Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift der Berliner Logen UOBB · 1928-08-01 · 5 (8.1928) · p. Seite 144

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
Volume
8 (1928-1929)
Issue
5 (8.1928)
Date
1928-08-01
Page
Seite 144 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4885084-6352611-6352890--0600-4885650
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 144 Nr. 5 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN ü. O. B. B. \\ ir erleben es ferner immer wieder, daß der eine seine individuellen Ansiehten und Gepflogenheiten mit den Forderungen der Gemeinschaft nicht nur nicht in Kinklang zu bringen weiß, sondern nicht einmal erstrebt, wie andererseits aber auch die i.ogengemeinschaft dem einzelnen gegenüber nicht selten den (irundsatz der Brüderlichkeit verleugnet. Beim Austrag von Gegensätzlichkeiten, die selbstverständlich auch in den I.ogcn vorhanden sind, wirkt sich oft genug der Machtstandpunkt aus. genau so. wie er das Leben draußen beherrscht. Ist also das Gefühl der Brüderlichkeit off nicht einmal stark genüg entwickelt, innerhalb der Loge die entsprechende Atmosphäre zu schaffen.' dann ist natürlieh nicht zu erwarten, daß seine Ausstrahlungen die ^.ogenwände durchdringen könnten. Haben wir nicht gerade in vlen letzten .lahren mit tiefer Beschämung wahrnehmen müssen, wie die Verwilderung des politischen Kampfes nicht einmal durch das Bruderideal zu bändigen war? Daß vielmehr die Gegensätzlichkeiten unter Ordensbrüdern mit derselben Rücksichtslosigkeit und Schonungslosigkeit ausgefochten wurden wie unter Menschen, die durch kein Band aneinander gefesselt, durch keine gemeinsame Idee verbrüdert sind? W < haben wir nun die L rsache dieser bedauerlichen Gegensätzlichkeit zwischen Ideal und Wirklichkeit zu suchen? Ist die Grundidee unserer Ordensdcvise überlebt, oder wird sie nur zu oft mißachtet? Lebe riebt könnte sie nur sein, wenn wir in einer Welt des Friedens und der Kintracht lebten. Wer angesichts der Krlebnissc der letzten Jahre, der Erlebnisse auch im jüdischen Lager, noch nachweisen wollte, daß dies nicht der 1 a|l ist. würde sich lächerlich machen. Wo der-Mensch heutzutage aultritt, geschieht es in einem /.weckverband, in einer Interessengemeinschaft, sei es in einer wirtschaftlichen, einer politischen oder auch religiösen. Lnd darum geht es immer um die Durchsetzung liestimniter einseitig gerichteter Ansprüche, denen andersgerichtete gegenüberstehen. Es muß also immer das Gegensätzliche sein, w as in diesem Gegeneinandervv irken der organisierten Individuen hervorgekehrt wird. Wo aber bliebe da Baum für die Auswirkung des Gemeinsamen. \ erbindenden. also des M e n s c h 1 i c heu, auch des Jüdisch- Mcnschlichcn? Wo anders als in der Loge, die doch eigens zu dem /wecke geschaffen wurde, denjenigen Persönlichkeiten, die ihr reines Menschentum in dem erbarmungslosen Kampf der l’grtciui|gen und Richtungen hicht zugrunde gehen lassen wollten, eine1 Zuflucht zu bieten! Die irgendwo einen Ort suchten, wo nicht der Parteimann dem Parteimann, sondern der Menseh 'dem Menschen gegenübertritt. Und wie wäre ein Z.usainmenlcbcn und Zusammenwirken von Menschen anders möglich als unter der Idee der Menschlichkeit, d. h. der Brüderlichkeit? (iott sei Dank gibt es noch Menschen, die einen solchen Ort mit der Seele suchen. Darum müßte man unseren Orden B'ne B'riß mit seinem Ideal der Bruderliebe heute neu begründen. wenn wir ihn nicht schon hätten. Nein, überlebt sind .wir noch nicht; denn wir haben noch eine Aufgabe zu lösen. Also bleibt uns, unser überkommenes, wohlbegründetes und heute wie nar je lclvcnsnotvvendiges Ordensideal in seiner wahren Bedeutung zu erfassen und im Bewußtsein eines jeden Bruders zu wirksamem Leben zu erwecken. W irksam aber ist die Brüderlichkeit, wenn wir in dem unter W. B. u. E. mit uns verbundenen Menschen das Menschlich-Gemeinsame erkennen und empfinden, derart, daß das Unterschiedliche weit zurücktritt. innerhalb und außerhalb der Loge, ganz besonders aber dann, wenn wir Gegensätzlichkeiten auszutragen haben, aber auch dies sei recht verstanden! Denn das ist nicht das Wesen der Bruderliebe, daß wir unsere Eigenart verstecken, unsere Besonderheit aufgeben dem andern zuliebe. So wenig die Idee der Nächstenliebe die Rechtsansprüche des einzelnen uufhebt, so -wenig das Gebot des Altruismus das Recht auf Selbstbehauptung verneint, so wenig bedeutet Brüderlichkeit unmännliche Selbstcntäußerung. Aber eine Verantwortlichkeit uns selbst gegenüber legt sie uns auf: im Sinne und im Dienste des Ordcnsgedankens uns zu erziehen und erziehend zu wirken. L'nd sobald und solange wir uns so strebend bemühen, lebt unser ideal der Brüderlichkeit und lebt unsere Gemeinschaft. Jede W irksamkeit ist an Voraussetzungen geknüpft, auch die W irksamkeit eines noch so hohen Ideals. W enn wir deshalb dem Gebote unseres Ordens zufolge ..jeden edeldenkenden Israeliten einladen. mit uns zu arbeiten“, dann sollten'wir ihn kor allem daraufhin prüfen, ob er fähig ist, die Idee der Bruderliebe zu erfassen und gewillt, sic zu verwirklichen. An dieser Stelle ist der Hebel anzusetzen, wenn der vielfach beklagte W iderspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit aus unserer Loge verschwinden soll. Zum Thema: Geistiger Ausschuß Eine Anregung von Br. Alfred Cohn (Sp. 1..). Der neue Präsident mit seinem Beamtenrat hat die Arbeit aufgenommen, und wie die anderen Ausschüsse, versammelt sich auch jene Kommission um den Konferenztisch, welche nach dem üblichen Sprachgebrauch mit dem schönen Namen: Geistiger Ausschul' bedacht wird. Der wahre Name dieser" Kommission lautet in unserer Spino/a-Loge: Ausschuß für die geistigen und sozialen Interessen der Loge. Bei der Namengebung ist seinerzeit gewiß nicht vorausgesehen worden, daß die So/.ialaufgäben einmal einen solchen Umfang anriehmen würden, wie dies leider der Fall ist. Heute bilden die Sozialpflichten einen so wesentlichen Teil unserer Gesamtarbeit, daß der Ausschuß für die geistigen und sozialen Interessen im wesentlichen dem ersten Teil seines Namens gerecht zu werden sucht, während die Sozialpflichten gesondert bearbeitet werden müssen. Der Ausschuß täte abet doch gut daran, sich etwas mehr als bisher auf den zweiten Teil seines Namens zu besinnen. Wenn wir unsere Logenprogramme durchstudieren, so finden wir darin, eine illustre Versammlung jüdischer Namen aus zahlreichen Gebieten des W issens und der Kunst. In den Becher stolzer Genugtuung hierüber fällt jedoch ein Tropfen Wermut. \\ ir finden sehr selten einmal einen unbekannten Namen. Wir kümmern uns wenig um jene Legionen Strebender, die um Anerkennung ringen, und denen wir einen oft dornenvollen Weg erleichtern könnten. Der Geistige Ausschuß sollte es sich zur Pflicht machen, neben die bewährten Namen die noch nicht bewährten in das Programm einzusetzen, selbst auf die Gefahr hin, einmal eine Enttäuschung zu erleben. Die Möglichkeit, vor der Loge zu Worte zu kommen, die Loge im Atelier empfangen zu dürfen, hat eine große seelische und eine nicht zu unterschätzende wirtschaftliche Bedeutung sowohl für den jungen unbekannten, wie auch für den älteren oft zu Unrecht verkannten Künstler. Möge der Geistige Ausschuß sich nicht zu selten einer Aufgabe erinnern, welche ihm in die W iege gelegt worden ist, und deren Erfüllung zu den edelsten Logenpflichten gerechnet werden darf.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.