Mannheim
Compact Memory

Der Aufstieg · 1930-08-01 · 3 (8.1930) · p. Seite 68

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Aufstieg
Volume
Band 1 (1930-1932)
Issue
3 (8.1930)
Date
1930-08-01
Page
Seite 68 (sequence 2)
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4884546-5428396-5428420--088-4884622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

es bliebe noch die Selbstverschwendung, in die weltliches Leben uns stürzt: „Sich an die Außenwelt verlieren, selten bei sich selber sein, »och seltener Qott gegenwartig haben". — diese Worte einet Gläubigen bestimmen dm Begriff ein es, solchen Leben« und verdammen es vom religiösen Standpunkt. Aber, die Religion hat noch einen Feind, einen viel listigeren und nicht minder gefährlichen. Alle anderen stellen sich uns mit einer gewissen Offenheit dar, sie geben sich für das, was sie sind; wir können uns über ihre wahre Wirkung und deren Folgen nicht täuschen. Jener aber verkleidet sich, legt eine Maske vor, um sorgsam sein Gesicht xu verschleiern, scheut sich nicht, seine wahre Natur unter frommen Erscheinungsformen zu verstecken. Schon sein Name laßt sich so unschuldig wie möglich an, um uns die Täuschung zu lassen, wir hätten es mit etwas Geringfügigem, Harmlosem, zu tun, mit dem unsere Religion sich vereinbaren könne. Routine schreckt niemand; sie verfahrt verstohlen, schweigend: wir leben mit ihr In so inniger Vertrautheit, daß wir schließlich ihre Gegenwart gar nicht mehr bemerken. So wie fortgesetzter Müßiggang in verhängnisvoller Weise die Seele einrosten läßt, ebenso rostet durch Routine unsere Frömmigkeit ein. Langsam, regelmäßig durchsetzt sie unsere Seele; um so ärgere Zerstörung richtet sie an. Wenn wir die Hülle, die sie deckt, abheben, um ihre wahre Gestalt zu erkennen, was sehen wir? Einen gewohnheitsmäßigen Zustand der Trägheit, der Starre, die Abwesenheit jeder persönlichen Anspannung, eine moralische Mittelmäßigkeit, die alle unsere Energien lähmt eine Öde Selbstgenügsamkeit, die den Wunsch nach Besserung in uns ertötet. Hersagen von Gebeten ohne Aufmerksamkeit; Wiederholung mechanischer Gesten; gewohnheitsmäßige Verzückung des Körpers an Stellen des Gottesdienstes, denen unsere Seele fern bleibt; leeres, eitles, formelhaftes Immer-wieder-Hersagen; triebhaftes Mißtrauen gegen alles, was unsere Starrheit stören kann; Gedankenlosigkeit im Gottesdienst: „Vergiß völlig, vor wem du stehst"; es ist das Gegenteil von der Vorschrift der Weisen. Lauheit, Flauheit, Langeweile: Dauerlüge einer Seele, die zwar untreu geworden ist, aber gern den Schein der Treue wahrt. Solcher Art ist die Routine, und diese Feindin der Rellgon hat das Besondere, daß sie nicht nur auf die Einzelnen wirkt, wie die andern Gegnerinnen. Sie wirkt auch auf ganze Kreise; gewinnt ganze Gemeinden: der äußere Rahmen wird Immer gehalten, Funktionen werden vollzogen, die Bräuche geübt, aber kein Hauch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.