Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 7 (1927-1928)
- Issue
- 11 (2.1928)
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 212 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 212 Nr. 11 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOG£N U.O.B.B. Der Frauen-Verein der Berliner Logen feiert am 4. März sein 40jähriges Stiftungsfest. Der Verein wurde im Jahre 1888 gegründet unter dem Patronat unseres verklärten Ordensbruder Expräs. Moritz J a b 1 o n s k i; im Bewußtsein, die' Frauen der Berliner Logenbrüder nicht zur Wohltätigkeit, sondern zur sozialen Arbeit heranzuziehen. Es wurde ausdrücklich betont, daß der Verein nicht ein Wohltätigkeitsverein im Sinne der damaligen Zeit sei, sondern den ausgesprochenen Zweck haben solle, der jüdischen armen Bevölkerung wirtschaftliche Möglichkeiten zu verschaffen. In den ersten 10 Jahren seines Bestehens hat der Verein mit der Gesamtheit seiner damals allerdings noch wenigen Mitglieder sich stets in den Dienst der Berliner Logen gestellt und sie bei der Ausübung ihrer Bestrebungen unterstützt. Hilfe wurde zuteil den Ferienkolonien der Berliner Logen, tätige Mithilfe bei den Purimbescherungen sowie in der Toynbee-Hallc. Im Jahre 1899 änderte "M a r e t z k i das £iel des Vereins. Er lenkte die soziale Arbeit der Frauen der Berliner Logen auf ihr ureigenstes Gebiet, auf die Fürsorge für Mutter und Kind. Schon vorher war der Beschluß gefaßt worden, auch Mitglieder in den Verein aufzunehmen, deren Ehemänner 'nicht dem Orden angehörten. Durch diese Tatsache hat der Frauenverein wirkungsvoll im Sinne unseres Ordens gearbeitet, 1907 gründete, der Verein, dessen Vorsitzende Frau Minna Schwarz bereits 1899 geworden war, das erste jüdische Entbindungsheim Berlins. 1911 wurde die geistige Anregung zur Gründung des Mütter- und Kinderheims gegeben und bereits 1912 entstand das Heim. Im Jahre 1914 wurde der Neubau vollendet, der heute noch in vorbildlicher Weise , den Zwecken der Fürsorge/für Mutter und Kind dient. Im Jahre 1926 wurde die staatliche Säuglings-Pflegeschjle eingerichtet, die jüdischen jungen Mädchen Gelegenheit zur Erlernung einer Berufstätigkeit bietet. Uns, den Brüdern der Berliner Logen, liegt der Frauen- Verein und seine Institutionen besonders am Herzen, weil der Frauen-Verein Geist von unserem Geiste ist, weil wir als Brüder -des Ordens Bne Briß stolz sind, daß ein solches Instrument der sozialen Abwehr unseren Logenkreisen seine Entstehung verdankt. Die Mitglieder der Berliner Logen haben das Wachsen des Vereins und seiner idealen Zwecke beobachtet und miterlebt. Das Mütter- und Kinderheim ist eine Institution geworden, die ein Ruhmesblatt in dem Kranze der Institutionen bildet, die den Berliner Logen ihre Entstehung verdanken. Zum Ehrentage des Frauen-Vereins bringen die Berliner Logen U. O. B. B. ihre herzlichen Wünsche dar für das weitere Wachsen. Blühen und Gedeihen des Vereins. Die Berliner Logen U. O. B. B. Aus einer Ansprache an neu eingefiihrte Brüder Von Br. Im Gegensatz zum Verein, der einen Zweckverband darstellt, ist die Loge eine Idee, ein Ideal. Während sich das Leben des Vereins auf dem Boden der Realitäten und in der Ebene der Wirklichkeit abspielt, gleicht die Ebene des Logenlebens einer höheren Kulturschicht. die noch gar nicht vorhanden ist und folglich von dem“ gegenwärtigen Geschlecht noch gar nicht betreten, sondern nur erstrebt werden kann. Der Verein erfüllt Zwecke, die Loge erstrebt Ziele. Daher kann man nirgends eine Loge im idealen Sinn verwirklicht finden. Sie ist metaphysisch. Die Loge ist das Ideal von der Bruderschaft, zunächst der Bruderschaft der Brüder, sodann der Bruderschaft aller Gleichgesinnten, der Bruderschaft aller Juden, der Bruderschaft des Volkes und schließlich der Bruderschaft aller Völker. Ihr Ideal deckt sich in der fernen Perspektive des Zukunftshorizontes mit jenem, einen und cin- -zigen. Erst- und Letztideal des praktischen Judentums, dem messianischen Ideal der Propheten, das im letzten Grunde nichts anderes ist, als das Wiederfinden d«s Paradieses am Ende der Menschheitsgeschichte, das die Menschheit am Anfang der Geschichte verlor. Ideale kann man deduktiv oder induktiv zu verwirklichen ■suchen. Deduktiv, indem man von dem Ideal spricht, über das Ideal schreibt. Indem man die Notwendigkeit dieses Ideals und das Streben darnach in die Herzen der Menschen einzuhämmern bemüht ist, indem man Artikel darübe^ schreibt, Reden darüber hält. Manifeste anschlägt, Meetings veranstaltet. Die , Geschichte des Sozialismus in Westeuropa im 19. Jahrhundert ist das Beispiel einer deduktiven Idealverwirklichung. Anders der induktive Weg. Induktiv ein Ideal verwirklichen, heißt, nicht von ihm sprechen, sondern es leben. Nicht die andern davon überzeugen, sondern sich selbst dazu bekennen. Die Chaluzim und- Chaluzoth, die die Parkettböden ihrer elterlichen Wohnungen in Wien und Zürich verlassen, um 1n den Sümpfen von Erez-Israel zu graben und in selbstgewählter Armut die Entbehrungen ihrer Zeitgenossen teilen, sind induktive Realisatoren ihrer Ideale. Beide Methoden sind notwendig und haben ihren Wert. Sie ergänzen sich wie in der Wissenschaft Theorie und Praxis, wie in der Physik die mathematische Rechnung und das physikalische Experiment. Aber es ist leichter, ein Ideal zu predigen, als es zu leben. Daher ist es erfreulich festzustellen, daß in den letzten Jahren im Orden mehr und mehr das Bestreben zur Geltung kommt, weniger deduktiv sich zu F. K. gebärden als induktiv zu werden. Goethes Weltanschauung, wie 'sie namentlich in seinen großen Prosawerken und den Maximen, vor allem aber in den Gesprächen mit Eckermann zum Ausdruck kommt, wie sie aber auch der Lösung des Faustproblcms zugrunde liegt, gipfelt in dem Gedanken:. jeder soll suchen, in sich selbst vollendet zu sein, soll sich, ohne sich viel um das Ferne und die große Welt zu kümmern, auf seinen Kreis und seine Fähigkeiten beschränken und die Forderungen, die Zeit und Umwelt an ihn stellen, zu erfüllen suchen, so habe er. Goethe, es getrieben, und wenn jeder in dieser Weise sich in Harmonie mit dem Ganzen zu setzen bestrebt sei, bliebe viel Ungemach erspart und würde alles zum Besten in der Welt geraten. Diese Goeihesche Lebensauffassung muß gegenüber den staiken deduktiven Tendenzen im Orden die Lebensmaxime unserer Loge sein. An uns, nicht an anderen arbeiten; selber etwas -sein, nicht andere zu etwas zu machen suchen. Daher ist die Grundforderung, die wir stellen: die persönliche Leistung. Eine einfache praktische Forderung wie der. Präsenszwang, die obligatorische Teilnahme an einem Zirkel, «in Besuch, ein Auftrag zu einem Bericht ist wertvoller und bindender als der hochtrabendste Appell, dem keine Beachtung, als das pathetische Versprephen, dem keine Erfüllung folgt. Die geforderte Leistung braucht durchaus nicht auf intellektuellem Gebiet zu liegen. Im Gegenteil. Wir streben darnach, wenn auch nicht den Intellekt, so doch den Intellektualismus zu bekämpfen. Wir brauchen den Intellekt — um ihn zu überwinden. Er ist das schmerzende Messer, das der Chirurg zur Hand nimmt, um den Schmerz im Körper zu bannen. Der Intellekt ist — leider — die gangbarste Brücke, die heutigen Tages von Mensch zu Mensch führt. Er ist der einzige Schlüssel, der das eisern verriegelte Herz des modernen Menschen aufzuschließen vermag. „Wes Geistes Kind bist Du?“ und nicht ..Wes Herzens?" fragt die Sprache. Aber unser Ziel, das Ziel der Loge muß sein: uns nicht klug, sondern gut zu machen. Der geistige 1 eil des Logenabends darf nur Auftakt' sein, um eine Stimmung zu schaffen, darf nur die Basis, aber nicht den Inhalt des Abends bilden. Das Thema des Abends darf nie bestimmend sein für die Kritik des Abends und nie entscheiden, ob man sich veranlaßt, fühlt, zu kommen oder abzusagen. Denn der Wert eines Logenabends liegt nicht darin, was er gebracht, sondern wie er gewesen. Nicht die Rede, sondern die Atmosphäre muß gut sein. Nicht Redner sollen sprechen, sondern