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Monatsschrift der Berliner Logen UOBB · 1926-08-01 · 5 (8.1926) · p. Seite 84

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Journal
Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
Volume
6 (1926-1927)
Issue
5 (8.1926)
Date
1926-08-01
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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Seite 84 Nr. 5 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U.O.B.B. am frühestenliberalen Ideen und moderner Kultur erschlossen, in vielen Fällen den lebendigen Zusammenhang mit ihrer Familie. Während die traditionsfeindlichc Wirkung der Großstadt nichtjüdische Familien ebenso trifft wie die jüdischen, kommt bei diesen noch hinzu, daß außer dem sozialen Aufstieg zu höherer Bildung und neuen geistigen Interessen auch der Gtaubenswechsel, die Taufe oder doch die religiöse Gleichgültigkeit und Indifferenz eine kulturelle Kraft zwischen Nachfahren und Vorfahren entstehen läßt, die am schmerzlichsten von den führenden geistigen Schichten empfunden wird. 1 Die Pietätlosigkeit steigert sich bei Getauften oder dem Judentum Entfremdeten mitunter bis zu dem bewußten Willen, aHe Spuren, jüdischer Ahnen zu vernichten. .Ist erst einmal das lange und sorglich bewahrte Traditionsgui, die Dokumente, Reliquien oder Familienpapiere vernichtet, SO ist die Kette zwischen Vergangenheit und Zukunft unwiederbringlich zerrissen. Spät«; Enkel können selbst bei wärmstem Interesse und eifrigstem Forschen den verschütteten Weg zu ihren Vorvätern nicht zurückfinden. Das bedeutet aber nicht bloß einen Verlust für das^ndividuum, sondern für das ganze Judentum. Daher ist es notwendig, au; privater Obhüt zu lösen, was hier nicht sicher mehr gewahrt ist durch die' Schaffung eines jüdischen Familien-Archives. Bis jetzt fehlt es für diese an jeder offiziellen Pflege in staatlichen Archiven. Die Gemeinde-Archive sind nur teilweise erhalten, auch diese nicht immer geordnet und katalogisiert. Im April 1924 forderte ich in einem Artikel, dem "Gesamtarchiv der deutschen Juden eine eigene Abteilung für Familienpapiere anzugliedcrn. Der Vorschlag erwies sich als Undurchführbar, aber im Anschluß an meipe Anregung kam es zur Gründung der Gesellschaft für jüdische Familien-Forschung, die ihr eigenes Familienarchiv begründet hat. TL Wäs-soll nun Tin dieses Archiv cingeliefert und von ihm aufbewahrt werden? Zunächst alle Familienchroniken, die wenigen gedruckten wie die zahlreicheren handschriftlich vorhandenen. Aber auch Aufzeichnungen über Erlebnisse besonderer Art, seien es hervorragende Leistungen in Krieg oder Frieden, seien es Leiden und Verfolgungen, seien es auch nur die schlichten Alltagsschicksalc der „namenlosen“ Zeitgenossen; denn auch aus solchen Schicksalen setzt sich jenes Mosaikbild zusammen, das wir Geschichte heißen. Neben solchen Lebensbeschreibungen oder Memoiren kommen in Betracht vor allem Stammtafeln (der Ausdruck „Staqimbäume" sei besser vermieden!!. Man unterscheidet Vorfahren- oder Aszcndenz-Tafeln. die, von einer bestimmten Person aufwärts steigend, deren Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und so fort enthalten, zweitens Nachfahren- oder Deszendenztafeln, die abwärts steigend, die gesamte Nachkommenschaft eines bestimmten Stammelternpaares geben, also auch die Töchter und deren Kinder. Wird für Stammtafeln der Anspruch erhoben, in unserem Archiv aufbewahrt zu werden, so müssen sie mindestens ein Jahrhundert umfassen. Das heißt, wenn Cs Ahnentafeln sind, so müssen sie zurückgehen bis zu den vier Urgroßelfcrnpaarfcn und für. diese, für die zwei Großelternpaare und natürlich die Eltern des Einreichers wenigstens Geburtsort, Geburtstag sowie Sterbcort und Sterbetag enthalten. Handelt es sich aber um Deszendenztafeln, so muß der Stammvater geboren sein vor 1806 (Beginn der obligatorischen Annahme von Familiennamen in Westeuropa). Da eine Generation rund 30 Jahre umfaßt, so wird der Urenkel eines solchen Stammvaters durchschnittlich nach 1896 geboren sein. Auch hier bilden also die Urgroßeltern der heute lebenden Jugend den Ausgangspunkt. Nochmals sei darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, auf einer Deszcndenztafel alle Nachkommen lückenlos aufzuführen, auch die Töchter und deren Nachkommen! Nur der Laie nennt eine Familie ausgestorben, wenn keine männlichen Träger des Namens mehr da sind. In Wahrheit vererbt sich, soweit unsere heutige Kenntnis der Vererbung geht, in der weiblichen Linie ebenso wie in der männlichen alles, was an körperlichen und geistigen Eigenschaften das Wesen einer Persönlichkeit aus. macht. Daher lebt das Blut berühmter Glaubensgenossen, queh wenn ihre Söhne kinderlos gestorben oder aus dem Judentum ausgeschieden sind, vielfach auf dem Wege über ihre Töchter unter uns fort. Nur muß solchen Zusammenhang erst nachgewiesen werden. Aber cs lohnt die Mühe, denn das Bewußtsein, Träger solchen Blutes zu sein, erweckt nicht nur begreiflichen und berechtigten Stolz, sondern auch Verantwortungsgefühl- und die Pflicht, solcher Abstammung würdig zu leben! „Noblesse oblige" gilt nicht nur für den Schwertadel. Aus der Institution des „Schutzjudentums“ ergab sich die Registrierung vieler familiengeschichtlicher Daten in den sog. Jud^nakten der Regierungen, die vielfach noch vorhanden sind. Die gelegentlich der Namengebung angelegten Akten aus der Zeit der Freiheitskriege sind teils bereits für unser Archiv kopiert, teils steht ihre Einreichung bevor. Neben diese archivalischc Sammclarbeit tritt die vereinsmäßige in Ortsgruppen, soweit solche bis jetzt entstanden sind. In den regelmäßigen Sitzungen werden Erfahrungen ausgetauscht. Es findet sich Gelegenheit, Stammtafeln und Chroniken zu demonstrieren, Lücken auszufüllen und —• vor allem aus Vorträgen historische und kulturgeschichtliche Anregungen zu schöpfen, die oft auch auf die Gebiete der Soziologie und der Vererbungslehre übergreifen werden. Aber nicht’ alle unsere Mitglieder sind in der glücklichen Lage, so Viele Gleichgesinnte am selben Orte zu haben, um eine Ortsgruppe bilden zu können. Für sic alle sollen die vierteljährlich erscheinenden „Mitteilungen zur jüdischen Familienforschung", die kostenlos allen Mitgliedern zugehen, das einigende Band bilden, das den Zusammenhang aufrechterhält. Fünf Hefte sind bisher erschienen und haben steigenden Beifall gefunden. Sie wenden sich an das gesamte jüdische Publikum, nicht nur an den Familienforscher. Unsere Aufsätze sollen von allen Seiten und von allen Standpunkten die Probleme der Familienkunde beleuchten. Bisher war es die jüdische Namenforschung, die neben Schilderungen aus be. stimmten, besonders interessanten oder besonders gut durchforschten Familien zu Worte kam. Für die Folge ist auch eine stärkere Berücksichtigung biologischer Probleme geplant: der „jüdische Typus" und seine Vererbung, die spezifischen Judcnkrankheitco in ihrer Verknüpfung an bestimmte Familien und dergleichen mehr. Den Anfänger wollen wir durch Rat und Anleitung zur Erforschung der eigenen Familie hinführen, dem Kenner ein zuverlässiger Führer sein durch die Literatur, eine Fundstätte für das gesamte Material und schließlich durch das jedem Hefte angehängte „Suchblatt", ein Briefkasten, der den einzelnen mit der Gesamtheit der Leser in unmittelbaren Ver- ,kehr bringt. Jedes Mitglied darf nämlich hier Anfragen über Personen oder genealogische Daten dem ganzen großen Leserkreise varlcgen. Sehr oft führt die cingesandte Antwort zur Feststellung gemeinsamer Ahnen und zur Anknüpfung von’ Beziehungen zwischen Anfragcr und Antwortenden, die beide wertvoll werden! Aehnliche Unternehmungen^ sind von christlicher Seite schon lange ins Leben gerufen worden. Gerade in Leipzig in den „Familiengcschichllichcn Blättern der Zentralstelle für Personengeschichte", die weite Verbreitung und lebhaften Anklang gefunden haben. Ohne jede Förderung oder offizielle Unterstützung durch die Gemeinden oder Organisationen ist die „Gesellschaft für jüdische Familienforschung" allein durch die werbende Kraft ihrer Idee in überraschend kurzer Zeit zu einem stattlichen Mitgliederkreise in Deutschland wie im Auslande gelangt. Das Interesse der jüdischen Jugend gibt die Gewähr, daß unser Gedanke auch in Zukunft imstande sein wird, die über alle Welt verstreuten Freunde der jüdischen Familie zu einer schaffenden Gemeinde zu sammeln. Aber die Mitarbeit der Jugend ist auch um ihrer selbst willen zu begrüßen! Aus der Geschichte der eigenen Familie erwächst mühelos historischer Sinn und Verständnis! Indem die trockenen geschichtlichen Daten zu eigeneji Erlebnissen oder doch solchen der eigenen Vorfahren werden, bildet sich der forschende Nachfahre zum denkenden und seiner Verantwortung bewußten Staatsbürger! Für die jüdische Jugend dber ergibt sich, noch mehr als für Andersgläubige, als erwünschte Folge eine Rückenstärkung des Charakters und der ganzen Lebensführung. Wer seiner Väter gern gedenkt, bleibt bewahrt vor Nachäfferei, Aufdringlichkeit und jener inneren Unsicherheit, die den Emporkömmling kennzeichnen. Denn ein gesundes und berechtigtes Selbstgefühl erwächst am sichersten aus der Erforschung der eigenen Familie!

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