Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 8 (1928-1929)
- Issue
- 10 (1.1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4885084-6352611-6352901--0731-4885775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 10 Seite 268 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U.O.B.B. zartes Pflän/ehen, das dem Sturmwinde der politischen I.eidenschaften nicht ausgesetzt werden durfte. Kntspricht die Generation der Gegenwart immer noch diesen Voraussetzungen? Soll das Wirken des Ordens noch immer nicht den Boden für eine sachliche Erörterung der gedanklichen Gegensätze bereitet halten? Wenn die Vertreter jener Tradition recht hätten, dann wäre der Orden auch nach jahrzehntelanger Wirksamkeit noch immer nicht zur w ahren Brudergemeinschaft geworden. Die stete Kernhaltung praktischer l-ebensgedanken ist in /eiten gesättigter I^ebensformen möglich. Die Gegenwart mit ihren schweren Wirtschaftsproblemen, mit dem Zwange des harten Daseinskampfes, mit dem Wiedererwachen religiöser Sehnsucht, mit ihrem Ringen zwischen den verschiedenen Geistesrichtnngen im Judentum, mit den Gegensätzen zwischen Individualismus und Sozialismus erzwingt aber das llincintragen der Gedankensorgen in den Bruderkreis und stete Stellungnahme zu-allen Tagesfragen geistiger und vielfach auch wirtschaftlicher Art. In der Loge, im Freundeskreise sucht der neuzeitlich gesinnte Bruder Anregungen, welche ihm adäquat sind und das Leben der W irklichkeit nicht verneinen. Das Verschweigen von Gegensätzen bringt sie nicht zum Verschwinden. Die Loge muß die neutrale Plattform Sein, auf welcher die scharfen Meinungsverschiedenheiten des Alltagslebens unter , dem Gesichtspunkte ehrlicher W Qrdigung gegnerischer Anschauungen in echt brüderlichem Sinne zum Ausdruck kommen dürfen- Lrtter dem Zwange der Logenformen* bei Wahrung echter Brüderlichkeit, können die Vertreter der verschiedenen Meinungen in friedlichem Gedankenaustausch die Möglichkeit findenfremde Ansichten sachlich zu erörtern und sich selbst dazu zu erziehen, draußen im Kampfe um politische und wirtschaftliche Ziele, um Neuaufnahririen: Jehuda Halevi-Loge. Dr. Berthold Hause. W 30, Motzstr. 79. . Dr. Herbert Kavserling, W 30, Motzstr. 69. Dr. Ludwig Meyer, W 9. Königin-Augusta-Str. 12. Dr. Robert NuCbaum, Lankwitz, Beethovenstr. 7. Dr. Aron Singalowsky, Charlottenburg 4, Schlüterstr. (io. Dem Orden gehören nicht mehr an: Berthold Auerbaeh-Loge. Dr. Wilhelm Silberstein, Spandau. Breite Str. 49. UNSERE TOTEN Der Orden beklagt den Heimgang folgender Brüder: Name Eingetret^ Geboren Verstorben Deutsche Reichs-Loge Leopold Borgzinner 5. 1,1.1887 4.12-1846 8. 12.1928 Berthold Auerbach-Loge Salo Rosenthal 26. 1 1920 22. 11.%1871 29.12 1928 Spinoza-Loge Hugo Bloch 3. 4.1910 8.12.1862 Moritz Wartenberg 12. 5. 1921 4. -3. 1871 9.12. 1928 23. 12. 1928 Ehre ihrem Andenken l religiöse Fragen, auch in dem Andersdenkenden den achtungswürdigcn Mitmenschen, nicht den verhaßten Gegner zu erblikken. Die Logenarbeit gilt ja nicht der Durchsetzung bestimmter Meinungsrichtungen, sondern nur der Höherentwicklung der geistigen und -sittlichen Qualitäten der Brüder. So wird der Wert der Ordensgemeinschaft als die Pflegstätte aufrichtiger Menschenliebe allen Ordensmitgliedern stetig fühlbar sein. Der Bruder soll im Orden Verständnis und Wertschätzung aller ihn erfüllenden Gedanken und Regungen finden. Die Loge soll zum Mittelpunkt seines Denkens außerhalb der Familie und Berufsarbeit werden. W enn die Tore des Ordens sich dem . wirklichen Leben öffnen unddem Streit der Meinungen nicht mehr ängstlich verschlossen bleiben, dann wird auch tatkräftigen Naturen die Betätigung im Orden wieder wünschenswerter erscheinen und die reife Jugend den Weg zum Orden finden. ' Fs wird hiermit nicht der Politisierung der Logen, noch weniger einer materiellen Gestaltung des Ordensinhaltes das -Wort geredet, sondern nur der Weg gesucht, welcher die erwiesenen Werte bisheriger praktischer Ordensarbeit mit den Forderungen der Gegenwart verbindet. Eine wesentliche Voraussetzung für praktische Durchsetzung dieser Wünsche ist die enge Zusammenführung der Ordcnsmitglicdcr. Sie sollen sich nicht als Mitglieder einer der vielen jüdischen Zweckvereinigungen, sondern als Angehörige eines Freundeskreises fühlen und sich der verpflichtenden Zugehörigkeit zu einem Bruderbünde, bewußt werden. Leider ist das Problem der Großstadt zum Problem der großen Logl-n gjeworden und bereitet der Verwirklichung vorstehender Forderung besondere Schwierigkeiten räumlicher und zeitlicher Natur. Ernster W ille^kann aber auch hier geeignete Wege finden. Wenn djie Ansicht Allgemeingut wird, daß die Zukunft des Opdens von der Anpassung an die Gegenwart und der Verwirklichung der Freundsehaftsidee mehr denn'je abhängigist, werden, sich Maßnahmen treffen lassen, ■ welche die Brüder auch außerhalb der ordentlichen Sitzungen näherbringen und ihnen Gelegenheit geben, Freunde zu suchen und zu werden. Fs ist hier, nicht der Ort, Finzelvorschläge zu machen und über ihre Durchführung zu sprechen. Fs gilt nur dem Grundgedanken Ausdruck zu verleihen -und ihn als eine brennende Frage der Ordensgegenwart zu kennzeichnen. Die praktische Verwirklichung des Brudergedankens darf nicht an räumlichen Fragen scheitern. Die Brüder sollen in ihren regelmäßigen Zusammenkünften keine gesellschaftlichen Veranstaltungen erblicken, sondern sie dazu benutzen, einander kennenzulernen, sich zu finden, seelische und geistige Bande zu knüpfen und zu festigen. Die Selbstgenügsamkeit, das Behagen an dem Genüsse eines vielgestaltigen Gesellschaftskreises, welcher sich gegenwärtig besonders in den großen Logen nach der Sitzung bildet und völlig ordensfremde Grundformen zeigt, soll und muß dem Wunsche, wahre Brudergemeinschaften zu schaffen, endlich weichen. Rein äußerlich, in der Form der Bruderzusuinmenkünfte, muß somit auf den Ursprung des Ordens zurückgegriffen werden. Der Orden darf den .ganzen Mann fordern. Die Hingabe an jegliche I-ogenarl>eit muß allen Brüdern zur Selbstverständlichkeit werden. Wenn erst in der Loge das praktische Leben den ersehnten Widerhall findet, und die Gegenströmungen nicht zugehöriger Vereinigungen, seiensie ‘ an sich auch noch so wertvoll, räumlich nicht mehr kontinuierlich hindernd sind, dann wird sich ein großer Kreis von ßrüderir bilden, welche wahre Vertreter der Ordensgedanken sind und' auch in die Zukunft wirken können. Ueberzeitlich sind die Ideale des Ordens, aber seine Mitglieder werden als Menschen immer zeitgebunden seinr; Darum muß die Diagonale gefunden werden, welche Vergangenheit, Gegenwart und eine hoffnungsfrohe Zukunft des Ordens zuni Wöhle seiner Mitglieder und zur Förderung des deutschen Judentums miteinander verbindet.