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Monatsschrift der Berliner Logen UOBB · 1927-01-01 · 10 (1.1927) · p. Seite 188

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Journal
Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
Volume
6 (1926-1927)
Issue
10 (1.1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 188 (sequence 4)
Language
German
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Seite 188 MONATSSCHRIFT D E.R BERLINER LOGEN U.O.B.B. Nr. 10 i Vorträge Eine Betrachtung von Br. Schon im Dezember 1925 habe ich in unserer Monatsschrift darauf hrngewiesen, daß es für uns Briidcr nicht leicht ist, innerhalb der Logensitzung eine Betrachtung anzustellen, die zwar nicht anspruchsvoll als Referat gelten kann, aber dennoch von- Bedeutung für das Wohl und Gedeihen unserer Loge sein mag. und zwar deshalb, weil § 10 an einer wenig glücklichen Stelle, als letzter Punkt der Tagesordnung figuriert, wo die Brüder nach 1 '.-ständiger Sitzung ihren Schluß herbeisehnen und man sich davor scheut, vonneuem eine Diskussion hcraufzubeschwören,. Deshalb sei cs mir gestattet, auf diesem Wege eine Betrachtung über das Gebiet der Vorträge anzustellen, zumal diese hierdurch auch dem weiteren Kreise der Brüde^" unserer anderen Logen zugänglich ist, in denen die Vcrnffltnissc im grollen und ganzen wohl ebenso liegen dürften. Viele Brüder sind mit mir der Ansicht, daß uns in den letzten Jahren ein U ebermaß von Vorträgen geboten wird, das, wie jedes Extrem, geeignet ist, Nachteile für unsere Loge hervorzurufen, insbesondere deshalb, weil häufig von unseren würdigen Präsidenten versucht worden ist, auf die Brüder, welche an den Sitzungen tcilnehmen, einen moralischen Zwang auszüüben. sich dem darauffolgenden Vorträge nicht zu entziehen. Betrachten wir diesen Gegenstand zunächst einmal von der prinzipiellen Seite! Wenn man die unreife Jugend dem Schulzwange unterwirft, so ist dieses verständlich, denn Kinder sind sich der Verantwortung ihres Tuns und Lassens nicht bgwußt. aber wir sehen, daß man es später, den Studierenden auf unseren Hochschulen vollständig überläßt, d i c Vorlesungen zu besuchenvon denen sie sich Belehrung und Fortschritt versprechen und jene zu meiden, für die sie weniger Interesse haben. Umsomehr aber sollte man es vermeiden, auf uns Brüder, die wir rrrr'Altcr v’on durchschnittlich 40 bis 70 Jahren stehen und gereifte Männer — sind, einen Zwang auszuüben. Man braucht nicht bildungsfeindlich, sondern kann, wie ich .jcs bin. ein begeisterter V erehrer jeglicher und speziell der jiidi- . selten..Wissenschaft sein, und doch das Gefühl haben, daß wir in Bezug auf Vorträge des Guten zuviel tun. Ich habe in unserer Log£_*ehon viele ausgezeichnete Vorträge gehört und so manchen, z.' B. den unseres Expräsidenten Professor Loewe ..Ueber die Entstehung der jüdischen Namen” 'würde ich gern zum zw'eiten Male hören oder lesen, aber ich bekenne ganz offen, daß ich keine Veranlassung fand, dem Vortrag über die Bedeutung des jüdischen Osterfestes beizuwohnen, aus dem einfachen Grunde, weil mir diese seit 50 Jahren auf das Genaueste bekannt ist, da sic an den beiden Sedcrabcnden jahraus, jahrein, ebenso in den Jv»ttagspredigten immer von neuem und nach allen Richtungenhin ventiliert wird, und m. E. sollte man der. Synagoge und 'itnsxrjcn Rabbinern in unserer Loge keine Konkurrenz ipachen. 1 Ich erinnere an die Erklärungen unseres Br- Expräs. Maxi- * milian Stein bei Gelegenheit der Einführung neuer Brüder. Da wurde es uns als ein ganz besonderer Vorzug der Loge, gegenüber ähnlichen Vereinigungen angepriesen, daß sie gleichsam [ Manna sei. Und wie unsere Vorfahren sich io der Wüste das ' vom Himmel regnende Manna nach ihrem Gutdünken schmecken lassen mochten, so solle sich in unserer Loge ein jeder aussuchen, was ihm gefällt. Der eine suche soziale Betätigungen, der andere geistige Anregung, der dritte Geselligkeit usw usw. Und wenn nun solche programmatischen Erklärungen nicht bloß leere Worte sein sollen, so dürfen'sie doch die Richtschnur für unser Handeln sein und es sollten uns dann Vorwürfe hinterher erspart sein, wenn wir uns danach richten. Aber es gibt auch eine Fülle realer Gründe, aus denen sich viele Brüder von diesem oder jenem Vortrag fernhalten. Wir sind nämlich alle mehr oder weniger Mitglieder verschiedener Vereinigungen, die sich in Vorträgen auswirken und so kommt cs zurzeit der Hochflut der Vorträge vor, daß man am Donnerstag einen Vortrag im Verein für jüdische Geschichte und Literaturhört, am Freitag einen wissenschaftlichen Vortrag im Rundfunk, am Samstag einen religiösen in Gestalt einer Predigt, am Montag, je nach der parteipolitischen Einstellung, einen Vortrag, im Zentralvcrein oder in einem zionistischen Verein, und wenn man ernhard-Pctuchowski (M.-L) « dann Dienstag eine Inständige Logensitzung hinter sich hat, in der man ja auch schon Referate, also kleine Vorträge hört, so mochte man doch endlich mal ein Stündchen der Ruhe, resp. des anregenden Zusammenseins mit den Brüdern genießen —, dani ist es für viele Brüder nach des Tages Arbeit und Last nich mehr gut möglich, sich nochmals um 10 Uhr auf einen Vorlrai geistig zu konzentrieren, zumal die Vorträge durch die sich anschließende Diskussion, häufig von neuem zu einer Art zweiten Vortrage sich auswachsen. Wir klagen so häufig über den Mangel an persönlichem Konnex zwischen den Brüdern! Aber wie soll dieser entstehen, wenn während der Sitzungen und während eines Vortrages, also fast den ganzen Abend, jeder offiziell auf seinem Platze ausharren und Ruhe bewahren soll? Man muß doch mal mit den Berliner Entfernungen rechnen, gegen 11 Uhr werden die meisten sich vom Logenhaus entfernen, es ist also rein technisch kaum möglich, in einen persönlichen Konnex zu Brüdern zu treten. Unsere verehrten Präsidenten, besonders die dem Kreise der Akademiker angchörenden, sollten nicht übersehen, daß neun Zehntel der Brüder, wie es nun einmal die Struktur der Loge mit sich bringt, Kaufleute und Gewerbetreibende sind, die in den letzten Jahren der Wirtschaftskrise, von schweren Sorgen erfüllt, häufig in ihrer Existenz erschüttert, von Verlusten aller Art hcimgesuchf, vielfach in ihrem späten Alter, als sie glaubten, sich einen sorgenfreien Lebensabend geschaffen zu haben, infolge der Inflation sich wieder der täglichen Arbeit widmen mußten, kurz, die in ihren Nerven erschüttert und sich nicht abends um 10 Uhr so leicht auf einen philosophischen Vortrag konzentrieren können. Im Hinblick hierauf hat vielleicht eines unserer Logenhäupter unlängst einen Ausspruch unserer alten Weisen zitiert: Man solle zu Gemeindevorstehern möglichst keine Gelehrten wählen, weil diesen vielfach für die Realitäten des täglichen Lebens die erforderliche Einstellung fehle. Die Notwendigkeit, möglichst viele Vorträge zu bieten, erübrigt sich auch dadurch, daß heutzutage die Gelegenheit, sein Wissen zu vermehren, ungleich größer ist, als in früherer Zeit. Wir haben ja in unserer Luge eine sich stets vermehrende Bibliothek geschaffen,wir besitzen u. a. eine jüdische Volkshochschule, auch kommt in jede Familie regelmäßig das Gemeindeblatt, welches eine Reihe von literarischen Produkten enthält, die die jeweiligen Feste betreffen usw. usw. und bekanntlich pflegt sich das Gedruckte dem Leser weit mehr einzuprägen, als das, was er nur hört, da er das Erstcre jederzeit sich zum zweiten oder dritten Male nach Belieben vor Augen führen kann. | Wir sehen also, daß auf der einen Seite ein Uebermaß von, Vorträgen schädliche Wirkungen hat, indem dieses Uebermaß statt den Besuch der Logenabende zu heben, so manchen Bruder von der Teilnahme an den Sitzungen verscheucht. Denn es ist kein erbauliches Schauspiel, wenn nach l'rstündiger Sitzung ein älterer Bruder eine Partie Schach mit einem Bruder begonnen hat, Abgesandte des.Präsidenten erscheinen und die Abwesenden beschwören, um (jotteiwillen zum Vortrag hinauf zu kommen usw. usw., und der geistige Ausschuß, der wohl für die-Vorträge verantwortlich ist. sollte, Um mit Stresemann zu reden, mehr Fingerspitzengefühl dafür haben, was an Vorträgen geeignet ist, Brüder über den Kreis derer hinaus, die ohnehin regelmäßig kommen, heranzuziehen, und man möchte, wenn man fast an jedem Sitzungsabend noch einen, Vortrag hat, mit Schiller variieren: Wohltätig ist des Vortrags Macht, wenn die der Mensch bezähmt, bewacht, — doch wehe, wenn sie losgelassen!" Vielleicht tragen meine Ausführungen dazu bei, daß unsere würdigen Präsidenten ihre Ansicht über Vorträge für die Zukunft einer Revision unterziehen. Die Brüder - Verlaasgesellsdjajt wendet sieb in einem Aufruf au ft Seite 194 an die Mitglieder der Berliner Logen

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