Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 7 (1927-1928)
- Issue
- 6 (9.1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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derBEBUNE OGENUORB BERLIN W 62. KLEISTSTR. 10. LQGENHAUS --—t-- 7. JAHRGANG f, SEPTEMBER. 1927 NUMMER 6 Der Führer der Loge Ansprache bei Antritt des Präsidentenamts für den Termin 1926/27 von Br. Rabbiner Dr. Arthur *L ö vf e.n stamm (B. A. L.)! Führertum ist das tiefste Problem der Weltgeschichte. Vom Führer hängt das Wohl und Wehe der Massen ab, die immer zu Gemeinschaften vereinigt sind. Die Menge ist erst eine Einheit durch den Einen. Darin liegt zugleich die große Tragik der Menschheitsgeschichte beschlossen. Der Führer ist immer notwendig. Aber jeder Mensch ist eine Individualität, will wenigstens eine sein, glaubt den Führer entbehren zu können, weil er sich selbst leiten will. Und weil die Gesellschaft aus Individuen besteht, will sic ihr eigener Führer sein; sie findet sich mit dem Einen ab, weil sonst das Chaos die Folge ist. In den Angen der Gemeinschaft ist oft der Führer ein notwendiges Uebel. In Wirklichkeit ist er eine sittliche Notwendigkeit. Es ist immer der gleiche Unterschied: hier Ludwig XIV. mit seinem Grundsatz: „Der Staat bin ich", dort Friedrich der Große mit seinem Wort: „Ich bin der erste Diener des Staates". Wohl soll der Führer die Lebenstendenzen der Gesamtheit zur Verwirklichung bringen und dje Strömungen und Strahlen innerhalb der Gemeinschaft yie in einem Brennpunkt vereinigen. Dies ist in rechter Art nur1 möglich, w’enn er sich verantwortlich fühlt. Heißt schon für jeden einzelnen leben nicht „kämpfen", sondern „verantwortlich sein", so gilt für den Führer diese Forderung im höchsten Ausmaß. Er trägt die Verantwortung vor Gott für sich selbst und für die andern und vor den andern. Ein unverantwortlicher Führer mag staatsrechtlich notwendig sein, im sittlichen Sinne ist er ein'Unding. An ihnen sind die Völker und Gemeinschaften zugrunde gegangen. Bei dieser Sachlage gehört es zu den schwierigsten Aufgaben der großen und kleinen Menschheitsgruppen, Führer zu finden. Es gibt Gesamtheiten, die darin eine ungewöhnliche Treffsicherheit und zielbewußten Instinkt entwickeln, und ihr Bestand ist auf lange Sicht ungefährdet. Es sind immer diejenigen, die den ethischen Qualitäten des Führers den Primat zuerkennen. Zwar muß er mehr oder weniger ungewöhnliche geistige Vorzüge besitzen. Ein klarer Verstand, der jeder gegenwärtigen Lage mit kluger Einsicht gerecht wird und die Folgen seiner Maßnahmen weithin übersieht, ist eine gewiß günstige Vorbedingung für das Führeramt. Und die Festigkeit des Willens, die fern ist vom niedrigen Eigensinn — nach einem Worte Hebbels ist Eigensinn oft das Surrogat für Charakter — ist ein unentbehrlicher Wert für den, der eine Gruppe zu leiten berufen ist. Aber die tiefste Forderung ist die Gesinnung. Die Führerfrage ist ejne Gesinnungsfrage. Nur ein warmes Herz und ein innerliches Gemüt können edle Ziele setzen und verwirklichen. Ja, es gibt dann überhaupt nur ein Ziel, das im Mittelpunkt steht, wie das Herz das Zentrum der Lebenstätigkeit ist: das Glück der Gemeinschaft. Mittel finden die Klugen, Zwecke die Weisen. Der Führer des Verstandes oder der der Tat gelangen oft zur routinierten Beherrschung der Massen. Die Art solcher Führer ist vielleicht erlernbar. Sie können gelehrige Jünger haben. Einen Routinier des Herzens und der Gesinnung gibt es nicht. Auch sie kann man erwerben, aber nur durch sich Selbst.'Alles kann man von andern lernen, Gesinnung erreicht man durch Seib^terzichung. . Geht cs bei der Führerfrage nicht um jeden Von uns? Müssen wir nicht zeigen, daß wir an der Spitze stehen können, oft im Kreise der Freunde, oder im Beruf, immer in der Familie? Heißt cs hier nicht: Erster unter Gleichen sein? Nicht: dienen und führen? Aber wenn irgendwo, solljder Präsident der Loge ein dienender Führer sein. Bei ihm gilt nur die Gesinnung, der Charakter, die Persönlichkeit. In einer sittlichen Gemeinschaft, wie die unsrige cs ist, bedenkt nichts der Kluge, alles der gütige Mensch. Steht schon unter diesem Zeichen jeder der Brüder, erhält nur von hier aus jeder seinen Wert und seinen Platz, so ist cs beim Präsidenten eine Lebensfrage der Loge. Er sei ein Mann, der seilte besten Kräfte cinsctzt für die höchsten sittlichen Ziele und sich untcrordnet den Forderungen, die die Gemeinschaft zu stellen berechtigt und verpflichtet ijt. Er muß die aktiven und die ruhenden Kräfte voll ausschöpfen und in Bewegung setzen. Er muß den Geist der fjehwere bannen. Er soll jn Freiheit sich bewegen und seinem Gewissen sich verantwortlich fühlen, immer er selbst sein, aber alles mit den Brüdern erreicheh. Ist cs, so gesehen, nicht, sittlich notwendig, daß jeder Sich unferordne? Wenn die Tendenzen des modernen Kulturlebens auf die Verleugnung jeder Autorität gerichtet sind, so ist der Autoritälsgedanke in unserem Bruderbünde der unendliche Wert, mit dem ,■wir stehen und fallen. Damit ist die Kritik nicht ausgeschlossen, sondern als das unersetzbare Korrektiv jedes Gemeinschaftslebens erst recht anerkannt. Kritik ist willkommen, aber auf die Art ihrer Aeußerung kommt bei uns alles an. Positive, aüfbauendc Kritik soll es sein, nicht in der Sitzung im Interesse der Würde der Loge, sondern in persönlicher, brüderlicher Aussprache, oder schriftlicher Mitteilung, die die Wünsche 'enthält, die das Wohl und Wehe der Brüder berühren.. Weg^mit der negativen Kritik; die' hohl ist und zefstört, weil sie nur auf dem Verstand aufgebaut ist und verurteilen will. Kritik muß aus dem Kopf hervorgehen und dann einen Läuterungsprqzeß durch das Herz erfahren. Die Schärfe des Verstandes überredet vielleicht zuweilen, aber die Wärrüe> des Gefühls, einfühlcrides Verstehen überzeugt immer. ' .„ Wann'wäre das Führerproblen\ dringender als heute? Nicht bloß im Leben der Stkatsgesellschaft ist man jetzt auf der Suche nach leitenden Persc nlichkeiten,- die de1m kranken Volkskörper Heilung oder wenigs ens Linderung bringen sollen. Auch unser Logen k ö r p e r ist krank, weil wir ja mit der großen-Nationalgcmeinschaft auf Ge leih und Verderb unauflöslich verbunden sind. Aber der Logen ged a n k e ist gesund, der Geist noch unberührt. Allein auf die Dauer kann er sich nicht heil erhalten, wenn der Körper die Krisis nicht überwindet. Auch im Logenleben wird vielleicht ein operativer Eingriff notwendig, der zwar schmerzhaft, aber im Interesse der Heilung unentbehrlich ist. Das Zeichen der Gesundheit ist die Aktivität, die fern ist von jeder /