Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 7 (1927-1928)
- Issue
- 4 (7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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derBEßLINERALO« EN U.O.RB. BERLIN W 62. KLEISTSTR. 10. LOGENHAUS 7. JAHRGANG * JULI 1927 NUMMER 4 Alfred jM. Cohen und seine Gedanken über die jüdische Zukunft In einem Interview, das Louis Popkin in der Neujahrsriummer des „Wisconsin Jewish Chronicle" veröffentlicht, wird Bundespräsident Alfred M. C o h.e n als Amerikas jüdischer Optimist gekennzeichnet, der seit 30 Jahren für Fortschritt und Erstarkung des amerikanischen Judentums kämpft. Alfred M. Cohen ist in Cincinnati (Ohio) im Jahre 1859 als Sohn orthodoxer Eltern geboren worden. Er ist ein hervorragender Rechtsanwalt und Bankier, Leiter zahlreicher bedeutender jüdischer Institutionen und ein Führer der jüdischreligiösen Bewegung. So ist er Präsident des Direktoriums des hebräischen Schulwesens in Amerika. Er hat stets an der Verwaltung des Staates und der Stadt politisch teilgenommen. Er war Senator des Staates Ohio und hat auch in einer ganzen Reihe wichtiger Fragen des amerikanischen Lebens entscheidenden Einfluß geübt. Alfred M. Cohen ist über 35 Jahre Mitglied des Ordens. Vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten war er Großpräsident des zweiten Distriktes. Er ist ein kühner und überzeugender Redner, einer der unermüdlichen Arbeiter für den B'ne Brith- Gcdankcn. „Von Anbeginn — heißt es in der Einleitung zum Interview, dessen Uebersetzung wir Br. Dr. Wohrizek („Bohemia") verdanken — hat er eine der größten Schöpfungen der amerikanischen Juden miterlebt: die amerikanische Judenreform. Fünfundzwanzig Jahre stand er im Direktionsausschuß des Hebrew Union College, des vom unvergeßlichen Isaac M. W i s e gegründeten Instituts zur Heranbildung junger Männer für das Rabbinat, viele Jahre fungierte er hier als Vorsitzender. Man qualifiziert ihn als Konservativen unter den Reformern. Er versäumt nie einen Sabbath-Gottesdienst im Tempel B'nai Israel, dessen geistiges Oberhaupt Rev. Dr. David Philippson ist. Er selbst hat sich von der Präsidentschaft dieser Tempelgemeinde vor einigen Jahren zurückgezogen, nachdem er ihr 30 Jahre in verschiedenen Eigenschaften seine Dienste gewidmet hatte. Er ist ein eigenartiger Typus eines Juden. Hochgeschätzt von der Talmud Thora in Cincinnati, welche ihn ins Kuratorium cinsetztc, übernahm er bei der letzten Graduation ihrer Baccalaurealen die Leitung und festliche Ansprache, natürlich in einer orthodoxen Synagoge. Ist es nicht eigenartig, daß derselbe Mann, der Präsident des Reform Hebrew College ist, zugleich mit anderen eine orthodoxe Talmud Thora leitet? Er genießt eben bei beiden das gleiche Ansehen. Mr. Cohen war in seinem Bureau des J.O. B. B. in Cincinnati, als ihn der Verfasser dieser Zeilen besuchte. Vorherige Verabredung des Besuches war nicht nötig, weil er täglich viele Stunden den Aufgaben der Bundesleitung widmeti Bei der Dis- Mil freundlicher Genehmigung.'unserem bruderbl'al-le „fVnuibrithMonulstitulier derG'rofelogr lur denCechoslo- , \ukisehe-n Sld.il X. I O. ß. IV“ entnommen kussion von ‘Tagesfragen steht die .Immigrationsfrage obenan. Mr.-C o h e n hat in dieser ^Angelegenheit eine decidierte Meinung und ist' ein erklärter Gegner der gegenwärtigen Restriktionsmaßnahmen der Gesetzgebung. Er betrachtet sie als ünamerikanisch und ungerecht. Da sie jedoch Gesetz sind, müssen wir sic hinnchmen für so' lange, bis sie, was er sehnlichst wünscht, gemildert oder widerrufen werden. Bis dahin sollen die Juden sich der Lösung von Fragen in diesem Lande widmen, Ordnung schaffen im eigenen Hause, dieweil die Kräfte nicht dem ununterbrochenen Zufluß der Einwanderer. - gewidmet werden müssen, die sonst von der Fürsorge für diese absorbiert werden. Mehr als ein Viertcljahrhundert, so’ führt er aus, hatte der amerikanische Jude sich mit Plänen zu beschäftigen zur Amerikanisicrung der eingewanderten Glaubensgenossen. Ein gigantisches Werk, wenn man das Mißverhältnis zwischen der Zahl der Ansässigen und . derer, die kamen, betrachtet. Er erinnert daran, daß anfangs der 80er Jahre' in der ' ganzen Union 200 000 Juden waren, und daß in den folgenden. 40 Jahren die«e Zahl derart anschwotl, daß sie Millionen erreichte. Das Seßhaftmachen, die Ausstattung, die Anpassung von über 3 Millionen Juden war ein Werk, das die Energie.^ die Zeitaufwendung und die Mittel der schon ansässigen Juden im höchsten Maße beanspruchte. Dieses Werk ist nun im Gange, wir sollen und - müssen uns aber auch zum Ziele setzen, die Juden in Amerika zu judaisicren, dies mittieferem Verständnis und aller Intensität In der letzten Dekade machten sich Zeichen des erwachenden. Interesses.an der jüdischen Jugend b e m e r k b a r. Im Zusammenhang mit der Errichtung einer ungeahnten Menge von Gotteshäusern waren Zentren geschaffen, welche das' Interesse I am Jüdischen bei Jünglingen und Mädchen erneuern und bewahren sollen. Betrachten Sie mit mir die herrlichen Y. M. H. A.- und die Y. W. H. A. - Häuser, welche unter dem Protektorat der jüdischen Wohlfahrtsgesellschaft in zahlreichen größeren Städten crricjitct wurden. Sie sind es,-die denjüdijehen Nachwuchs dem Judentum erhalten werden. ‘ - -r Bewerten Sie mit mir, fährt' Mr. C. fort, das Interesse an der religiös e'n Erziehung - der J-ug'e n d. Betrachten Sie den gewaltigen Ansporn zur religiösen Erziehung bei den sozialistischen Arbeiterführern, welche cingcsehen und anstandslos bekannt haben, daß ihr ganzes Werk ohne religiöse Jugenderziehung unvollständig sein muß. Diese Einsicht kommt spät und ist nur auf dem Wege bitterer Erfahrung zur anerkannten, gefestigten Wahrheit geworden. Nie mehr dürfen Hunderte und Tausende unserer Kinder aufwachsen qhne religiöse Grundlagen aus Mangel an Kultuseinrichtungen.