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Monatsschrift der Berliner Logen UOBB · 1926-08-01 · 5 (8.1926) · p. [Seite]

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Journal
Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
Volume
6 (1926-1927)
Issue
5 (8.1926)
Date
1926-08-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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derBEBLIN E RALOF» E N UO.BB. BERLIN W 62. ^LEISTSTR. 10. LOGENHAUS 6. JAHRGANG AUGUST 1926 NUMMER 5 Jüdische Familienforschung Von Dr. Ar thur C z c 11 i t z e r^ (Berlin). . I. Die Notwendigkeit der jüdischen Familienforschung. Wilhelm Schallmayer legt in seinem klassischen Werke „Vererbung und Auslese" sich die Frage vor, warum die Chinesen es vermocht haben, durch Jahrtausende sich auf einer' Kulturhöhe zu halten, von der Griechen und Römer rasch'herabglitten, Kontinuität des Staates und der Sprache zu bewahren und „eine Volkstüchtigkeit zu erreichen und zu behaupten, wie sie kein anderes großes Staatswesen jemals auch nur vorübergehend, geschweige auf so lange Dauer zuwege gebracht hat“. Er findet die Antwort auf diese Frage in dem von alters her entwickelten chinesischen Familiensinn:' „Alle Volksklassen, die höheren nicht weniger als die niederen, sind dort von der Anschauung beherrscht, daß der Besitz zahlreicher Kinder, besonders Söhne, das größte Glück ist, das einem Menschen beschieden sein kann. Diese Anschauung wird, genährt durch die außerordentlich hohe Verehrung, die bei ihnen den Eltern seitens der Kinder zukommt sowie durch die strengen Pflichten, die. den Kindern gegenüber den Eltern auferlcgt sind. Die Familienbande sind so innig wie kaum irgendwo . . . Infolgedessen ist das Aussterben hervorragender Familien in China keine so häufige oder gar regelmäßige Sache wie in Europa, und nicht ohne berechtigten Stolz weist der Chinese auf die große Zahl chinesischer Familien hin, die einen zweitausendjährigen und selbst dreitausendjährigen Stammbaum aufweisen können." Wenn auch nicht ganz so intensiv wie bei den Chinesen, wo alle Rcligionsübung auf Ahnenkult, d. h. Pflege der .Familientradition beruht, ist auch bei uns Juden die Familie der gebotene Angelpunkt des Lebens. Im „Zarathustra“ spricht Nietzsche jedem Volke als besondere Eigenheit ein Sonderideal zu: „Eine Tafel der Güter hängt über jedem, Volke. Siehe, cs ist seiner Ueberwindungen Tafel. Siehe, es ist die Stimme seines Willens zur Macht." ^Zweifellos hat Nietzsche' Israel im Auge, wenn er, nachdem erst vom Griechen, dann vom Polen die Rede war, an dritter Stelle sagt: „Vater und Mutier ehren und bis in die Wurzel der Seele .hinein ihnen zu Willen sein, diese Tafel der Ucbcrwindung hängte ein anderes Volk über sich auf und wurde mächtig und ewig damit." Das Volk, das der Welt den Sabbat geschenkt hat, schul durch die Art, wie im Familienkreise dieser Ruhetag begangen wird, sich selbst den unversieglichcn Jungbrunnen und umkleidete die Familie—mit der Gloriole der gottgewollten Institution. ln seiner Familie fand der Jude den heiligen Boden und den schützenden Schoß, der ihm durch Jahrhunderte der Verfolgung die Kraft gab, um deA Neid und Haß seiner. Feinde den oft erniedrigenden Kämpfen des Alltags zu trotzen. Die moderne Bevölkerungswissenschaft kennt das Problem des Aussterbens der städtischen Familien. Die Städter sterben aus, aber die Städte bleiben bestehen durch den Zuzug votji Lande. Von hier fließt dauernd neues frisches Blut in die Adern des Volkstums und befruchtet und erhält seine Kultur. Die Juden sind/ seit Jahrhunderten vom Bodenbesitz ferngehalten, der „Mutter Erde" entfremdet. Und sie sind dennoch am Leben geblieben. Die Muttererde des Juden war seine Familie, die ihm vieles, schließlich älleS(ersetzcn mußte! Sie ist heute für dieses Volk ohne eigen Land, ohne eigcTfe Sprache zum mindesten für die vielen, die aller rituellen Betätigung und. jeder dogmatischen Bindung entfremdet sind, die einzige Klammer geworden, die sie mit ihrem Würzelbodcn verbindet und im Judentum festhält. J Auch diese Klammer ist durch die Entwicklung der letzten hundert Jahre gelockert worden. Viele Gründe sind es, die dazu führten, I die alten Formen jüdischen Familienlebens und die alte Tradition zu zerstören. Teils soziologische, idie sich erklären aus dem Charakter des Städters. Und die Juden sind ja in den letzten hundert’ Jahren überwiegend ein Stadtvolk, ein Großstadtvolk geworden. Noch vor vierzig Jahren wohnten 67% aller preußischen Juden in Orten mit weniger als 50 000 Einwohnern. Im Jahre 1919 waren es nur noch 20' i. Heute werden es höchstens 17% sein In Berlin wohnen hcotc etwa 250 000, also die Hälfte aller deutschen Juden! Das bedeutet eine Umwälzung, eine Art Völkerwanderung, denn 50%, also die Hälfte aller preußischen Juden haben ihre Heimat verlassen und sind von kleinen Städten in große gezogen. Was bedeutet aber solche Wanderung für die Familie? Meist sind es nur die Jungen, die Weggehen; die Alten bleiben, auf dem Lande, oder in der/Kleinstadt. Die Kinder der Fortgezogenen wachsen in der Großstadt auf. Sic kennen oft schon die Großeltern nicht mehr, und die beste und natürliche Gelegenheit zu lebendiger Anschauung der Vergangenheit geht verloren. Stadtkultur ist aber auch jeder indirekten Ueberlieferung abhold. Ihr hastendes Treiben läßt dem einzelnen keine Zeit zur Einkehr und Besinnung auf sich selbst. Den Blutsverwandten fehlt die .Zeit und die Gelegenheit zu regelmäßigen Zusammenkünften und n^it diesen schwindet auch rasch das Gefühl der Zusammengehörigkeit! Früher floß in mündlicher Ueberlieferung .der Strom der Familienerjebnisse, der* Kunde vondem,- was die Altvorderen gelitten, der Stoli auf das, was sie geleistet, durch die Zeiten. Es bedurfte keiner gedruckten Chronik, um die Tatsachen, und keines Stammbaums, um die Personen vor Vergessenheit zu bewahren. Das alles wurde anders, als die Aufklärungszeit und die ihr folgende Emanzipation mit vielem Abgestorbenen und Wertlosen auch gute und wichtige Institutionen hinwegfegte. Wie ein Sturmwind, der neben toten Ae’sten auch blühende Zweige knickt und lebende Wurzeln aus ihi^m Erdreich reißt. | Mit den alten rituellen Formen, die Fest- und Ruhetage zu feiern, verloren gerade ^diejenigen Intellektuellen, die ihre Köpfe und Herzen

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