Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 23 (7.6.1861)
- Date
- 1861-06-07
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4884143-5427051-5427141--397-4884496- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Postswxtum zvr Mhubr-Frsze.') Bo« N. •«**», *t». MH. (»feagiMf-X«. Schl Lage, nachdem ich t» diese, Wtztteru «eine snbjeetive Meinnng, gestützt ans Talmnd und Schnlchan-Arnch, ausgeftrrochea, »aß nämlich das Verlesen der Kethuba durch ein Paar Worte, gesprochen nach Uebergabe des Berlobuugsringe», substituirt werden könne, kam mir von Wien, u. z. von unbekannter Hand, pr. Post eine Brochure zu, betitelt: ״תשובה בעמן קריאת הכתובה מן נרנת אירוסין לברכת נשואיך Diese Brochure, resp. Replik, ist abgefaßt in rabbinisch-talmubischer Sprache, geflossen aus der Feder einer talmudischew Autorität, de- OberrabbtyerS in Biqlystok (Testrußland, Kleinpolen), veröffentlicht den dem Besitzer drS Ranuscripts, N- Z e ch nk ch k o p o v itsch, Gchchtttsmaou in Rußland. getegcuheLtlich gedruckt in Wien!859 bei Adalbert della Torre. Ich muß gestehe«, ein unheimliches Gefühl Sberkam mich beim ersten Blick auf diese- Geistesproduct, denn der Boden, wo es da- Licht der Welt erblickte, dort ist>er ChafidiSmus zu Hause, dort ist die Wiege unserer Chumroth, die Heimath der in manchen Gegenden in Ungarn noch herrschenden Fürsten Sina und Sandalfen und ähnlicher nicht judeuthümlicher Bräuche und Sitten; was für finsterer Artikel dürfte da wieder über die Grenze — herübrrgekommev sein! על הראשונים אנו שצשעיין, dieser bittere Ausdruck war unwillkürlich «einen Lippen entfahren. Aber, steh nicht auf die äußere Gestalt, so lautet ein schönes vollgewichtiges Wort in der h. Schrift, ob des äußern Scheins darf man weder salben noch den Stab brechen, und ich erinnerte mich auch an manches andere für geistige Vorkämpfer, zumal für einen ,Israeliten" und den mit diesem stamm- und geistesverwandten ״Jeschurun" sehr zu beherzigende Bibelwort. So z. B. als ich im Geiste an die Broschüre die Frage richtete: הלנו אתה u. s. w., da dachte ich an den Mau» mit dem gezückten Schwerte, auf den Josua mit derselben Frage zuging, und an das dem Letzteren gewordene Geheiß die Schuhe au-zuziehen, ,denn der Ort, wo du stehest, ist heilig" (3»sua 5, 13—14); und wie dieser, dessen Führerberuf jetzt — vor Jericho — eigentlich erst begann, von dem göttlichen Sendboten hiemit an die rechte Art und Weise eines Kämpfers für die Sache Gottes gemahnt wurde, daß nämlich der Boren, der Standpunkt, den er einnimmt, rein und heilig sein müsse. — Ich möchte in der Thal diese Bibelstelle gerne jenen Herren empfehlen, dir Heerführer Gottes, begeisterte Vorkämpfer der Wahr״ heit in Israel sei» »olle», aber leider den Boden nicht heiligen, auf dem sie stehen, indem sie die Person «ü der Sache verwechseln, die Lanze statt gegen die Sache gegen die Person schleudern. Ich sehe überhaupt darin die größte Ironie, wenn diese Herren die treuen Anhänger ves Talmud sich nennen, denn im Talmud ist dieses Engelwort auf jeder Seite angeschrieben. Rabbi Hilel glaubte an keinen persönlichen Messias, un» »ie milde war der Ausdruck seines Geg- »er- ,Gott verzeihe das dem Manne" (Sanhetrin 99 a). Nabbi Iehuda spricht von dem Hauptbeleg für die körperliche Auferstehung der Todten (Ezechiel 37, 10): באשת ששל היה, und ist ihm darob Nabbi Nehemia Feind worden? (das. 92, 6.) Rabbi Simon ben Laktsch glanbt an keine körperliche Strafe i« Jenseits, und diese gesnnde Ansicht hat Ehre im Talmud! (Sboda Sara 3, 6.1 Aber warum Beispiele anführeu, wenn wir aus dem Talmud eia Wort eitiren können, dafchwerer alalle Erempel in die Wage fällt. ES heißt Sanhedri» 24 a: ״Auf Jene', die auf ihre Meinung oder Lnslegnng starrsinnig beharren, und darob ander- Denkende und Jnterpretirende nicht achten und ehren, auf diese ist der Bibelvers gesagt worden: =כשהשכים הושיבני כשתי עול (Klagelied 3, 6). Nur ein Pro und Contra bringt die Wahrheit ans Tageslicht, während sie bei finsterem Eigendünkel und Fanatismus nie geboren wird, 2) im Finstern tritt einer dem andern in den Weg, wäharuld IMt chMn» Lichte einer neben dem andern friedlich seinen Weg verfolgt, wenn auch die Richtungen, die sie auf gleichem Wege einschlagen, verschieden find. '1 Liebe Skr. 16 u. 17. ,I Siebe Rafibi daselbst und Hagaboth R. Jesaj. Pik. Doch es tsi Zeit, daß ich auf meine Brochure zurückkomme. Ich fragte de» Geist mein«» st^ochure? הלנו אתה, denn vor Polen und «nßlavd habe ich FArcht, «1d wieher in echt lalmvdtscheS Wissen habe ich vertrauen. «»» fürwahr, die Talmudiste» sind nicht zu fürchte», — Pole» hat mei»e Furcht beschämt; der Geiß, der tu mrinem Hause mit gqücktem Schwert erschienen war, ist ein Kämpfer — für Wahrheit! Ein Orthodoxe von echtem Schrot und Korn, jene Herren mögen das höre», eine talmudische Autorität schreibt vor 26 Jahren (ein Jahrhundert!) am Schlüsse der von rabbtnischrm Wissen überströmende» Replik , nachdem er vielfach argumrntirt hat, daß da- Lorleseu der Lethilba muMhjg sei: ״Ich habe gehört, daß »eS in Deutschland hie und da Brauch wäre, daß der Rabbiner zwi- ,scheu den Eulogien der Erußtn und der Nißuin ein erbauliches ,Wort au das Brautpaar richte, und die K^huba nicht, vorlese; dg» .ist ei» löblicher Gepuch, »atz man soll ihnen auch darob nichts ,«haben." Eine deckte mächtig« Stütze für meine vnmasigeüllche Mehrung! Die Brochure liegt gedruckt vor, ist somit den Fachmänner» zugänglich, und dürfte überhaupt von dem ehrwürdigen Herausgeber dieser Blätter im Interesse der rabbinischen Wissenschaft und als Muster religiöser Toleranz warm empfohlen werden. — Hören wir nur noch einiges Wenige aus derselben, unser russischer Orthodox möge ein שלי) יושר für die Männer der Cultus - Reform fein. ״ES »ist (so heißt es Seite 15) aus dem Talmud bewiesen, daß man so- »gar Satzungen umgehen könne, wenn zu befürchten steht, daß da- ״Publikum belästigt werde; so erlaubt die Mischna (Joma 68 a) daß »der hohe Priester am Jom Kippur einen Abschnitt aus der Tora ״auswendig vortrage (was sonst nicht gestattet ist, Orach Ehajim 139,4) ״weil da- Volk durch da- Aufsuchen des Abschnitte» belästigt wird, ״und wieder erlaubte die Gemara (Joma 70 a) aus einem andern "2<-ר תורה diese» Abschnitt vorzutragen, wenn es dadurch nicht den ״Schein hätte, daß daerste ספר תורת woraus der hohe Priester ״bereits eine andere Stelle vorgetragen, erster! nicht entbalte. Dar- ״aus resultirt, daß, angenommen da- Vorlesen der Kethuba wäre noch- . wendig, damit keine ברבר. לבשלה gemacht werde, es dennoch sein ״Abkommen hievon haben könnte, wenn eine Bolksbelästigung dadurch ״entstünde, und um so gerechtfertigter ist das Weglasseu der Ke- ״thuba, da strikt genommen von einer wirklichen ברבה לבשלה hier ״nicht die Rede ist, und so kann es auch bei un» (in Rußland) als ״Schlußhalacha gelten, daß da, wo da- Verlesen der Kethuba dem ״Publikum lästig fällt, selbeaufgelassen werden könne." Hätte ein Meisel, eia Fassel, ein Löw. ein Ztpser die ״Achtung gegen das Publikum" so hoch augesetzt, und in die Halacha hinüber gezogen, was für Zetergeschrei wäre da in ״JeschuruuS" Lager auSgebrochen l und ich bin wirklich neugierig, was für Aufnähme unser russischer Autor bei den Herren gefunden. Ja, freundlicher Leser, im Talmud liegt die Reform, und hätten die Rabbinen deS letztm Jahrhunderts an den Grundsatz de- Talmud ״Achtung vor dem Publikum" wie an einen festen Pfeiler sich gehalten, so wären auch die Grundfesten nicht erschüttert worden, es würde mit .unser« Gemeindefrieden besser bestellt sein, der jüdische Gemeindekörper hätte an גדודין, נרורין an schmerzlichen Spaltungen, an gefährlicheu Parteiungen nicht zu leiden. — Auch auf religiösem Gebiete bringt» nm der starre Absolutismus zur Revolution; man soll dem Volke geben, was ihm gebührt und was man kann, denn sonst werden sie sich nehmen, wa» «an wirNich nicht geben kann. — Ist der Talmud «ü seinen Loncessiouen so «eit gegangen, daß man das Publikum selbst mit einer kleinen Panse, mit dem Auffuche» eine» Schrtstabschnitteverschonen muß, wieviel mehr gilt davon wirklichen Belästigungen während de- Gottesdienstes. Ad vocem Ablesen de- WochenahschuitteS, wird man wirNich schmerzlich berührt, wie da durch lästige Formen und die langweiligen Mischeberach der Geist des schöne» und heilsamen Brauche» gedrückt wird, und wären die Folgen nicht f» traurig, möchte ich wirklich das Verfahren der Hyper- und Neuorthodoren posfirlich nennen; was dem Publikum zusagt, und im Geiste des Schulchan-Aruch geschieht (Orach Chajim 147, Aterrth Sekenim), die Ehrrnbegleitung der Tora beim AuS- und Einheben, das regardirt man nicht; was dem Publikum gefällt und in Talmud und Schulchan-Aruch (Mess. Sofrim 14 $. 14, Orach