Der Aufstieg
- Journal
- Der Aufstieg
- Volume
- Band 1 (1930-1932)
- Issue
- 11 (7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 268 (sequence 2)
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weit grösserem Mass« als )ede andere Religion ein Eindringen in das innere Leben, ein Erraten des Wirkens, ein Mitfühlen der Innigkeit jüdischen Gottesglaubens. Wer aber nicht In das Herz eines Volkes eindringen kann, hält sich an seine Aeusserlichkeiten und urteilt von diesen aus — und nicht mit Unrecht, da ja schliessich alles Aeussere Ausdruckform des inneren Wesens ist. So tut demnach auch die Umwelt Israels; sie übersieht die jüdische Frömmigkeit und halt sich für ihr Urteil über die Judenheit. einschliesslich der überwältigenden glaubigen Mehrheit, an die jüdische Einstellung zu jenen Dingen, die ihnen, den Nichtjuden. vertraut, von denen aus zu urteilen sie besser imstande sind. Woher soll die Welt denn wissen, dass sie in diessem Sonderfall nicht so vorgehen darf, dass sie den jüdischen Frommen damit Unrecht tut, dass bei Ssetze streuen Juden die Einstellung zum Glauben mit der Einstellung zu anderen ngen nichts zu tun hat? Die naive nichtjüdische Welt meint eben, dass eine wirklich geglaubte Religion ihren Bekennern eine Grundauffassung der Welt vermittle, innen allen Erscheinungen und Gedanken gegenüber ein Vorurteil aufzwinge, sie unfähig mache, irgend ein Ding sozusagen objectiv zu betrachten. Die Unlogik, mit dem Glauben an einen allmächtigen Gott anarchische Denkfreiheit verbinden zu wollen, die Wahnidee, den Glauben als nur im engsten religiösen Leben angemessen, zur Beurteilung der Weltganzen aber unangebracht zu finden — solche Absurditäten wagt selbst kein Peind der Juden bei den jüdischen Orthodoxen vorauszusetzen. Und damit eben tur er Ihnen Unrecht, Darumt nennt er verallgemeinernd ' das ganze jüdische Volk gottlos — weil er gerade auch die religiös Konservativen Im Gefo'ge jedes gotteslästerlichen Unsinns, als Nachschwätzer Jedes gottlosen Scheindenkens sieht. Dass man sich behaglich in Ungläubigkeiten ergehen und doch gläubig sein kann: dass man mit tiefster Gottesfurcht irgendwelchen in ihren Konsequenzen gottesfeindlichen Philosophieen anhangen kann: dass Gottesdienst mit Götzendienst vereinbar sei: Davon lassen sich freilich Jene nichts träumen, die, da sie die jüdischen Prommen in so vielen Belangen eines Sinnes mit jüdisch genannten Liberalen, jüdisch genannten Bolschewiken, jüdisch genannten Atheisten sehen, einfach annehmen, es möge zwischen all diesen Richtungen nicht gar so viel Unterschied sein, und die Juden seien eben ein ungläubiges Volk. An dem Unrecht, das sie mit solcher Meinung dem grossen, gläubigen jüdischen Volke tun. sind die so Urteilenden unschuldig. Die wirkliche Schuld daran tragen die jüdischen Gläubigen selbst, die durch ihr Verhalten jenes furchtbare Missverständnis hervorriefen. Und sogar schon die Möglichkeit dieser Entwicklung beruht auf unerkannt eingeschlichenen, und nun, bei dem Mangel einer entscheidenden Instanz Im Judentum, kaum mehr zu bannenden, ihren Wesen nach gottesfeindlichen Gefühlen und Gedanken — nämlich teils auf einer verschieden abgetönten sozialen Preiheitllchkeit. teils auf nationaler Eitelkeit. Woher die so selbstverständlich tuende Neigung sämtlicher jüdischer Kreise zu jeder freiheitlichen Ideologie, zu Portschritt, Liberalismus. Sozialismus, Pazi- A«mus und dergleichen, eigentlich stammen mag. ist unerfindlich. Wer sie aus der sozialen Gezetzgebung Mösls, aus ben Mahnreden der grossen Propheten, überhaupt aus dem Innerst und ur jüdischen Streben nach Gerechtigkeit ableitet, zeigt sich eben darin schon als freiheitliche und fortschrittliche Partei, dass er jene tc Gott begründete Gerechtigkeitsbegier mit dieser materialistisch errechneten Glückseligkeitswut gleichsetzt. Aber Neigungen zu solchem ins Utopistifche verzerrten Gerechtigkeitsstreben sind offenbar bei den Juden seit je im Keime vorhanden gewesen, — schon der Korach der Bibel ist ein bemerkenswertes Beispiel, das spätere Zeiten allzuoft wiederholt haben. Natürlich wehrte sich das jüdische Volkrgleich jedem anderen Volke in der Tiefe ausdrucksloser Bewusstheit des Wesens seiner Seele und seiner Bestimmung sicherer, als in aussprechbaren Bestrebungen, gegen derlei sektiererische, utopistische, scheinmessianische Verfälschungen seines eigentlichen Seins; wenn auch nicht immer