Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 7 (1927-1928)
- Issue
- 6 (9.1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 94 (sequence 6)
- Language
- German
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MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U.O.B.B. Seite 94 \ Nr. 6 B^ld zeigte es sich, daß ein Entbindungsheim nicht den sozialen Aufgaben des Verbandes genügen konnte. Es zeigte sich, daß die Zeiten sich geändert Ratten, und daß nur Stückwerk geleistet ist. wenn das Wort Mutterschaflsfürsorge auf Entbindung und Wochenbett beschränkt wurde. Die Not des Lebens beginnt erst dort, wo die Pflege des Entbindungsheims ihr Ende findet. Die Erkenntnis, daß die Wöchnerin nach der Entlassung aus dem Entbindungsheim doppelter Fürsorge bedarf, ist von größter Bedeutung. Denn in ihr verkörpert sich die Mittlerin zwischen zwei Generationen, der vergangenen und der werdenden. Bei der Entlassung aus einem Entbindungsheim steht die Mutter, die nicht von einem arbeitsfähigen und auch arbeitenden Manne betieul wird, vor einer bitteren Not. Man kann eine solche Mutter nicht dem Lebenskampf überantworten. Dieser Gedankengang führt zu dem ehernen Gesetz, daß, jo mehr die Quantität eines Nachwuchses in Frage gestellt ist, um so mehr die Qualität der Sicherstellung bedarf. Wie konnte man die Qualität besser sicherstellen, als damit, daß man Mutter und Kind ein Heim gewährte, in dem beide unter denkbar günstigsten hygienischen Verhältnissen die größte Pflege erhalten konnten. Dies war nur möglich durch Gründung eines 'lütter- und K i n-d e r h e i m s. Das Jahr 1911 war ein Wendepunkt in der Geschichte des \ erjeins. Das Mütterheim war die erste jüdische Anstalt dieser Art. sie wurde auch bald die besteingerichtete Anstalt Berlins. Dank der rührigen Arbeit der Führerinnen erstanden bereits ,:n Jahre 1912 die ersten Anfänge des Heims und bereits kurz nach Kriegsbeginn das . schöne Haus, das heute noch unser Stolz ist. * Die Arbeit ging nicht ohne Widerstände vor sich. Warnende Stimmen erhoben sich: Unterstützung der Unsittlichkeit durch Förderung unehelicher Mütter und Kinder wurden laut, aber sieghaft setzte sich der Gedanke der Wahrheit durch, daß eine soziale Not nicht dadurch aus der Welt geschafft wird, indem man sie verschleiert. Auch die soziale Arbeit des Frauenvereins ist wie jede ■■oziale^Arbeit durch Irrtümer und Fehler gegangen Man glaubte zunächst, für Mütter und Kinder Einzelzimmer einrichten zu nrüsserrr um möglichst das Gefühl der Mutterschaft zu erhalten und nach einem Worte von Rousseau nicht die Bande dos körperlichen Zusammenhangs zwischen Mutter und Kin^ zu zerreißen, ehe ein geistiges Band geknüpft sei. Dieser schöne Traum der Einzelzimmer mußte an der harten Tatsache hygienischer Forderungen zerschellen. Man mußte Mutter und Kind räumlich, bis auf wenige Ausnahmen, getrennt un'erbringen. Im großen und ganzen ging die Arbeit in aufsteigender Linie. Ich will hier nicht erwähnen. wie das Mütterheim die Kriegsjahre überdauerte, wie die Inflationsjahre überwunden wurden. Eine große Gefahr überstand das Heim, als es einet übertriebenen Zentralisierungssucht zum Opfer fallen sollte. Kluge Frauen und Männer erkannten, daß ein Werk wie das soziale Hilfswerk des Frauenvereins, das von tausenden Händen getragen wird, nicht einer Zentralgewalt uhterliegen dürfte. Ehe wir auf unsere neueste Einrichtung, die Schule zur Ausbildung staatlich anerkannter Säuglingspflegerinnen, eingehen, möchten wir einige kurze, trockene Zahlen geben, aus denen die Größe des sozialen Hilfswerks des Frauenvereins der Berliner Logen zu erkennen ist. Wenn wir in der nachfolgenden Tabelle die Zahl der Hauspflegen mit der Zahl der Entbindungen vergleichen. so sehen wir eine ständige Abnahme der Hauspflegen und eine steigende.Zunahme der Heimentbindungen ein Beweis, daß das Haus der Armen der ungünstigste Aufenthalt für eine Entbindung sei. Ferner sehen wir an der Zahl der Entbindungen des Jahres 1915 eine fast 50prozentige Erhöhung, da der Krieg die Notwendigkeit bedingte, daß die eheverlassenen Frauen ein Entbindungsheim aufsuchten. Die Höchstzahlen des Jahres 1921 und 1922 beweisen die Berliner Wohnungsnot. Durch den Frauenvercin der Berliner Logen wurde in den Jahren 1910 bis 1926 die Fürsorge für die Entbindung übernommen: 1910 1911 1912 1913 1914 1915 1916 23 34 36 61 79 111 86 1917 1918 1919 1920 1921 1922 1923 1924 1925 1926 63 52 69 78 190 170 75 8$ 81 ~ 77 Hauspflege n wurden a usgeführt: 1919 1920 1921 1922 1923 1924 1925 1926 149 132 123 84 84 19 15 10 t. Aufnahme fände n im Mütteri u n d K i n d e r h e i m : 1919 1920 1921 1922 1923 1924 1925 1926 Schwangere 25 27 17 40 43 22 27 28 Mütter 81 91 ' 63 189 71 60' 48 75 Säuglinge 66 107 89 88 64 70 83 195 J75% der Aufnahmen sind städtische Aufnahmen, 25'r sind Frciaufnahmen.; Für Mutter und Kind zahlt die Stadt Berlin täglich 4,25 M., ‘ für Mutter allein..2,50 M., für Kind ohne Mutter . . ..2,65 M. Im Jahre 1926 27 wurden 25 300 Verpflegungstage im Mütter- und Kinderheim gegeben, etwa 5000 mehr als im Vorjahre. Täglich werden 1000 Stück Kinderwäsche verbraucht. .Die Kosten für Milchpräparate betragen monatlich 800 M. Die Kosten für Kohlen betragen monatlich 500 M. 83'' der Aufnahme sind Angehörige der Berliner Jüdischen Gemeinde, darunter auch Ausländer. 17% sind nicht in Berlin ansässig. Seit Bestehen des Mütterheims wurden 23 Adoptionen vermittelt. Nach diesen aufklärenden Zahlen ist noch über die neu eingerichtete Schule staatlich geprüfter Säulingspflegerinnen pu berichten; bisher war eine Ausbildungsstätte für jüdische Säuglingspflegerinnen in ganz Deutschland nicht vorhanden, die die betreffenden Schülerinnen zur Ablegung der staatlichen Prüfung zuführt. Die Folge hiervon ist, daß nur wenig Jüdinnen sich für diesen Beruf gefunden haben, denn wir alle kennen die Schwierigkeit, die eine jüdische Schülerin in einem nichtjüdischen Heim, die zum großen Teil noch religiös eingestellt sind, haben muß. Es war daher eine klar liegende Notwendigkeit, unsere Anstalt in dieser Hinsicht auszubauen. Bei der geringen Zahl jüdischer Säuglingspflegerinnen mit staatlicher Prüfung haben unsere Schülerinnen auch die besten Aussichten, nach Ablegung eines Staatsexamens ein Unterkommen zu finden. Wir mußten, um das Recht der staatlichen Anerkennung zu erhalten unser Heim erweitern und haben dies getan, indem wir die Zahl der Säug lingsbetten von 50 auf 75 erhöht haben. Der Lehrgang ist ein zweijähriger. Ein Vierteljahr werden die Schülerinnen dem Krankenhaus am Friedrichshain überwiesen, um dort Ausbildung in der Pflege von Infektionskrankheiten zu erhalten. Die übrige Zeit ^verbringen sie im- Mütter- und Kinderheim und erhalten neben der praktischen Ausbildung 200 theoretische Unterrichtsstunden, in denen alle Gebiete der Säuglingspflege. der Hygiene, der Wochenbettspflege behandelt werden, ebenso eine gründliche anatomische Ausbildung. Man kann nach diesen Darlegungen mit dem Ausdruck der Ueberzeugung schließen, daß der Frauenverein der Berliner Logen eine Arbeit geleistet hat und weiter leistet, die von dem Logengedanken, der allgemeinen Menschheitsliebe, getragen ist Diese Aufgabe zu vertiefen und zu erweitern, wird das Ziel einer kommenden Zukunft sein. Taschenkalender 1927 2ö mit Lom-nv.TZeiclmis dos VIIL Distrikts snelien ersi liii-ni-nf Preis 50 Pfennig. Zu Italien liei. der (iroßloge für Deutschland. W fÜ. Kleist Str, 12. Die Logenbibliothek ist an allen Sitzungstagen von Abends 7 Uhr bis Sitzungsbeginn geöffnet. Det Bibliothek-Ausschuß der Berliner Logen U. O. B. B. Hugo Ostberg. I