Mannheim
Compact Memory

Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1861-04-12 · 15 (12.4.1861) · p. Seite 119

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
2 (1861)
Issue
15 (12.4.1861)
Date
1861-04-12
Page
Seite 119 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4884143-5427051-5427131--355-4884461
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

i —» 119 trachtet, hätte Herr S. S. i. E. vielleicht Recht, wenn er sagt: ..Wir sehe» demnach in de« vorgehe« der Prager LulMS-Repräsentan, durchaus nicht» Arge»." — Wir aber, die wir die Mission der CultuSrepräsrntanz in de- Worte» engster Bedeutung auffassen, finden in dem Auslässen der Schul« doppelt Arge-, weil die Repräsentanz fich überhaupt de» Rechte» der Schule begeben, und weil dadurch den künftigen Mitgliedern derselben die Mittel beaommen wurden, da» gut zu machen, wa» durch die jetzige Cultusiepräsentanz verdorben wurde. Wa» aber soll man endlich dazu sagen, wenn der Schreiber des Aufsatzes in Nr. IS dieser Zeitung zu Gunsten der Auflassung der Schule hervor hebt. daß man bei dem Erhalten dieser Sckulr, d. t. wie er den jetzigen Bestand schildert, fich den Anschein gäbe, ״alS'chabe man zur Commune, der man nun ganz angehören soll, kein rechtes Herz gefaßt." Solche Worte möchten wir nur Demjenigen zumuthrn, welcher die Auflassung der Schule auf sei« Gewissen nehmen wollte. *) Nachdem wir da» Nichtige in der Entschuldtgung de» Artikels ,der Anschluß der Prager Juvengemeinde und die Auflassung ihrer Hauptschule" nunmehr nachgewiesen, und zugleich nachgewiesen, wie die Repräsentanten der CultuSgemeinde ihren allenfallfigen Nachfolgern den Standpunkt doppelt erschwert, und wie fich so viele der jetzigen Repräsentanten gerade dadurch, daß fie ״den Anschluß mit der Auflassung der Schule" befürworten, fiir die Zukunft unmöglich gemacht; — und nachdem wir noch einmal auf die Wichtigkeit einer confesfionellen Schule Hinweisen, um welche uns die jetzige Repräsentanz gebracht, schließen wir diese Erwiederung mit den Schlußworten au» Nr. 8 dieser Blätter, welche bezüglich des GrbahrenS bei dem Anschlüsse ewig wahr bleiben werden: ״Ueber eure Nachgiebigkeit, welcher euer JndifferrntiSmus oder eure Ohnmacht bei der Verhandlung der Schulangelegenheit erkennen ließ, wird die Nachwelt strenger zu Gerichte fitzen, als wir es vermögen, uns habt ibr nicbts gelassen, als die traurige Reflexion und die Borficht bet den Neuwahlen", durch welche wir Männer erhalten wollen, die ein echt jüdisches Grmüth besitzen, die in dem Glauben unserer Väter leben und für denselben zu Opfern bereit find, die Charakterstärke vnd Sclöstve-läugnung und Energie besitzen, um da» gut zu machen, was dir jetzigen Repräsentanten verdorben haben. Wanderungen auf dem Gebiete der mährischen Gemeinden. Kennen Sie das Land, wo die Früchte der Wissenschaft und des ernsten und ruhigen Forschenvon jeher blüheten? Mähren ist das Land. Als der Pilpul durch seine bekannte Würze das Talmudstuvium in Flor brachte, und ihm die eifrigsten und feurigsten Anhänger verschaffte, Mähren batte die größten und hervorragendsten Heroen des Talmuds. Die mährischen Rabbiner, lauter Koriphäen des TalmuvS, hatten ihre stark besuchten Jeschibas. wo das ״schaltz^ Lernen" seinen Sitz aufgeschlagen hatte. Ja mancher Geschäftsmann, nur Dilettant deS Talmuvstudiums, war im Stande es mit einem Adepten auS einer andern Provinz aufzunehmen. Als die B i u r i st e n das Bibrlstudium und die Bibeleregese zu Ehren brachten, und. ihnen weite Kreise verschafften, in Mähren waren die tüchtigsten ״Baale Tenach", welchen die ganze Bibel mit den Biurim geläufig war, und die selbst schöpferisch waren im Commentiren und Eregesiren. Seit einem Decenium macht das jüdische GeschichtSstudium, die jüdische Religionswissenschaft, das Forschen im Talmud und der Ha« lacha nach Art der Rischonim, welche Spitzfindigkeiten und witzige Geistessprünge kaum dem Namen nach kannten, welche fich nur bemühten, den Talmud zu erforschen, zu verstehen, zu begreifen, daraus zu lernen, was man thun und was man lassen soll, die den Talmud nach einer gesunden Logik behandelten, das alles macht fich seit einem Derennium, durch die Einwirkung der wisienschaftlichen Richtung geltend; dabei wird auch der Talmud al» reiche Fundgrube und Schatzkammrr der historischen und archäologischen Wissenschaft benutzt und ausgebeutet. Und siehe da. Mähren hat kein kleines Contingent. von tüchtigen, wissenschaftlichen Theologen, die einen Namen in der Welt haben. Freilich ist nicht abzusehen, wie der Nachwuchs, das aufblü« hende, werdende Geschlecht zur wissenschaftlichen Theologie an« und hingeleitet werden wird, aber die Rabbinen, welche seit mehreren Jahren die RabbiaatSfitze in den verschiedene» Gemeinden Mähre«» etuuehmrn, haben den Geist der Zeü verstanden, find hinter der Zeit nicht zurück geblieben, fie besitzen zumeist einen Schatz von, auf gründlicher Forschung bafirenden, talmudischea Kknniniffcn, sehr viele verkünden da» Wort Gotte» in reiner Sprache, und verfehle« ihre Wirkung nicht auf Geist und Gemstth. Sehr viele begleiten die Gissenschaft und ihre Jünger Schritt vor Schritt, und arbeite« selbst mit in dem Weinberge des Herru. Phantafirr», Simdolifiren, Allrgorifiren, zählt bei den wenigsten der mährischen Rabbinen etwa»; Wortschwall, Bombast, überschwengliche Phrasen, schillernde und schimmernde RedenSarten, hohle Tiraden, die die Zeit und ganze Monatsbroschuren ausfüllen uud verschlingen, machen keinen Eindruck mehr, lassen Geist und Gemüih öde und leer, nur zu Zeiten duldet man fie und läßt fie zum Thetl gewähren, auf der Kanzel. Ich möchte sagen, diese Manie uud Manier ist der Pilpul der Hagada. ist daS Pschetl der Homiletik. So find auch unsere Laien in Mähren, unsere Vorstände und Cultusreprasentanten, sie haben einen gesunden Sinn, ein richtiges, von Albernheit weit entfernte» Urtheil, fie verstehen wa» e» an der Zeit ist. ES gab wohl auch eine kurze Periode, wo mau zum Thetl in Mähren fich von einer Sprachwrise erschüttern und htnreißen ließ, ohne den Kern zu prüfen, der in dieser Sprachenschaale verborgen liegen soll; aber nun begreift man e», nicht der goldne Vor- Hang und nicht die goldne Lade waren das Allerheiligfte, sondern die Tafeln d e s Gesetzes, das einfach und verständlich, ewig und unveränderlich ist, und eines phantasirende» schwärmenden Apparat» nicht bedarf; wa» der Finger Gottein Stein gegraben, das kann keine Menschenmacht zerstören. Diese etwa» lange und vielleicht langweilige Einleitung wird Ihnen folgendes Factum erklärlich und verständlich machen. Es ist bekannt, wie H i r sch gegen den berühmten Seminardirector Frankel und gegen sein Seminar verfuhr. Wenn man gegen ״Darke Hamisch na" auftreten will, so sollte schon die Jdrenassociation an דרכיה דרכי נועם erinnern, und das Betragen der Mischnalehrer reproduciren. Schamai' und Hilel waren und Landen im flagrantesten Widerspruche gegen einander, aber fie schleuderten keine Bannstrahlen, sie beleidigten nicht, sie schimpften nicht, fie hießen sich nicht: Min, Apikores, Zaduki, Kofer, S. Jebamoth 8. l. Aber so ist es nun. Wissenswaft ist Macht, Uawiffknschaftlichkert ist Ohnmacht, und gewöhnlich, wer ohnmächtig ist, poltert, schreit, lärmt und — schimpft. WaS ich Ihnen da schreibt, ist die allgemeine Volksstimme. Hirsch wurde weder von Frankel noch von einem andern Gelehrten widerlegt, denn widerlegen kann man nur auf dem Felde der Wissenschaft, Hirsch wurde abgrfertigt. Da unternimmt es ein gewisser I. W. in Wien im Namen eines, vielleicht nui in seiner erhitzten Phantasie und auf seinem lithographirten Papier bestehenden Comitä, sämmtlichen Gemeinden Mähren» eine Erklärung zu Gunsten de- Herrn H. zur ungesäumten Fertigung vorzulegen, die man unter der Adresse des Herrn I. W. po»te restante nach Wien zu senden habe, welche Zeugniß ablegen soll von der glanzvollen Thätigkcit des ehemaligen OberlanvesradbinrrS, den sie einstimmig unv cinmüthig an ihre Spitze beriefen, und dessen Leitung fie in unbegrenzter Liebe nud Verehrung folgten, von der mackeiloün Reinheit seines CharakterS, dem Adel seiner Gesinnungen, der Genialität seines Geistes, seiner tiefen talmudischen und profanen Gelehrsamkeit, seinem glänzeuden Wirken in Mähren, seiner unvergeßlichen Thätigkeit, seiner aufopfernden Liebe rc. rc. Natürlich, dieser Aufforderung"wurde schnell Rechnung getragen mit einer — Abfertigung, die Sie wahrscheinlich schon gelesen haben. Diese Abfertigung hat nur den einen Febler, daß fie die Unterschrift ״Viele Stimmen auvielen Gemeinden Mährens" trägt, da ihr Inhalt doch der Au-druck der ״meisten Stimmen auS den meisten Gemeinden Mährens" ist. Wenn Herr I. @־׳x, in der Folge für einen Clienten eine Lanze einlegea, und den mährischen Gemeinden eine Schutzschrift zur ungesäumten Fertigung vorlegen wird, so mache er sich zuerst mit dem Bildungsgrad der letzteren vertraut. 8! tacuissea, philosophus fuisses kann man sowohl auf Herrn Hirsch al» auf Herrn I. W. anwenden. Daß Herr Hirsch schweigen kann, bewies er bei mehreren Gelegenheiten, z. B. bei talmudischen DiScusfionen, oder beim Landtag«. Herr I. W. möge sich auch daran erinnern: Auch der Tbor. *) Siehe unsere vorige?tote- Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.