Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 6 (1926-1927)
- Issue
- 6 (9.1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
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I Seile 108 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U. O. B. B. Nr. 6 Auch diese fallweise \X crlschätzung jüdischer Geistesarbeit war nich't von langer Dauer. Das Edikt des Jahres 1492 zwang a'ilc Juden, die nicht zum Christenglauben Übertreten wollten, das Land.zu verlassen. _ Aus der Zeit des allgemeinen Wohlergehens der Juden in Spanien, der Zeit des dreizehnten bis fünfzehnten Jahrhunderts, »tammen, wie schon erwähnt wurde, einige der schönsten jüdischen Handschriften, vor stlteni wunderbare Megilloth und Haggadahs. Bei einem Vergleich der Haggadahminiaturcn verschiedener Länder hat: es , sich ergeben, daß die spanische Miniaturmalerei der der: nordischen Länder*) künstlerisch überlegen war. ln Spanien und ähnlich auch in Italien begnügte man, sich nicht w ie. irr Deutschland mit flüchtigen Randillustrationen. sondern schickte dem Text sorgfältig ausgeführte ganz- - seitige Malereien voraus. Außerdem war daneben der Text mit schüpcp; Initialicn und Zierstücken geschmückt. -Es wird dabei die :dcllcre Kunst der spagniolfschen „Sephardim" der der weiftjjfv'V gewerteten deutschen Juden, der ..Aschkünasim". gegen- 'trhergestetlt. Es würde nicht wundernehmen, wenn die geistige Kultur der spagnolischcn Juden die ihrer Stammesbrüder im Norden und Nordöstcn übertroffen hätte. Das ruhige Leben —unter den hochgebildeten . und wesensverwandten Arabern im Siiden des Landes, und das zeitweise gute Ergehen in den christ- ’ichen Staaten Spaniens, wären Grund genug dafür gewesen. Einige Illustrationen mögen von, der Miniaturmalerei der spanischen Juden -Zeugnis ablegen. Ein Bild aus einer Haggadah des vierzehnten Jahrhunderts i Abb. 2) zeigt die Familie am Tisch des Pesachfestcs versammelt, zeigt die platten, ungesäuerten Brote^hnd die kleinen Schüsseln, die die symbolischen Speisen enthalten. Der Hausvater hält den Becher Wein an den Lippen, von dem er während,des Vorlesens aus dem Buche der Agade in bestimmten Absätzen trinkt. Ihm gegenüber sitzt das aufmerksame Kind, and gegenüber der Herrschaft hockt eine schwarze Dienerin. Mohrensklavcn gab es in Spanien auch in vornehmen jüdischen Häusern sehr häiffig. So hatte Samuel Halewi. der Finanzminister Don Pedros. 80 .Mohrensklaven besessen! In den christlichen Staaten waren es meist Gefangene aus Kriegen mit den Arabern, oder deren Nachkommen, und darauf ist cs zurückztjführen, - daß in mehreren Handschriften die Uybcltätcr als Mohren dargestcllt * *• Müller-Schlosser; ,*D* Haggadah von Sarajewo** sind. So z. B. die ismaelilischen Kaufleute, an die Joseph von seinen Brüdern verkauft wurde. Aus den Miniaturen erfahren wir, wie schon aus der genannten Bibel dfcs Hauses Alba, vieles-über die Trachten und Geräte (Jcr mittelalterlichen Juden in Spanien. Wir ersehen aus ihnen, daß die damaligen Juden, abgesehen von« aufgezwungenen Judenabzeichen, die gleichen Gewänder trugenywic ihre christlichen Zeitgenossen, die Frauen ihr Haar modisch frisierten und der Künstler ibei der Wahl seiner Typen darauf bedacht war, dem geltenden Geschmack Rechnung zu tragen. Wie in jeder Zeit, gab es auch in der Gotik ein besonderes Schönheitsideal. F's waren schlanke, biegsame Erscheinungen mit feinen Köpfen und zarten H$ndcn. So gleichen die Menschen der jüdischen 1 Miniaturen mit wenigen Ausnahme'n, in denen der jüdische Typus t zur Darstellung gelangt, den gotischen Zeitgenossen. Die Juden, die Moses durch das Rote iMcer führt, tragen die Rüstungen und W'appen höfischer Ritter. Selbst ihre Pferde sind in modische .Decken gehüllt. Die Juden, die die Vorbereitungen zum Pesachfest machen, das Lamm schlachten und mit seinem Blut das Uebergchungszcichen an der Türe machen und das Festmahl abhaltcn, - unterscheiden sich äußerlich nicht von Andersgläubigen. Wie in den figürlichen Darstellungen, folgen auch die ornamentalen Teile der jüdischen Miniaturen dem allgemeinen Zeitstil der Gotik, dann dem der Renaissance und des BaroclL Ein Blatt einys spanischen' Haggadahbuchcs aus dem vierzehnten Jahrhundert (Abb, 3) ist nach gotischer Art mit sogenannten Drollcricn geziert, mit phantastischen tierischen und pflanzlichen Motiven, denen allen eine spitzgeschwungene, langgezogene Form eigen ist und die den Text und die Illustrationen um- I rahmen. Ein zweiköpfiger Drache dient als "Halter einer Schrifttafel, jind darunter, auf einem Rankenblatt stehend, befindet sich eip Jude mit dem Pesachkelch in der Hand, und ihm gegenüber ein Knabe, den er anläßlich des Festes belehrt. Im oberen Feld sitzt eit} meditierender Jude. Alle drei Figuren zeigen das Bestreben des Künstlers, den Gesichtszügen ein jüdisches Aussehen zu verleihen. Darauf ist auch der übertrieben große Bart zurückzuführen. Im großen und ganzen aber haben auch diese Gestalten gotisches Aussehen, vor allem die aufrecht stehende schlanke, etwas geschweifte Männergestalt. 5 Zum Schluß sei noch das lebhafte Kolorit der spanischen Miniatufcn als eine ihrer auffallendsten Besonderheiten erwähnt. 4 Die Wälder Berlins! Von Forstmeister von Nathusius. Kaum der Einheimische geschweige denn der Fremde kann Heide, Sumpf und Wasser, zu seiner heutigen materiellen und ich heute richtige Vorstellungen davon machen, daß die Mark geistigen Blüte heranwachseh konnt^.'Die äußeren Spuren dieser Abb. 1. Buchinn'atd am Oberste in I.ankt Brandenburg einst den Spottnamen „des heiligen römischen Reiches Streusandbüchse" trug, und wie in deren Mitte die Weltstadt Berlin — einst ein wendisches Fischerdorf — aus frühen Vergangenheit haben sich bis zur Unkenntlichkeit verwischt und nur noch an dem fertigen Werke unserer Tage läßt sich ermessen, was zähe deutsche Kulturarbeit im Laufe der