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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1861-03-22 · 12 (22.3.1861) · p. Seite 95

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
2 (1861)
Issue
12 (22.3.1861)
Date
1861-03-22
Page
Seite 95 (sequence 7)
Language
German
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—׳« 95 "— Pest. w. Die trikoloren Fahnen, welche dieser Tage auS Anlaß der städtischen Restauration die Häuser schmückten, riefen wieder in der jüdischen Bevölkerung verschiedene peinliche Empfindungen hervor und erinnerten nochmals an unsere — Ausnahmsstellung. — Heißblütige Ungeduld hatte irgend ein Lebenszeichen, rin Hervortreten im Namen der Juden bei dieser Hrlegenheit gewünscht; doch sehen wir nicht ein, in welcher Form und — bei der wieder ausgesprochenen Absicht der Stimmführer, am Wortlaute des I848ger Gesetzes strenge festzuhalten — zu welchem Ende ein ostensibler Schritt geschehen konnte. Für den Augenblick sind wir darauf angewiesen, unS mit den in mehreren Wahlbezirken des Landes und von mehreren Gewählten ausgesprochenen, unserer Gleichberechtigung günstigen, politischen Bekenntnisscn zu vertrösten. Zu den Letzteren zählen wir auch die Erklärung des Deputirten der hiesigen Josephstadt, Szilagyi V, daß der Genuß bürgerlicher und politischer Rechte vom Glaubensdekenntniffe unabhängig sein müsse. — Auch a»sS einer anderen hier stattgchabten Gemeinde-Wahlversammlung werden der Wiener ״Presse" freundliche Aenßerungen, über das Wahlrecht der Juden, und deren günstige Aufnahme von Seite der Anwesenden berichtet, was wir mit um so größerem Vergnügen lasen, als hier anderslautende Gerüchte darüber kursirten. Höchlichst überraschte uns aber ״Pesti Hirnök' vom 16. t. M, worin Azari nach kurzer Necapitulation aller abgcschmackten Ausfälle gegen die Emancipation am Ende sich doch dafür ausspricht, daß der nächste Landtag den Juden das Wahlrecht zugestehe, natürlich ״mit aller nöthigen Vorsicht." — Was er darunter versteht, rarüber erklärt er sich nicht. In den Jahren 1840-48 ward auch, so oft die Emaneipationsfrage aufs Tapet kam, Vorsicht anempfohlen; damals meinte man damit: ein Gesetz gegen die dadurch befürchtete massenhafte Einwanderung der Juden aus den übrigen Ländein der Monarchie. Tie Furcht wäre heute wohl nicht mehr gegründet. r. Die Statuten des ״Izmeliu magyar egylet'׳ sind bereits sanctionirt; die Generalversammlung wird am 7. April l. I. 3 Uhr Nachmittags abgehalten. — L׳orrcsMdenz. Papa, 7. März. (Einige Worte des Trostes an meine Glaubensgenossen.) Die tiefe Betrübniß, in die wir durch einige der jüngsten Ereignisse in diesem Land« sämmtlich versetzt sind, erheischt wohl endlich, daß wir unS ermannen und anfraffcn: nicht nur um dieses zerstörende Gefühl los zu werden, sondern noch mehr aus dem Grunde, weil zu besorgen, daß der schöne patriotische Eifer, der die jüdischen Gemeinden belebt, unter dem eiSkalten Hauche der Verachtung und Geringschätzung, mit denen ungar. Munizi'pien und Presse uns behandeln, wieder erstarren könnte, was Gott aber verhüten möge! Wir wollen cS versuchen, den Trost, den wir selber haben, unfern Glaubensbrüdern mitzutheilrn und ihren Blick über den beengenden Kreis hinaus zu erw-itern, in welchem eben die heutigen Munizipien und Journale uns den Athem versetzen und politisch todtwürgen möchten. — Wohl setzen Viele nicht allzugroße Hoffnung selbst auf den nächsten Landtag, auf den unS vornehme, echte und falsche Freunde Hinweisen. —, Der Landtag wird, so denken Jene, auS den Wahlen der heutigen Stimmführer hervorgehen. Erhalten die Deputirten auch keine Instructionen, so kennen sie doch die Gesinnung, welche hinter ihnen steht, deren Vorurtheilen sie geschmeichelt, und der sie ihr Mandat verdanken. Werden die die Initiative für die Juden ergreifen? — dieselben Männer, welche /bei, den Judenhaß zur Schau getragen, um sich bei Pfriem und Scheere beliebt zu machen? Daß dies in der That geschieht und geschehen ist-, können wir leider aus Erfahrung bezeugen. Daß aber so gar nabe? Aber selbst abgesehen vom ״Rischuß", wovon unlängst eben die Wiener ,.Presse" auch aus einer Wiener Hauptschule ein hübsches Pröbchen brachte, ist nicht vergessen, baß die kathol. Volksschulen ihrerseits hingegen durchaus nicht an dem Fehler laboriren, der hier der Prager jüdischen Schule vorgeworfen wird , daß jene vielmehr in der Regel durch und durch vom specifisch-katholischen Geiste getränkt sind, von der Fibel angefangen bis zu den von allem Religiösen entferntesten Disciplinen. Liegt nun hierin gar keine Schwierigkeit, ich will nicht sagen Gefahr bezüglich der jüdischen Zöglinge? lRed.) beide Pokitiker nicht unsere, sondern des Landes Feinde sind, — das ist unsere Ueberzeugung und fast möchte ich sagen, unser Trost. Unmöglich können die wahren und grüßen Patrioten, an denen dieses Land so reich ist, noch lange dem Unwesen ruhig zusehen, welches die kleinen Tageshelden mit der Freiheit der Nation und dem Wöhle des Landes treiben. An der Judensache allein, so klein sie diesen Helden erscheinen mag, und ob sie im Geiste der Zeit und der hö- Heren Gesittung gelöst wird, muß die Freiheit eines jeden Volkes sich bewähren und erproben.— In einem freien Lande darf nicht Eine Menschenseele unter Bedrückung leben, sonst ist die Freiheit, so blutig sie erkauft sein möge, nichts als eine große Lüge. — Diemöge sich Török Jänos — von einem Juden gesagt sein lassen. Er möge in der Hep - hrp - Literatur wohlbewandert sein, — das alte Deutschland wird ihn dafür hoch in Ehren halten; aber die Politik hat er nicht crfnnden, und die Geschichte freier Länder kennt er ebensowenig, als den Geist der Bewegung im aufgeklärten Europa. — Lassen wir ren guten Mann seine Wege gehen. Wir glauben, waS der kluge Narr ״Bolond Miska" von ihm glaubt, der ihn in Nr. 7 so schön gezeichnet hat. Wenn die Judensache eine günstige Acnderung nimmt, wird er auch sicher unser bester Freund. — Die Glaubensgenossen mögen sich darum nur beruhigen. Unsere Feinee am Berathungswie am Schreibtisch haben eS bloS auf Popularität abgesehen, die sie ab^r auf falschem Wege suchen. Ihre Zeit ist gemessen. ״Sobald die Völker frei sind, werden sie auch gerecht sein" sagen wir mit Riesser, nnd werden nicht aushören, unsere Pflichten gegen dieses Land treu zu erfüllen, welches in nicht ferner Zukunft auch unser Vaterland wcrven muß. vr.... Brünn, 14. März Die Wahl eines jüdischen Repräsentanten in einem vorwiegend christlichen Gemeindekörpcr gehört wohl nicht mehr zu den Seltenheiten; seltener jedoch und als ein besonderes Zeichen der Zeit dürfte die Wahl eines christlichen Repräsentanten in einem jüdischen Gemeindekörper erscheinen. Als ein solches registriren wir die Wahl des Grasen Mensdorf zum Bürgermeister der jüd. Gemeinde zu BoSkowitz. Der Herr Graf war bereits im Jahre 1849 zum Bürgermeister derselben erkoren, hat jedoch, als die Gleichberechtigung aufgehoben wurde, es für gut befunden, sein Amt niederzulegen. Dieses Mal erklärte er sich mit Freuden bereit, das Amt annehmen zu wollen. Bri dem ihm zu Ehren veranstalteten glänzenden Fackclzuge brachte er der jüd. Gemeinde ein dreimaliges ״Hoch!" und versprach zugleich, mit allem Eifer für das Wohl seiner mit solchem Vertrauen ihn beehrenden Gemeinde sorgen zu wollen. — In Bezug auf die Landtagswahlen werden die jüd. Wahlmänner dieses Mal einen schw'-cn Kampf zwischen ihrer patriotischen und ihrer religiösen und häuslichen Pflicht zu bestehen haben. Der Wahltag fällt nämlich auf den ersten Tag des Pessachfestes-; da nun mehrere Städte zusammen Einen Deputirten zu sendrn haben und die Wähler alle persönlich erscheinen müssen; so sind die jüv. Wähler in die fatale Lage versetzt, entweder die religiöse Familienfeier in ihrem Hause (Srder) oder den wichtigen Wahlact hintan setzen zu müssen. Wir hören, daß der Herr Landcörabbiner wohl um Ausschub der Wahlen gebeten habe; doch ein ähnliches Gesuch lag bereits von bischöflicher Seite por, die Wahlen bis nach der Eh ar-Woch e zu verschieben. Da nun wegen der Kürze der Zeit bis zur Landtagseröffnung diesem letzten Gesuche nicht willfahrt werden konnte; so müßte, um keinen Unterschied zu machen, auch unser, wohl mehr motivirteS, und nur einen Aufschub von zwei Tagen verlangendes Gesuch unberücksichtigt bleiben. Wien, 17. März. Von dem Auftreten unseres vr. Jellinek als Landtagskanbidat in der Le opoldstadt werden Sie in unseren politischen Blättern lesen und daraus ersehen, in wel^ kräftiger beredter Weise er als jüdischer Geistlicher und erleuchteter Denker namentlich über die Stellung der Juden zum Ehristenthum gesprochen. Ueber die Aussichten, welche er als Kandidat hat, wage ich um so we- Niger eine Bermmhung auSzusprechen, als er einem Bewerber wie Pillersdorf gegenüber steht. Allenfalls machte sein Auftreten den befriedigendsten Eindruck, und muß ich hervorhrben, daß in der Wähler- Versammlung der christliche Theil der Anwesenden den stürmischsten Beifall seinen Worten zollte. v.

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