr. 25 233. Timendorfer Jubiläums-I.oge: Herrn Jacob Mendelsohn. NW 40, Nr. 75 952. Akiba-Eger-I.oge: Herrn Arthur Simon, Berlin, Nr. 14 133. Jehuda-IIalevi-Loge: Herren Schwarz, Goldschmidt & Co., \V 8, Nr. 28 309. Julius-Fenchel-I-oge: Herrn Arnold Fürth, Berlin, Nr. 121985. Abraham-Geiger-I.oge: Herrn Hugo Philips, Logenkonto Nr. 90 371. I