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Monatsschrift der Berliner Logen UOBB · 1928-10-01 · 7 (10.1928) · p. Seite 188

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Journal
Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
Volume
8 (1928-1929)
Issue
7 (10.1928)
Date
1928-10-01
Page
Seite 188 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 7 | I I Sieite 188 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U.O.B.B. Ordenstag — Ordensgericht Von Br. Expräs. Israel Auerbach (T. J. L.). __ Unser Ordenstag ist kein Stiftungsfest. Auch mit defn Ka-' lender-Neujahr hat er nichts gemein, obzwar er den Jahren des Ordenslebens eine neue Ziffereinheit hinzufügt wie jenes dem bürgerlichen. Sehr wohl hingegen läßt er sich mit Rausch Haschonoh vergleichen, denn wie dieses ist er ein Tag des Gerichts und ein Tag der Besinnung. Ja, es fügt sich geradezu schicksalsmäßig, daß unser Ordenstag den „hochernsten Tagen“ unserer Glaubensgemeinschaft zeitlich so nah liegt. Wir gehen aus ihrer inneren Sammlung fast unmittelbar in die seine hinüber, durch ihre Erschütterungen für die seinen aufgelockert, haben ihre tiefe Seelenübung, Einkehr und Umkehr, nur auf ihn zu übertragen, auf seinem Gedankenfeld, in seiner Gefühlswelt zu wiederholen. Das Selbstgericht des Juden erschöpft sich nicht in der Prüfung, ob er in der Spanne des einen hingegangenen Jahres sein Selbst erfüllt hat und so erfüllt hat, daß er wert ist, im nächsten sich fortzusetzen; sondern die Fackel der Durchleuchtung wirft es in die ganze Dauer seiner Vergangenheit, die ganze Tiefe seines Seins und Wesens - die glühende Frage: war ich, bin ich Jude? war ich, bin ich Mensch, wie der Jude Mensch sein soll? So wird auch der Gerichtstag unseres Ordens nicht nur das Jahr des Ordens vor die Schranken ziehn, sondern sein Sein und Wesen, seine Vergangenheit und seine, werdenden Möglichkeiten. Die erste Frage ist schwerer als die zweite. Denn die Vergangenheit unseres Ordens liegt als Geschichte vor uns, zwar imme.' noch keine zusammenhängend und einwandfrei geschriebene, sondern in literarischen Stückwerken kaum andeutungsweise hingestreute, aber doch in gewissen örtlichen und zeitlichen Phaser, als organisch lebendige Werdekette erkennbar. I>as eigentliche Wesen unsere? Ordens hingegen ist noch Undefiniert. unsere Bundestafeln sind noch nicht gegeben, von ^keinem Gesetzeskanon erweitert, von keinem gültigen Kommentar erläutert, mit keiner Philosophie unterbaut, keiner Willenslehre unlöslich verbunden. W as uns bis nun darüber ausgesagt ist, die wenigen Vor- und Nachsätze unseres Rituals, die wie willkürlich gewählten Tugenden unserer Devise, die schwankenden Deutungen unserer Symbole — das ist kein Ganzes und kein Fundiertes, kein System, das wir zum Grundfonds unseres Menscbseins machen könnten und mit Bewußtsein abgrenzen gegen andere Systeme, wie es der Jude mit den Grundlehren der Thora tun kann. UNSERE TOTEN Der Orden beklagt den Heimgang folgender Brüder: Name Einpetret. Geboren Verstorben Deutsche Reichsloge Haumann Hahn 26. 1.1907 27. 2.186t 20.9.1928 Lesser Levy 3. 1. 1920 16. 7.1864 1.10.1928 Berthold Auerbach-Loge Emst Burchardt 9.12 1907 6. 1.1856 10.9 1928 Montefiore-Loge Julius Fuld 8. 1.1895 24. 8.1862 30.9.1928 Timendorfer JubilAum i-Loge San -Rat Dr. Gustav Bradt 7. 3.1920 30.10.1870 24.9.1928 Ehre ihrem Andenken 1 Schon im profanen Verlauf des Ordensjahres daher war oft genug die Forderung aufgeworfen, unserem Bunde endlich seine Ideologie zu schaffen — sein geistiges Gerüst und, ihm organisch verbunden, endlich seine Ethik, der nachzuleben habe, wer Ben Briss sein will. Erst wenn sie da seien, wäre das Kriterium gegeben, an dem der Bruder sich zu messen, der Orden am Gerichtstag sich zu richten vermöge, seine Zukunft für Uebung und Werke Lebensleitlinien gewönne. Daß sie nicht da seien, ist die.unmutige Klage manches grüblerischen Bruders, dem die Zugehörigen anderer Orden — Orden mit Ideologie, Ethik und Ordensübungssystemen — gefestigter erscheinen. Diese innere Unsicherheit scheint uns daraus entstanden, daß unserem Titel „Orden“ zuviel Geltung beigemessen wird und zu wenig Geltung unserem Namen „Bne Briss“. Der Titel „Orden“ ist herübergeholt aus ganz anderen Sphären. Ihm verbindet sich ein Sinn von Militärischen (ordo aus dem Heere der antiken Römer), von Disziplinarischen (im Geiste der deutschen Ordnung), von Kirchlichem oder Klösterlichem (aus der Atmosphäre der Mysterienbünde und Mönchsbrüderschaften.) Die Freimaurer, sind ein solcher Orden, mit Rigorosität und Bewußtsein, viele dieser Elemente verbindend und in sich verkörpernd. Aber wir, f sind wirs? Und wenn wirs nicht sind, warum sind wirs nicht? Und wie wir find, sind wir wirklich geringer? Wir sind es nicht, sind, kein solcher Orden in diesem Sinne, weil wir Juden sind. Für „Königssöhne“, wie uns der Talmud nennt, gibt es keine geheiligten Leber- und Unterlegenheitsgrade; unser Gehorsam und unsere Unterordnung gelten nicht den Menschen, sondern der höheren Idee, die von innen zwingt, wenn sie innerlich überzeugt oder liebend überwältigt; unsere Hingebung gehört den Wesen und Dingen dieser Erde, die uns, den Menschen, zum Aktionsstoff gesetzt ist. Dies alles macht uns wahrlich nicht minderwertig, nicht den Juden und nicht unseren Orden. Vergessen wir nicht, wir heißen „unabhängig“. Dies Wort, unser Stolz und unsere Losung, ist lebensnotwendiges Korrektiv unseres Titels Orden. „Unabhängiger Orden“ heißt: ein Orden anders, mit Bewußtsein und Selbstgefühl anders als die Orden der Völker. Bne Briss sind wir, Söhne eines Bundes. Und empfänden wir das klar und stark genug und in all seiner Tiefe, so würden wir ruhig, schauten nur in uns selber und nicht nach außen seitwärts auf jene, die weniger das Wesen mit uns gemeinsam haben als den Titel. Daß wir ein Bund sind, das grade macht uns „unabhängig“. Ein Bund ist eine freiwillige Bejahungsgemeinschaft, deren Glieder autonom sind, die nur so lange bindet, . als die Bejahung dauert, die den nicht zwingt, der sich seelisch gelöst hat, die jeden Augenblick und von jedem immer wieder durch freie- Tatentscheidung erneut wird. Söhne solchen Bundes sind wir, und weil freie Söhne, darum alle gleich und in Wahrheit Brüder. Welchen Bundes Brüder wir sind, lehrt unser Paßwort, das nichts anderes ist als eine Paraphrase des alten Postulats an Abraham, unseren Vater. Erneuerung des Abraham-Bundes ist es, was unser Orden sein will; über den Bund des Blutes hinaus zum Bunde des freien Geistes; ein Bund von Verwirklichern im Kleiner, innerhalb des großen Stammesbundes, dem Verwirk- . lichung als Gebot übertragen wurde. Hiermit sind unserem * Bunde auch seine Tafeln gegeben, die nicht erst von einem neuen Sinai herunterzuholen sein werden. Wir haben nur auf die Inschrift der alten Tafeln zu schauen und auf das, *Las zwischen ihren Zeilen steht, was Jahrtausende darin gelesen haben. Die Ideologie unseres Bruderordens ist die Ideologie des Judentums, seine Ethik die unsere, das Lebenssystem unserer Ordensbrüder dasselbe, das dem Juden Erbe und Aufgabe zuleich ist. Es genügt, das Wenige herzusagen, was wir an ethischen Formulierungen von den Ordensstiftern überkommen haben, um einzusehen, daß nichts in ihnen enthalten ist, was wir nicht schon

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