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Monatsschrift der Berliner Logen UOBB · 1926-09-01 · 6 (9.1926) · p. [Seite]

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Journal
Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
Volume
6 (1926-1927)
Issue
6 (9.1926)
Date
1926-09-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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derBERLINE 0€i E N U.O.BB. B :RLIN W 62. KLEISTSTR. 10. LOGENHAUS 6. JAHRGANG SEPTEMBER 1926 NUMMER 6 Das religiöse Erlebnis Von Br. Rabbiner Dr. Löwenstamm (B. A. L.) veilen nicht den Wald vor der Wissenschaft und ihrem Wie man im Alltagsleben zu lauter Bäumen sieht, so geht es Streben nach Wahrheit. Man wolll e die Welt erklären aus ihren Teilen und aus der Vielheit der Wirklichkeit zur Einheit Vordringen^ bis man eingesehen hat, gibt: das| Organische, „das Leben". Aufstellung des Lebensproblems ab schaft von den Lebensvorgängen kenntnisweisen erfolgreich auf dei Mensch?' Was ist sein Wesen? I in Wirklichkeitskomplex, der „erlebt". Das Erlebnis ist die Eir heit seines ganzen seelisohen Seins. Von hier aus findet man den Zugang besonders zu Kunst ^nd Religion, deren Grundlage in Erlebnis ruht. Künstler und religiösen Genies sin: daß es bereits eine Einheit Jetzt müht man sich mit der und die Biologie, difi Wissenist als eine der jüngsten Er- Plan getreten. Was ist der habenheit der Welt und. den Sipn des Lebens erahnen und deuten. Neujahr und Versöhnungstag sind unser aller religiöses Erlebnis. Das Leben, die sittliche Wi ltordnung ist ihr Thema. Alle anderen Feste des Judentums mit bau und mit ihren großen religii isen Teilgedanken sind Ausstrahlungen von dem Lebensprobli m, das Rauschhaschonoh und Jaum Kippur behandelt. Es gibt kein Wort, das öfter in den Gebeten dieser Tage erscheint ah: Chajim .„Leben“, Sie rollen en ihren großen Rätseln auf: Freiheit, Schuld und Sünde, vir und wozu sind wir? Hier überragend die Lebensfrage mit a Gott und Mensch, Schicksal und Versöhnung und Liebe. Was.sind stehen wir im Zentrum der Religi >n, weil wir im Zentrum des Lebens stehen. Hier geht es ums Ganze, um unsere geistige und sittliche Existenz, um unsere Stellung zur Welt und zu den Menschen. Auch diejenigen, die nicht Mu le und Fähigkeit haben, über die tiefsten Fragen nachzudenken haben das Gefühl, daß sie an diesen Tagen an der Quelle d< r Religion, d. h. des Lebens, sitzen. Jeder von uns hat die Ge vißheit: tua res agitur, deine eigenste Angelegenheit steht zur Vorkenntnisse aus der Geschichte dieser ehrfurchtsvollen Tage zu < rgründen. Kein Ereignis aus der Vergangenheit ragt hier io d; e Gegenwart hinein, Neujahr und Versöhnungstag sind allerleb :ndigste Gegenwart und Zukunft. Und weil dem so ist, hat d: s Judentum darauf verzichtet, starke äußere Mittel zur Erweck ing und Erbauung an diesen Tagen anzuwenden. Man erlebt das Leben unmittelbar, man braucht nicht darauf besonders hi »gewiesen zu werden. Ist es nicht völlig verständlich Einbuße an Geltung für den mode daß ihre Bedeutung sich stetig n hat? Jeder sieht ihre Notwendigkeit ein, die so zwingend ist wie das Leben selbst. Und daß sie Ende und Anfang einer Lebenswende bezeichnen, erhöht ihren Wert und beweist ihre Natürlichkeit. Die großen Persönlichkeiten, die die Er- Jebatte. Man braucht keine des Judentums, um den Sinn daß diese beiden Feste keine nen Juden erlitten haben, ja, ch Form und Inhalt gehoben So gewiß cs nun ist, daß Rauschhaschonoh und Jaum Kippur das religiöse Erlebnis des jüdischen. Menschen darstellen, so besteht doch die Gefahr des iMißverstchens. Etwas erleben bedeutet gemeinhin etwas^ erleiden. Ereignisse stürmen auf uns ein, und ihre übermächtige Gewalt läßt uns erliegen. Wir fühlen uns in die Rolle des untätigun Zuschauers gedrängt, der die Bilder des Lebens an sich vorbeizichen sieht, ohne dem Weltrad in die Speichen fallen zu können. Das aber ist nicht der, Sinn des echten Erlebens. Ihm ist höchste Aktivität zu eigen-, die eine Umformung des inneren Menschen bedingt und dann als notwendige Folge die Umformung des äußeren Lebens. Haben wir je ein Kunstwerk erlebt, ohne daß wit es, jeder auf seine Ar^, in uns lebendig gemacht, verarbeitet und durch diese Arbeit unser seelisches Leben verändert haben? Religion erleben heißt nicht: sictv Stimmungen hingeben oder gar in ihnen schwelgen, heißt nicht: in pietätischer Verklärung die Augen vor den Wirklichkeiten des Lebens verschließen. Lebendige Religion wird aus dem Leben gewonnen und treibt befruchtend zum Leben hin. Erlebnis ist nicht untätiges Gelebtwerdcn, sondern ein Gestalten von innen heraus, ist eine Innerlichkeit, die förmlich nach außen drangt. Wer lebendige Religion, besitzt, konstruiert sich nicht eine Welt und tritt nicht mit einem von der Blässe des Gedankens angehauchten Hirngespinst an dis reiche Leben heran; vielmehr wird er einen lebendigen Sinn lür das Wirkliche und Notwendige haben und in unablässigem Zusammenhang mit dem Leben die aus ihm erzeugten Gedanken anwenden, um die Wirrungen zu lösen und die Verwicklungen zu harmonieren in dem Bewußtsein, daß eine Harmonie besteht, weil die Wfrlt nicht ein Kind des Zufalls,' sondern ein Werk der höchsten göttlicher, Vernunft ist. So aufgefaßt, steht die Religion nicht abseits v.om Leben, sondern in ihm und über ihm und hält treue Wacht, daß es uns gelinge, es zu meistern und zu gestalten. Dazu ist nijtig. daß wir nicht als Teilmenschen mit dem beschränkten. Blick auf einen einzelnen Ausschnitt des Lebens oder als Verstandes-, Gefühls- oder Willensmenschen an das Leben herantreten. Wenn auch der Beruf uns zwingt, wie die Entwicklung der Neuzeit es ergibt, unsere Kraft vornehmlich einer einzelnen Seite des Lebens zu widmen, so dürfen wir deshalb noch nicht Spezialisten für das 'Leben werden. Darinliegt die ungeheure Verkettung ini Schicksal des modernen Menschen, daß er den einen -Teil des Lebens für das Ganze des Lebens hält, daß er mit Maßstäben an die Beurteilung vieler Lebensgebietc herantritt, mit denen er. ein schiefes-Bild und eine abwegige Einstellung gegenüber den großen Mächten des menschlichen Seins gewinnt. Das religiöse Erlebnis erfordert .und ergreift den Menschen, den ganzen Menschen, so wahr 'als das Leben ein unteilbares Ganzes bedeutet. Darum fragt das Neujahrsfest und der Versöhnunflstäg nach unseren Beziehungen^zu uns selbst und zu den Mensichen, nach

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