Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 8 (1928-1929)
- Issue
- 9 (12.1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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I I- . ■bl + derBEßUNE BERLIN W 62, KLEISTSTR. 10, LOGENHAUS V 8. JAHRGANG DEZEMBER 1928 NUMMER 9 Weg und Ziel Von Br. Exprüs. Dr. Arthur I. ö w e n s t a m m (B.A.I..) Die Lebenswirren des Individuums und der Gemeinschaften entstehen im letzten Grunde aus der Unklarheit Ober das Verhältnis von Mittel und Zweck, Sache und Person, Weg und Ziel. Inmitten der sich drängenden und sich UherstQrzendcn Aufgaben hat der moderne Mensch nicht Zeit zu bedenken, daß es eine alle andere^ zusammenfassende Aufgabe gibt, die alle in sich schließt und die den Kern, die Wurzel und den Gipfel bedeutet, aus der heraus das Leben erst verständlich wird. Ueber den Zielen wird das Ziel vergessen. Dieses Ziel ist die Humanität: die geistige und sittliche Entfaltung aller Kräfte und die aus der allseitigen Erkenntnis sich erzeugende Tat, ethisches W ollen und Vollbringen, soziale Gesinnung und Wirklichkeit. Zu diesem einen Ziel fQhren unendlich viele Wege, sich trennend und dann sich verbindend, sich kreuzend und doch wieder sich verstehend. Die Wege sind die Menschen. Es gibt ' so viele «Wege zur Humanität als es strebende Menschen gibt. Aus Naturell und Temperament, aus Selbsterziehung und Milieu, aus Vergangenheitserbe und Zukunftsausblick ist solcher Weg. der den Menschen bedeutet, in labyrinthisch verschlungenen l üden zur Einheit verwoben. Viel Gemeinsames und unendlich viel Nuanciertes ist da. Das Gemeinsame ruht nicht bloß auf dem Körperhaften und allgemein Seelischen, sondern auf den großen Weltanschauungen, die bedeutende Menschheilsgruppen einigen.! Auch diese Weltanschauungen, die vornehmlich die Kulturreligionen darstellen, sind die Wege zum Ziel der Menschlichkeit. Es sind aberindividuelle Wege, in gleicher Art notwendig wie die persönlichen und individuellen, weil ohne sie die Solidarität der geistigen und sittlichen Interessen und Kräfte in der Menschenwelt nicht gewährleistet wäre. Indem sie eine unendliche Zahl von Einzelweggn vereinigen, sind sie die Vorstufen zur Einheit der Menschheit. [ Diese Vorstufen, die die Weltanschauungen sind, können nicht übersprungen werden,' weil der Weg vom einzelnen zur Menschheit immer über die Gemeinschaft fahrt. So mOndcH alle Pfade in der Humanität. „Alle Flüsse gehen ins Meer, aber das Meer wird nicht voll; an den Ort, wohin die Flüsse gehen, dahin gehen sie immer wieder.“ Humanität ist die unendliche Aufgabe, die sich im Laufe der Entwicklung immer ■nehr /verbreitert und vertieft und darum nie vollendet. Int Gedanken der Menschlichkeit liegt das Ewige, Ueberzeitliche. Darum ik er das immer Dauernde und Unveränderliche. Humanität ist^ns Ideal. Es war in dem ersten Menschen und wird im f. a letzten sein. Es liegt im Wesen des Ideals, daß es nicht sterben kann. Ein Höchstziel, das untergeht, war kein solches. Teil- Ideale sind verschwunden, das Gesamtideal bleibt. Wenn es eine Stufenleiter der Ziele gibt, so ist die höchste und letzte- Stufe die Menschlichkeit. Sie ist im tiefsten Grunde das Einzige, was-den Namen des Ideals verdient, weil damit immer eine vollendete Einheit bezeichnet wird. Weil aber Humanität ein ewig Aufgcgchenes ist. darum ist sie gleichsam ubstrakt. Alles Fernste im Körperlichen und Seelischen ist unfaßbar; wie die Sonne nicht erreicht werden kann, kann auch das Ideul nicht greifbar sein,. Das ist notwendig und durum gut. So kann es^alle umfassen, so-können sich ullc in ihm vereinigen, jeder in seiner Nuance. Alles Konkrete ist eindeutig. Dies ist .sein Vorzug, aber auch seine ^unendliche Schwäche. Es ist nur für einen oder für viele, aber nie für alle. Ein konkretisiertes Ideal in der Menschenwelt scheint ein Widferspruch in sich zu sein. Das konkrete Ideal ist Gott allein, dessen Abbild die Menschlichkeit ist, und auf den der größte jüdische Denker das PsalmwaVt anwendet:;,Dir gegenüber ist Schweigen Lob.“ Unter den vielen Wegen' zumi einen Ziel ist nach unserer lebendigsten Leberzeugung aas Judentum der wertvollste, weil t umfassendste. Es ist der. \Vcg an sich und schlechthin:. Jüdische Welt- und Lebensansehauung ist in. ihren-Grundgedanken die große, sittlich religiöse Heerstraße der Menschheit. Aus dieser Lebensauffassung haben sich ^weitverbreitete Seitenwege im Menschengeschlecht abge?weigt und werden einst zum/Iauptweg zurückfinden. Das ist der Sinn des messianischen Reiches, in dessen Begriff als tiefste^ und letztes die Humanität wurzelt. Der Weg des Judentums strebt zur Menschheit und zur Menschlichkeit. Er war der erste, j der diese Richtung wies, und ist noch heute der einzige, der eindeutig sie, vertritt« Für uns Juden .aber ist er nicht bloß der gerade Weg und darum der natürliche, sondern der heilige Weg, geheiligt durch, das Erbe der Vergangenheit, geweiht durch das uns auferlegte Schicksal, Wegbereiter und Pfadfinder , in der sittlichen Welt zu sein. Ey ist für uns der Weg des He ile?. Wir können keinen anderen gehen, weil er uns der naturgegebene und« notwendige ist, wir gehen ihn auch immer, ob w ir es wissgn oder niciit. Er ist für uns die überindivid'uelle Nuance-irf dem Chapdkter der Hu-/ i (nnnität. j . « Durch ihn haben wir un4 erhalten und durch ihn gelebt, haben dem Humanitätsideal einen eigenen Ton und eine beson-