Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 7 (1927-1928)
- Issue
- 3 (6.1927)
- Date
- 1927-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4885084-6352609-6352867--0280-4885347- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
derBEBLINERALOG E N UO.RB BERLIN W 62. KLEISTSTR. 10. LOGENHAUS . 4 . 7. JAHRGANG JUNI 1927 NUMMER 3 Loge und Gemeinde Von Br. M a x i m i 1 i a n Stein. (M. L.) Als der Orden Bne Briß vor etwa 50 Jahren aus Amerika nach Deutschland verpflanzt wurde, trugen die Gemeindeverwaltungen zunächst Bedenken, der Einführung der jüdischen Logen entgegenzukommen. Man befürchtete Spaltungen, Unfrieden, Sondergruppierungen, ideale Konkurrenz. Bald überzeugten sich die Gemeinden davon, daß die Loge die natürlichste Verbündete, die berufenste Hilfsorganisation, die wertvollste Ergänzung der Gemeinde bildet. Di? Logen entlasten die Gemeinde allein schon durch die zahlreichen von den Logen ins Leben gerufenen unterhaltenen und geförderten Wohlfahrts- * institutionen. Aber nicht die stattliche Summe der eigenen Wohlfahrtsleistungen der Logen ist das maßgebende, sondern die Ausbildung der Logenmitglieder für alles Gute, die Anerziehung des Verständnisses für soziale Aufgaben, die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls. Das Wichtigste ist, daß die Logen den Wohlfahrtseinrichtungen gut vorgebildete Offiziere und Menschen, Führer und Arbeitskräfte stellen, und daß sich die Logen als organisatorische Stützpunkte darbictcn. Keine Institution ist wie die Loge geeignet, die auseinanderstrebenden Kräfte in der Gemeinde zusammenzufassen. Das Zusammenarbeiten der Logen mit allen großen jüdischen Verbänden und insbesondere mit den Gemeinden wird von der Großloge, als der Ordensleitung in Deutschland, wärmstens begrüßt. Die Leistungsfähigkeit der Logen für gemeinsame philantropische Unternehmungen wird seitens der Großloge hoch bewertet. Man erkennt an, daß die Loge die verläßlichste Organisation bildet, . die nicht nur über beitragszahlende Mitglieder, sondern über Menschen verfügt, über lebendige Kräfte, .durch die allein die wichtigsten Unternehmungen von der Theorie in die Praxis übergeführt werden können. Die Gemeinde wird immer die organisatorische Zusammenfassung aller Fürsorgeaufgaben sein und bleiben müssen. Das großzügige bedeutsame Werk der Zentralwohlfahrtsstelle geht auf Initiativen der Logen zurück. Als der unselige Krieg ausbrach, verstanden es die LogeA, den notleidenden Gemeinden ein gut Teil der sie schwer belastenden, von ihnen gar nicht zu bewältigenden vaterländischen Kriegsfürsorge abzunehmen. Zahlreiche eigene Hilfsorganisationen der Logen, wie deren Anteilnahme an allen jüdischen und interkonfessionellen Hilfsaktionen zeigten, wie sehr die Logen mit der Gemeinde wetteiferten und zusammenwirkten auf allen Gebieten sozialer Kriegsfürsorge. Auch in der Aufgabe der Erhaltung dei Judentums fließen die Tendenzen der Loge und der Gemeinde zusammen. Mit, schmerzlichem Bedauern registrieren wir die im „Gemeindeblatt" veröffentlichten Austritte aus der Gemeinde und dem Judentum; ihnen entgegenzuwirken betrachten auch die Logen als eine ihrer vornehmsten Pflichten. Im Kampfe gegen charakterlose Fahnenflucht, gegen feige Untreue am Judentum identifiziert sich die Loge mit der Gemeinde. Fortbestand, Stärkung der Gemeinde liegt jeder. Loge am Herzen. Die Loge stellt sich schützend vor die Gemeinde, wo es gilt, sie vor Zerfall zu bewahren. ‘ [ Einen sichtbaren Ausdruck für den Zusammenhang zwischen Loge und-Gemeinde bildet das, enge. Zusammenarbeiten - des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" und der Großloge zum Zweckender Begründung und Erhaltung einer ganzen Reihe gemeinsamer jüdischer' Institutionen. Ganze Gruppen, z. B. der Logenverband in Hessen; haben es sich zur besonderen Aufgabe gemacht, in einer Reihe kleinerer Ortschaften direkte (Jemcindearbeit zu leisten, Wanderredner und Prediger zu entsenden, jüdische Lehrer einzusetzen und zu subventionieren, gottesdienstliche Veranstaltungen und Unterrichtskurse einzurrchten, jüdische Bücher und Literatur zu verbreiten und vieles mehr. Unter Aufwand großer Mittel und großer Mül^e widmen die Logen diese ihre Kulturarbeit den hinsterbenden Zwerggemeinden auf dem flachen Lande, ,. w,-ö * Schulen und Gotteshäuser verödet sind .und die Reste jüdischen Lebens zu verfallen drohen. Was die Gemeinde .für gottesdienstliche Ausgestaltung, für 'Schulen, Unterricht, Kultus, für Wohlfahrtszwecke, für soziale- und Krankenfürsorge zu leisten hat, bedeutet eine ungeheure Kraftentfaltung. Und doch bleibt unendlich vieles für die Loge zu tun übrig. Eine schöne Legende aus den altjüdisbhen Schriften sagt: Die Kulturvölker erschienen vor dem Richterstuhle Gottes und verlangten .den Lohn ihrer vielgerühmtefl Leistungen. „Was habt Ihr getan?“ so wurden sie gefragt. ' „Wir haben“, erwiderten sie „nützliche Dinge geschaffen, haben Straßen gebahnt, Brüchen gebaut, Marktplätze .angelegt, haben Erholungs¬ und Vergnügungsstätten errichtet"' „Dies alles“, so lautete die Antwort des Herrn, „diente nur Euren-materiellen Nützlichkeitsinteressen. Wo blieb das hohe Streben, die ideale Betätigung, durch die'allein der Mensch Gott ähnlich, zu einem höheren sittlichen Wesen wird?“ - Dies aber ist das Charakteristische'der Loge, daß den Höhepunkt ihrer Arbeit nicht die Leistung nach außen bildet, sondern die ethische Erziehung zu geistigen Gütern und idealen Werten. Neben den allgemeinen jüdischen hat die Loge ihre eigenen speziellen Aufgaben zu pflegen. Das ändert nichts daran, daß die Loge an allem, Was die jüdische Gemeinschaft betrifft, Anteil nimmt. Die Loge sät die Gesinnung, die . Gemeinde erntet die T?t. Jüdische Gemeinschaftsarbeit ist ohne'die Loge kaum noch denkbar. Die Logen haben dazu beigetragen, das erstarrende jüdische Gemeindeleben wieder in Fluß zu bringen, ihm neue regsame Kräfte zuzuleiten. Es gibt keine deutsche Loge, die neben der Pflege von Wohltätigkeit im allgemeinen, nicht irgend