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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1861-02-15 · 7 (15.2.1861) · p. Seite 50

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
2 (1861)
Issue
7 (15.2.1861)
Date
1861-02-15
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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Has OcLoberdixl-m rmd die isr. Culluszememde. B»» O. L. StraGar, Bq. R«b. in F»1a. VaS denkwürtztge Vllerhöch-e Octoberdiplo» v^ I. »it fct'ant sich daraus ergebenden Folgen, welches einen neuen Wendepunkt in der Geschichte unseres Vaterlandes und dem Leben seiner Völker an den Tag förderte, hat auch, so «eit sich vorläufig muthmaßen läßt, in dem Leben der isr. Lultusgrmeiaden eine neue Wendung hervorgebracht. Nicht nur daß selbes zu inaig von und mit m politischen Gestaltung des gemeinsamen Vaterlandes ab- und zusammenhängt, als daß eS fich nicht lebhaft für -diese interesfiren sollte, nicht nur daß die Cultur jedes Volkes mit dem bürgerlichen Leben desselben so enge verwachsen ist, wie Körper und Seele und der Zustanv deS Einen auf de» des Andern eine nothwendige Rückwirkung hat; sondrrn unmittelbar auf daS Gemeindewesen einwirkend bekundet die Neugestaltung der Dinge ihre mächtige Kraft. Wollen wir jedoch ein unpartriisches Urtheil und eine richtige Anschauung über die heutigen CultuSgemeindeverhältnisse gewinnen, so müssen wir auch einen unparteiischen Rückblick auf die vor- und nachmärzlichen Zustände der i-r. Gemeinden werfen und die Licht- und Schattenseiten beider Perioden erwägen. Wie die Autonomie den Grundzug und Hauptcharakter unseres Vaterlandes und seiner Comitien und Municipieu ausmachte, so auch in der jür. Gemeinde. Di׳se verwaltete ihre Angelegenheiten ohne jede fremde Vorsorge und Beeinflussung, wählte ihre Vorstände und Beamte ohne Nachhülfe auswärtiger Intervention, errichtete ihre BildungSanstaltea (wo etwa solche errichtet wurden) und sonstigen Institute ohne jedwede Controllirung, Beaufsichtigung und Maßregelung von Außen, und war fich so der Würde ihrer Selbstständigkeit vollkommen bewußt und suchte auch diese Würde nach möglichsten Kräften zu wahren. Aber andererseits boten die vormärzlichen jüe. Gemeindezustande sammk ihren Organen und ihrer Organiialion — exoeptis excipiendis — ,in trauriges Bild theils willkürlicher Herrschsucht und Mißgriffe, theils indolenten und nonchalanten Schlaraffenlebens dar. Wir wollen hier nicht den Schleier lüsten, welchen die wohlthnende Vergessenheit über so manche Borsteherwirthschaft bereits gezogen, wollen auch nicht den mit der Gewisse n-ftrihrit in dirrctem Widerspruch stehenden, oft durch rreeutive Gewalt bethätigten Religions- und Glaubea-zwang in unserem eigenen Mitte in Erinnerung bringen, wie eS eben so wenig in unserer Abficht liegt, den bereitwurmstichigen, vom Zahn der Verwesung zernagten ,Pranger" und das vom Rost zerfressene . HalSeisen" traurigen Andenkens, aus der Rumpelkammer der Bergävgenheit zum Schrecken unserer fteundlichen Leser hervvrzuholm; der Zeitgeist hatte bereits in den vierziger Jahren diese mittelalterlichen Ueberreste größtentheils abzutragen uyd zu v«rdrängen und bessere Anschauungen und Begriffe an das Tageslicht zu fördern begonnen. Die Schattenseite des ftühern GemrindrlebenS, welche wir in gegenwärtiger Betrachtung hervorheben wollen, liegt vielmehr in der Regel- und Ordnuugslofigkeit, in dem Wirrwarr, in dem chaotischen Tohu Wabohu deS damaligen Gemeindewesens und gemeinnützigen Streben-, in der Verkümmerung und Vernachläßignng worin fich fast alle Institute, ja in dem dolos far 11iente, worin fich der größte Theil der Gemeinden samml ihren Vorständen befanden. Die Gemeinde nahm an Anzahl der Mitglieder zu und wuchs heran. Keiner wußte um wie viel; sie nahm ab, wer kümmerte fich darum. Weder von den Eheschließungen, noch von den Geburts- und Sterbefällrn wurde Akt und Notiz genommen; statistische Daten und Tabellen gehörten zur terra incognita. Wer heute 30 Jahre, konnte morgen 25 alt sein (freilich ein bedeutender Vortheil für so manche stet» jungseinwollende Herren und Damen). Heute in L. eine Ehe vor Gott und der heil. Religion eingegangen, konnte man morgen in Z. ganz ungestört und uncontrollirt eine zweite schließen; wurde doch rin Ausweis über das Vorleben und den Stand der Brautleute von Niemanden verlangt, wie ja überhaupt Fälle rer Bigamie unter der Hefe der wandernden und eingewanderten Juden in Ungarn leider! nicht zu den Seltenheiten gehörten. Matriken *) und Aufgebot waren in de« jüdisch-ungarischen Gemeinden so wenig gekannte Institutionen, *) Docb war Matrikenfübrung bereits durch die Landtagrartikel vom Jahre 1840 angeordnet. Rer. als ihre Begründung überhaupt in keinem religiöS-synagogale» Mo- «ente lag. — Und »te bestand eS mit den damalißen Lehranstalten? Ich habe wohl nicht mehr nöthig über diesest> »st besprochene Thema noch viele Worte zu machen, habe enicht «ehr uöthig. an das traurige Verhältniß der stühern ״Chedarim" zu erinnern; habe es nicht nvthig, das mit jedem Kurse fich erneuernde unwürdige und herabwürdigende mit einander Rivalifiren, Eoncurriren und Haufiren der vormaligen Herren Lehrer um stische Kinderwaare, wobei natürlich von Seite.der Eltern gar viel ״gehandelt und geschachert" wurde, die anseheuschwächenve Abhängigkeit Jener von Diesen, die auf die Sittlichkeit, Erziehung und den Unterricht so schädlich einwtrkrnde Arroganz, so gar oft verbunden mit der Drohung seine- Austrittes au» dieser Schule und Eintrittein die deS A. des reichen und vornehmen Schülers gegen seinen Lehrer und seine Mitschüler, wie noch viele andere Mängel und Gebrechen dem geneigten Lehrer in's Gedächtnlß zurückzurufen. Liegt doch kein so großer, weiter Zeitabstand noch zwischeu dem Bormals und Jetzt, als daß nicht der unbefangene Leser fich derselben noch lebhaft erinnern und den Unterschied zwischen beiden recht anschaulich machen könnte. Neben den vielen Mängeln und Schattenseiten daher, welche daS Ungarn germanisirende Bach-Thuu'sche Spstem auch für das von ihm stark beeinflußte jüd. Gewrindewesen hatte, neben den vielen Beschränkungen, welche unS dasselbe brachte, neben dem peinlichen Gefühle der allerstrengsten, jeder Autonomie heraubenden behördlichen Bevormundung und Maßreglung aller unserer Institute und Institutionen, welches es in uns wach rief und zurückließ, darf auch die dankbare Erinnerung an ven ersprießlichen brdeutendeu Umschwung und die vortheilhafte Umgestaltung deS Ungar, jüd. Gemeindrwesens, welche die Regierung beförderte, nicht auS unserem Gedächtnisse schwinden. Ihr haben wir eine gewisse Ordnung in unfern Eultusverhältniffen und in dem Gemeindeorganismus,׳ ihr die unbestreitbar nothwendige und ersprießliche Matrikeneinführung, ihr das allerdings nicht zu unterschätzende Ehe-Aufgebot, ihr die Errichtung zeitgemäßer, von Einzelinteressen unabhängiger, zu Ansehen und Würde gelangter Schulen, ihr überhaupt die Erweckung aus dem JndifferentiSmuS und Belebung für geistigen Fortschritt und zeitgemäße Bildung zu danken. — Wie aber wird'- mit den hier berührten Instituten und Institutionen weiter bestehen? Diese Frage dürfte so Manchem schon über die Lippen gekommen sein. Wohl könnte» wir darauf antworten, daß einzrlne Comitate schon in der vormärzlichen Zeit auf Einführung der Matriken bei den ihnen unterstehenden jüd. Gemeinden, und zwar bei manchen mit Erfolg, bet andern erfolglos drangen; daß sowohl diese, wir auch Aufgebote bei allen civilifirten Nationen und Eonfesfionen bestehen, daß gute Schulen sowohl im Interesse der Religion, als in dem de- Staate- und der bürgerlichen Gesellschaft ein unentbehrlichrS Brdürfniß find, daß überhaupt die Vorthrile dieser sämmtlicheu Einrichtungen jedem eiuleuchten und fast zur Ueberzeuguug Aller geworden find; dennvch fürchten wir, daß so manche unserer Grmeinden, nach den ״Fleischtöpfen" ihrer frühern Willkürherrschaft und unbeschrankten Ordnungslofigkeit fich zurücksehnend, jetzt den günstigen passenden Augenblick benützen werden, um die nutzbringenden Schöpfungen deletzten Decenniums. mit den verdammenswerthen desselben zugleich in Nichtaufzulöseu, unv mit dem Schwinden der Schatten-, auch das der Lichtseiten zu bewerkstelligen, oder um mich mit einem volksthümlichen Sprichwort« auSzudrücken ״da- Kind mit dem Bade au-zuschütten." Es läßt fich zwar nicht bezweifeln, daß auch die constitutionelle Regieruug die ungeschmälerte Aufrrchthaltung der hier brregten Einrichtungen decretiren werde, aber bis dahin und ob der nächste Landtag Zeit und Muße haben werde, auch solche Fragen zu erörtern, wie überhaupt auch die inner» Angelegenheiten der Inden zur Sprache zu bringen und zu ordnen, das ist rer fragliche Punkt. Möget ihr verehrlichen Cultusgemeinden! daher euerer Würde und Aufgabe euch bewußt werden; möget ihr den dreifachen Ruf auf der trikoloren Fahne unsere-Vaterlandes: Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit genau und in seiner rechten Bedeutung erfassen; möge die Eintracht, dieseallgemein dringende Bedürsniß und Verlangen nach Außen hin, vorerst nach Innen fich bei euch Geltung verschaffen; möget ihr, die ihr den berechtigten Anspruch habet und machet für

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