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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1861-02-01 · 5 (1.2.1861) · p. Seite 34

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
2 (1861)
Issue
5 (1.2.1861)
Date
1861-02-01
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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h 34 n- - Bii inftrtr 3tit. ,^keine Erscheimmg in unserer Zeit ist entweder so sehr verkannt und miSverstanden, oder so stark geschmäht und verläumdet worden, wie das Iudenthum der Gegenwart." So beginnt eine eben erschienene Predigt, welche der ausgezeichnete Kanzelredner Herr Br. A. JelllNtk in Wien am vergangenen Snkkoß feste (2. Oktober 1860) über Hl. B. M. c. 23, v. 40 gehalten. Die Richtigkeit dieser Bemerkung kann Niemand in Abrede stellen, der beobachtet, wie die. romantischen Berhimmler alles Gewesenen und Der- ^äckter alles Neuen den alten und unversöhnlichen Feinden unseres Glaubens die Hand reicken ״um vereint mir ihnen daS Iudenthum, wie eS im Lichte der Gegenwart erscheint, anzugreisen, ihm jeden Vorzug abzusprechen und es unter der Wucht von Schmähungen zu erdrücken." Wir halten es darum nicht unangemessen, einem weiteren Leserkreise zu zeigen, wie der genannte Redner zur Beruhigung, Aufklärung und Belehrung vieler Schwachen und Schwankenden, die herrlichen Vorzüge des Judenthumes unserer Zeit, allerdings einer neuen Zeit, zu schildern sich zur Aufgabe gemacht. Im Streben nach Schönheit in allen seinen -Erscheinungsformen offenbart sich der erste Vorzug des JudenthumeS unserer Zeit. Die Abgeschlossenheit, in welcher unsere Väter lebten und leben mußten, und der sckwere Druck, der in den letzten Jahrhunderten auf ihnen lastete, hatte den feinen und zarten Sinn für das Schöne in ihnen getrübt. DaS Judenthum unserer Zeit begann dem Schönen aus dem Gebiete der Religion ein Recht emzuräumen, vor Allem durch die Gotteshäuser. Das Erstehen so vieler schönen, herrlichen und prachtvollen Tempel in Israel während der letzten Jahrzehnte, der heilige Wetteifer unter Männern und Frauen diese Stätten der Andacht zu schmücken, das ist nicht blos Zufall, sondern die Folge und die Frucht eines schönen Sterbens; und eben so das Bemühen den Gottesdienst von allem Willkührlichen, Regel- und Geschmacklosen zu befreien und bei allen Handlungen zur Verehrung des Einen GotteS dem wahrhaft Schönen Herrschaft und Geltung zu verschaffen. Das Judenthum der Jetztzeit ist ferner frei und offen in der Verkündigung seiner Wahrheiten, männlich ernst und würdevoll, wenn es gilt, seinen Platz und seine Stellung in der Gesellschaft zu behaupten. Es beugt sich nicht und bückt sich nicht um die Brosamen aufzulesen, welche unter d.׳m grünen Tische von Rächen und Abgeordneten in Sälen und Kammern liegen; eS verlangt nicht mehr und nicht weniger als Recht, ein Recht, dasselbe Recht, ein gemeinsames Recht mit allen andern Stämmen. ״Und wahrlich, dieser Vorzug des Judenthums unserer Zeit ist kein geringer, und die Söhne deffelben, welche durch Wort und Schrift unermüdet chätig sind, daß Gerechtigkeit auf Erden herrsche und keinem Menschen sein gutes Recht entzogen werde, sind wackere Männer, Männer voll Wahrheitsliebe und Gottesfurcht, die ihre Kräfte aufbieten, daß, wie der Prophet sagt (Jes. 58, 6), ״die Band« der Unterdrückung gelöst und die Hartbedrängten frei werden." — — Im Streben Israels Namen und Ruf in Ehren zu halten und zu verherrlichen liegt endlich ein dritter Vorzug des Judenthums der Jetztzeit. Unser Vorfahren, besonderin Oesterreich und Deutschland, kümmerten sich wenig um daS, was außerhalb ihres engen Kreises geschrieben wurde, lernten nur selten die Schriftsprachen der Gelehrten und Gebildeten, verstanden eS kaum, sich in jenen Sprachen angcmeffen auSzudrücken, und so kam e«, daß'Jahrhunderte lang eine jndenseindliche Literatur sich verbreitete, welche Schimpf und Schmach auf den jüdsschen Namen häufte, ohnv-daß eine Hand sick dagegen erhoben hätte, ״Durch unsere Zunge siegen wir, unsere Sprache steht uns bei; wer kann unS bewältigen?" (Ps. 12, 5.) konnten unsere Feinde voll Zuversicht ausrufen. Wer hat nun die Arbeit begonnen und auf sich genommen, für unfern Namen, für unsere Ehre und Lehre zu kämpfen, zu reden und zu schreiben? DaS Iudenthum unserer Zeit, dessen Söhne die Sprachen der Völker erlernten, auf dem Schauplatze geistiger Wettkämpfe sich übten, uud dadurch im Stande waren, deu jüdischen Namen siegreich zu vettheidigen. Richtete man an die Juden die Vorwurfsvolle Frage: Was habt Ihr zum Wohle der Völker beigettagen? Durch welche Erfindungen und Entdeckungen, durch welche Schöpfungen auf dem Gebiete der Kunst, durch welche Werke auf dem Felde der Wissenschaft habet" Ihr Euch ausgezeichnet? so antwotten die Söhne des Iudenthumder Gegenwart: Seit achtzehnhundert Jahren sind wir deu Völkern ein Bei» spiel, daß die Religion nicht deS weltlichen Armebedarf, daß sie ohne StaatSverttäge und ohne Priesterkasten sich erhalten und entwickeln kann — ist dienicht eine große, wichtige und heilbringende Entdeckung? Wäre nicht mancher Staat glücklicher nach Innen, mächtiger und angesehener nach Außen, wenn er von dieser Entdeckung Gebrauch machen wollte? Die Jahrbücher der Vergangenheit und das Schriftthum unserer Bäter durchforschend, die verborgenen Schätze unserer Literatur aus dem Dunkel der Bibliotheken an das Tageslicht ziehend, weist daS Iudenthum unserer Zeit nach die hohe sittliche Kraft Israelin den Tagen de« schwersten Druckes, die geistige Frische und Regsamkeit dieses Volkes in den Zeiten der Barbarei, zeigt es, welchen großen Antheil die Juden an der Entwickelung und Verbreitung der Kultur und der Wissenschaften haben, daß sie ausgezeichnete Denker, Sternkundige, Aerzte, Naturforscher und Rechtsgelehrte in ihrer Mitte zählten, daß ein einziger Jude im vorigen Jahrhundert für die Veredlung und die Anmuth der deutschen Sprache mehr leistete, als das ganze große Oesterreich. Das Iudenthum unserer Zeit allein hat den Talmud — dieses vielgenannte und weniggekannte Werk des jüdischen Geistes — zu Ehren gebracht, nicht durch den hundertarmigen Pilpul und nicht durch das Flittergold des Chiluk, sondern dadurch, daß es fast in allen europäischen Kultursprachen Beweise lieferte, welche Perlen eckter Lebens- Weisheit, welche Schätze goldener Sprüche und glänzender Sittenlehren die Tiefen des Talmuds enthalten. Nehmen wir einmal an, — so schließt der Redner — dieses Iudenthum bestünde nicht — was wäre die Folge? Wir hätten die sprüchwöttlich gewordenen Judenschulen mit ihrem bunten Lärm und ihrem geschmacklosen Singsang; wir sähen in allen großen Gemeinden die Gebildeten und die jünger» Zeitgenossen von der Theilnahme am GotteSdienste ausgeschlossen; wir stünken noch immer als Bettler vor den Pallästen der Gesetzgeber, erfreut und beglückt durch das wohlwollende Lächeln der Thürhüter; wir sprächen alle eine Mundart, die zum Gespötte der Völker geworden ist; wir überließen unfern Namen, unfern Ruf, unsere Ehre, unfern Glauben, unsere Bräuche, unser Schriftthum und unsere Verdienste um die Menschheit der Willkühr, der Feindseligkeit und der Bosheit unserer rastlosen Gegner: Israeliten! ich mache Euch selbst zu Ricktern; prüfet, urtheilt, entscheidet, wählet! -- Zur brvorlikhtndk« Gemeindewahl! l-g-) Wenn wir gleich die philosophische Ruhe oder daS unverwüstliche Phlegma jener jüdischen Zeitschriften bewundern müssen, die mitten in einer mächtig erregten Zeit noch Stimmung und Muße zu Don-Quixotischen Windmühlenkämpfen und allerlei possierlichen Klopffechtereien finden können, so müssen wir uns dock für durchaus unfähig erklären, ihr Beispiel in dieser Beziehung zu befolgen. Wir können nicht umhin auf die Stimme der Zeit zu horchen und ihr Ausdruck zu geben. — Wir fühlen uns außer Stande eine Angelegenheit wie die Rekonstituirung der Pester iSr. Gemeinde unbeachtet und unerörtert zu lassen; sondern glauben durch deren Besprechung einer der dringendsten Aufgaben nachzukommen. Indem wir unsere unmaßgebliche Ansicht über jede im jüdischen Gemeindeleben obschwebende Zeitfrage nach bestem Wissen und Gewissen zur Besprechung bringen, sind wir unbekümmert darüber, ob unsere Ansicht stets zur Richtschnur genommen werde, wenn sie nur zur Anregung für andere bessere und. begründetere Meinungskundgebungen dienen möchte. Die Bemerkung, die ein geschätzter Correspondent in diesen Blattern neulich hinsichtlich der proponitten Gemeindeordnungen äußerte: ״man könne im Voraus überzeugt sein, daß unter allen möglichen Vorschlägen gerade die veröffentlichten am wenigsten Aussicht haben, angenommen zu werden, weil Jeder nur feinen eigenen Plan oder den er für den seinigen hält, als zweckmäßig und an» nehmbar erachtet, alle anderen aber mit vornehmer Geringschätzung von sich weist", diese wenn auch leider von der Erfahrung nur zu oft bestätigte Bemerkung soll unS nicht abhalten, unserer Pflicht und dem Drange unseres HerzenS in der gewissenhaften Darlegnng allgemein gehegter Wünsche nachzukommen. Die Frage die uns gegenwättig beschäftigt, ist: Welche Anforderungen lassen sick an die auszuarbeitenden Wahlstatuten und an den neu zu wählenden Vorstand stellen? — Die Wahlstatuten sollen derart beschaffen sein, daß sie die Wahl der Vertreter so wenig als möglich an den BermögenSbefitz knüpfen und für die

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