Der Aufstieg
- Journal
- Der Aufstieg
- Volume
- Band 1 (1930-1932)
- Issue
- 8 (4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- Seite 217 (sequence 23)
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lieht scheint), die man „voraussetzungslos" durchleben, ja sogar auch nur betrachten müsse, damit die Seele durch sie fruchtbar werde, ihre Aufgeschlossenheit und Prische sich bewahre. Solche Meinung, hei der Ahnungslosigkeit und Ueberheblichkeit in Hinsicht auf die Religion sich den Rang ablaufen, verweist den Gläubigen ohne weiteres in einen bequemen, narkotisierten Ouietismus. und es entbehrt kaum der Komik, wenn dieses Urteil von nichtreligiösen ül>er gläubige .luden gesprochen wird, die von anderer Seite her gleichzeitig das Verdikt ihrer „Werklieiligkeit" hinzunehmen haben. Wer solche seelische Minderwertigkeit des religiös Hingestellten statuiert oder vorj solch herabminderndem F.influß der Religion überzeugt ist, der hat von jener „Schwelle" her vrewiß keinen Hauch verspürt, der weili nicht, dali das Reich, in das man über sie gelangt, gleichsam an der vollen Schärfe der Ciegensätze sich aufhaut und daß man seine ewige Vv'öfbung nur mit einem ermessenden Blick für diese ihre Stützen, die den Raum hart und schmerzlich durchschneiden, ahnt. Sicherheit und (iefährdetsein, Gebundenheit und Freiheit, Einsamkeit und Verankerung, Ritual und Spontaneität. Disziplin und schöpferische Kigenkraft. Aktivität und stilles Vertrauen, diese (iegensätze bieten wohl einen Zugang für den Schritt rationaler Betrachtung, aber in das (ieheimnis ihres Miteinander lührt nur der Klügelschlag religiöser Intuition, und wo könnte dieser spürbarer werden als im Bereich des jüdischen Kingottesgluuhens:' IS braucht nicht erst verkündet zu werden, daß in der Anschauung des reinsten Monotheismus alle Kontraste mitschwingen, daß in der indischen Gottesvorstellung selbst sozusagen als in einem Spektrum alle Konträrfarben erscheinen. Das unfaßbare Unendliche, über zahllose Stufen von Emanationen schließlich zur materiellen Welt sich begrenzend, ist. ein Grundthema unserer Mystik, mit wunderbarer Symbolik umspielt worden, und ebenso untermalt diese Lehre mit ergreifender Sprache den schicksalhaften Gegensatz, den Perud und dessen Ueherwindung durch das der freien Wahl anheimgegebene Verhalten des Menschen. Und als eine Spiegelung des mystischen Schöpfungsvorganges in umgekehrter Richtung erscheint es da. wenn der traditionstreue Jude sein Wesen in die tausend Formen der Mizwaus eingehen läßt und gerade aus der strengen Umrissenheit seines Tuns (natürlich nicht nur in ritueller Hinsicht) seelischen Zugang zum Unendlichen findet. - Auch die Psalmen bieten eine Fundgrube von Beispielen, wie das gläubige Herz des luden den Zwiespalt der Empfindung in Einklang zu lietten weiß. Psalm 119, der so eindeutig das Glück des ererbten Besitzes m geoffenbartem Gebot preist, nocha 11 \ e d a u s s c c h o I o a u I o m*. birgt wenige Verse später die gar nicht selbstsichere Bitte a s s e im •i w d e c h o c h e c h a s d e c Ii o w e c h u k e c h o lamdeni" und si> ließen sich auf Schritt und Tritt Zeugnisse dafür bringen, daß der fromme 'tide mit der vorgeschriebenen Marschroute seines Verhaltens dennoch '■eine größere Sehnsucht kennt, als immer von neuem im unmittelbarsten Lern Verhältnis zu dem M e v, in pessojim zu stehen. Wie viel leichter Ich besitze Deine Zeugnisse für euikt. ** Tu mit Deinem Knechte nach Deiner Gnade unJ Deine Gesetze lehre ich. »17