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Monatsschrift der Berliner Logen UOBB · 1928-11-01 · 8 (11.1928) · p. Seite 216

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Journal
Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
Volume
8 (1928-1929)
Issue
8 (11.1928)
Date
1928-11-01
Page
Seite 216 (sequence 4)
Language
German
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Seite 216 . MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U O. B. B. Nr. 8 Adolf Kraus *) Von Br. Kxpr. Fritz Adolf Kraus, der langjährige Präsident des Ordens U. O. B. B.. .wurde am 26. Februar 1850 zu Biowitz hei Pilsen als Sohn eines jüdischen Kleinkaufmanns geboren. Fünfzehnjährig wanderte der verwaiste Knabe mittellos nach Amerika aus. wo er zuerst bei einem Zigarrenmacher gegen Verpflegung und eine Wochenration von fünf Zigarren tätig war; durchaus nicht zur Zufriedenheit seines Chefs, der zu ihm sagte: „dünge, zum Z.igarrenmachen bist du zu dumm, lerne was leichteres!“ Kraus ging auf eine Farm, später in eine Fabrik, gab Kindern Unterrichtsstunden und fing an. neben seinem Tagesberuf auf der Universität .hira zu studieren. Siebenundzwanzigjälirig bestand er sein Examen und wurde in Chicago Rechtsanwalt. Nunmehr Ivegann seine ausgedehnte Tätigkeit auf den verschiedensten Gebieten der Sozialfürsorge. 1881 wurde er Mitglied der städtischen Schuldeputation. 1881 Vorsitzender der- ' seilten'. 1885 Chefredakteur der Chicago-Times usw. usw. 1877 tigit Kraus in die Oriental-Hillel-I.oge in Chicago ein und machte in ihr eine in Deutschland undenkbare echt amerikanische Rekordkarriere durch. 14 Tage nach seiner Aufnahme wurde er protokollierender Sekretär, ein halbes .Jahr später \ izepräsident. zu Beginn des nächsten Termins Präsident, und als solcher Delegierter für den 6. Distrikt l>ei der Großlogc, die ihn sofort zum zweiten Vizepräsidenten ernannte. 1905 wurde er in New Orleans zum Präsidenten des Ordens U. O. B. B. erwählt und seitdem in Abständen von fünf Jahren jedesmal neu bestätigt. Unter Kraus' Führung hat der Orden in Amerika eine ähnliche expansive Entwicklung genommen, wie in der gleichen Epoche, in Deutschland. Die Zahl der Mitglieder ist \on weniger als 20 (NH) auf weit über 50 (NM) angestiegen. Dank dem außerordentlichen diplomatischen Geschick seines Führers hat der Orden in Amerika bis zu den höchsten S|taatsstellen hinauf Anseli^n erlangt und mehrere Male Gelegenheit gehabt, mit leitenden Staatsmännern in jüdischen Fragen Fühlung zu nehmen und bestimmenden Einfluß auf entschei lende Maßnahmen der Regierung auszuülven. Aehnlich Montefiore in England hat sich Adolf Kraus in Amerika l>ei allen notwendigen Gelegenheiten für das Schicksal nicht nur der einheimischen, sondern auch derwludenr aller anderen Länder tatkräftig eingesetzt. wenn es gajt. unterdrückten Glaulicnsbrüdern in weniger glücklichen Zonen beizustehen. „Wir wären", sagte er 1915, „glücklich, wenn unsere Glaubensgenossen in anderen Teilen der Welt unsere Dienste so wenig brauchten, wie unsere amerikanischen Mitbürger. Aber ich denke: wo unsere Glaubensgemeinschaft am meisten leidet, dahin ruft uns die Pflicht zuerst. Von unserem Standpunkt aus ist das Leid unserer Glaubensgenossen in irgendeinem Teil der Welt keine ausländische An- Ordenspräsident Adolf Kraus s. A. Unser Orden hat einen tiefschmerzlichen Verlust erlitten. Bruder Adolf K^aus. in dem wir jahrzehntelang die Personifizierung des Ordensgedankens erblickt haben, ist am 24. Oktober 1928 aus dem Leben geschieden. Unser Orden hat einen Führer und Wegbereiter verloren! Unsere Trauer vereint sich mit den Gefühlen aller Brüder unseres weltumfassenden Ordens zu dem Gelübde, sein Andenken in Ehren zu -halten undseinem Lebenswerke in Treue zu dienen. ... n Kahn (J. 11. L.). gelegenheit; Die Sache Israels kennt keine Unterscheidung. Der l.elvensodem unseres Ordens ist Dienst — am anderen.“ Getreu diesem Grundsatz trat Kraus nach dem Friedensschluß zwischen Japan und Rußland 1905 zusammen mit Jacob Schiff heim russischen Ministerpräsidenten Graf Witte für eine Milderung der Judengesetze in Rußland ein und führte längere Verhandlungen mit der russischen Regierung, die zwar Ver- . spreehungen, aber keine Erfüllungen zur Folge hatten. Als sieb die Gewaltmaßnahmen gegen die Juden in Rußland auch auf jüdische Reisende aus Amerika erstreckten, erwirkte Kraus durch seine Vorstellungen lveim Präsidenten Taft, daß 1911 der Ilan- ’ delsvertrag zwischen Amerika und Rußland gekündigt wurde. Die Feder, mit der Taft das Kündigungsprotokoll Unterzeichnete, wurde, ein echt amerikanischer Akt, dem Bnai-Brith in Amerika ültcrreicht, worauf dieser dem Präsidenten im Weißen Haus unter feierlicher Zeremonie die Toleranzmedaille verlieh. 1918 hielt gelegentlich der 7ü-Jahrfeier des Ordens der Präsident der Vereinigten Staaten beim Festgottesdienst eine äußerst an- erkennende’Rcde auf den Orden und seinen Führer; an der damaligen Tagung der Großloge nahmen der Vizepräsident Marshall, der Minister des Inneren Bryan, der Hnndelsminister Wilson, der Marineminister Davies teil, wobei Bryan in einer Rede den schönen Satz prägte: „Ich fürchte mich vor der Aristokratie des Reichtums, ich achte die Aristokratie des Geistes, aber mit ganzer Seele hänge ich an der Demokratie des guten Herzens.“ Zu den wichtigsten Schöpfungen des Ordens unter der Amtsperiode von Kraus sind neben zahlreichen humanitären und sozialen Einrichtungen die Monatsblätter Bnai-Brith News zu nennen, eine Ordenszeitung, die von den geistigen Bestrebungen innerhalb des amerikanischen Distrikts ein lobenswertes Zeugnis gibt, und die Bnai-Brith Ilillel Foundation, eine Stiftung zur. Förderung jüdischen Lebens unter der amerikanischen Jugend, die in systematischer Weise die reifere Jugend auf Schulen und Hochschulen erfaßt und zu Sport, Unterricht, Religiosität upd Geselligkeit vereint. Eine auf die amerikanischen Verhältnisse zugeschnittene, äußerst wertvolle Institution innerhalb der Hillel-Bewegung ist die Ausbildung der jüdischen Akademiker aller Berufe zu jüdischen Lehrern, so daß sie später, wenn sie sich niedergelassen haben, in der Lage sind, in ihrer Gemeinde an der erzieherischen Ausbildung der Jugend, sei es praktisch, sei es als überwachende Instanz, teilzunehmen. Die Hillel-Foundation bezweckt die Wiedererweckung und Erstarkung des jüdischen Gefühls unter der Jugend und einen festeren Zusapimenschluß der jungen Juden auf der Basis jüdischen Gemeingefühls. Es ist ein charakteristisches und für den Betrachter der Judenfragc höchst bemerkenswertes und nachdenklich stimmendes Sympton, daß der Orden Bne-ßriss vor 75 Jahren gegründet wurde, um die einvvändernden Juden zu amerikanisieren und daß er diese Tätigkeit auch heute noch unter den letzthin zugewanderten Juden fortsetzt, auf der Gegenseite aber, wenn die Juden „amerikanisiert“ sind, wieder darauf ausgeht, sie zu „judaisieren“ die in ihnen durch den Amerikanisicrungsprozeß geschwächten jüdischen Werte und Wesensheiten zu stärken — ein Paradoxon, das sich aus dem Fiasko der amerikanischen Emanzipation erklärt, die die Juden, ähnlich wie in Deutschland, zwar vor dem Gesetz, aber nicht vor den Menschen gleichberechtigt hat, so daß die Juden in Amerika trotz, aller papierenen Gleichheitsversicherungen gesellschaftlich genau so vom Gros des Volkes abgekapselt sind, wie in Deutsch* - ‘ Abgedrucbt aus ..Der Orden Bne Briss-“, Festnummer zum Ordenstag 1925.

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