Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 6 (1926-1927)
- Issue
- 10 (1.1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 MONATSSCHRIFT DER BERLINER .LOGEN U.Ö.B.B. Seite 197 -e— Spinale Kinderlähmung und ihre Folgen Von Dr. Muskat, Berlin, Facharzt für Orthopädie. Diese Krankheit, die heute so viel besprochen wird, ist den Aerzten schon lange bekannt. 1774 soll schon Underwood in Amerika eine genaue Beschreibung gegeben haben. 1840 gab Heine und später Medin eine so vorzügliche Darstellung, daß die Erkrankung nach diesen beiden Forschern benannt wurde. Eine große echte Epidemie gab Wickmann in Schweden 1890 Gelegenheit, an mehr als tausend Fällen Untersuchungen anzustellen, die noch heute maßgeblich sind. Die Lähmungserscheinungen des Bewegungsapparates als Folge der Entzündung des Rückenmarks haben seit vielen Jahrzehnten die Orthopäden beschäftigt und im Zusammenarbeiten mit anderen Aerzten, besonders mit den Kinderärzten, welche die ersten Stadien der Krankheit sahen, ein genaues Studium ermög^cht. Es sind in allen Jahren eine Anzahl derartiger Erkrankungen beobachtet worden, und die jetzt gehäuften Zahlen sind sicherlich zum Teil auf die erst vor wenigen Jahren eingeführte Zwangsmeldepflicht zurückzuführen. Durch Umfrage bei beamteten Aerzten ist einwandfrei festgestellt, daß in manchen Bezirken Berlins augenblicklich nicht wesentlich mehr Fälle von spinaler Kinderlähmung beobachtet sind, als auch sonst. Die Jahreszeiten von August bis Oktober zeigen immer höhere Krankheitszahlen, vielleicht durch Einschleppung aus Badeorten usw. Diese Feststellungen ergaben ferner, daß der augenblickliche Verlauf der Erkrankung im allgemeinen nicht schwerer ist als es sonst der Fall war. Der Berliner Hygieniker Prof. Seligmann hat sich in ähnlicher Weise geäußert. So traurig auch manche der jetzt beobachteten' Fälle sind, so ist doch in Uebereinstimmung aller Fachmänner als beruhigendes Moment fcstzustellen, daß es sich zurzeit nicht um eine Epidemie handelt. Vereinzelte Fälle von spinaler Kinderlähmung werden immer beobachtet, ebenso wie auch andere Infektionskrankheiten immer wieder auftreten, ohne daß von einer Epidemie die Rede sein kann. Es ist also z. Z. keinerlei Ursache zur Beunruhigung gegeben, besonders, da alle Maßnahmen zur Bekämpfung und Verhütung getroffen sind. Diese Maßnahmen sind die gleichen wie bei anderen Infektionskrankheiten; es ist zweifellos, daß die spinale Kinderlähmung auf einer Infektionberuht, wenn auch der Erleger noch nicht sicher festgelegl ist. Flexner und ändere bedeutende Forscher, glaubten ihn schon gefunden zu haben, Rosenau (Boston) ist der Meinung, daß eine Stallfliege die Ueberträgerin sei, doch sind'auch diese Arbeiten nicht einwandfrei. Die Uebcrtragüng erfolgt wahrscheinlich dürch die oberen Luftwege lind den Darm. Sie kann direkt öder indirekt vonstatten gehen durch gesunde Zwischenträger, innerhalb der Schule, oft längs der Eisenbahn und der. Landstraßen. Das am häufigsten befallene Lebensalter ist von 0—8 Jahren, doch werden auch Erwachsene öfter ergriffen. So berichtet Wickmann über einen Mann von 46 Jahren, der eine Armlähmung davontrug, während seihe neun Kinder gesund blieben. Der Verlauf, wie ihn. die Kinderärzte schildern, ist etwa folgender; Inkubationszeit etwa' 1—4. Tage. Dann hohes Fieber, Benommenheit, Darmstörungen und als charakteristisches Symptom ^die Lähmung der Gliedmaßen und der Rumpf- und Bauchmuskulaiur, die später, bei Abfall des Fiebers, zum Teil zu schwinden pflegt. Oft äußert sich aber die Krankheit in so geringfügigen Erscheinungen,' daß -die Lähmung dfrr Gliedmaßen wie ein Blitz aus heiterem Himmel zu kommen, scheint. Die Kinder legen, sich abends gesund schlafen oder nur mit geringen Krankheitserscheinungen, meistens von teilen des Darms, schlafen und wachen den nächsten Tag gelähmt auf. Oft werden die entstandenen Bewegungsstörungen, besonders bei kleineren Kindern, für Ungezogenheiten gehalten,-und äs wird versucht, mit Gewaltmitteln das Kind zu Bewegungen zu zwingen, bis das ärztliche Urteil die Lähmung feststellt. 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