Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- 2 (11.1.1861)
- Date
- 1861-01-11
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-»» 11 n- - fri» dahin die mancherlei einzelnen Erscheinungen und Anzeichen im Geiste mit einander zu verknüpfen, um die Zukunft zu errathen. Wir halten eS nicht für überflüssig, finden eS vielmehr der Aufgabe dieser Blätter ganz entsprechend, da klares Bewußtsein über sich und seine Lage Jedem, dem Individuum wie der Körperschaft, unter allen Umständen Noth thut, der vorhandenen Stimmung» wie wir sie bisher häufig wahrzunehmen Gelegenheit hatten, hier Ausdruck zu geben und die einzelnen Anhalts» puntte, woran sich die Hoffnungen und Befürchtungen knüpfen, zusammen zu fasten. — Unter den erfreulichen Anzeichen, welche den ungarischen Israeliten in seinen Hoffnungen stärken, ragt vor Allem die Aeußerung deS edlen Grafen Johauu Barkäczy am 18. December in der Graner Conferenz hervor. ״Unseren heutigen Verhältniffen gemäß werden, wie ich glaube, ״die Worte deS Gesetzes ״״gesetzlich aufgenommene Religionen"" am künf- ״tigen Landtage eine andere Definition erhalten. Ich erkläre eS geradezu, ״daß ich diese Verfügung für eine unbilligeansehe... Ich will nur meine ״starke Ueberzeugung auSdrücken, daß die Zukunft Ungarns eS ersor- ״dere, jene 340 — 350,000 Seelen zählende GlaubenSgenossensckaft — ״die Israeliten — nicht länger außerhalb des VerfaffungSwalles zu lasten, ״sondern ihr innerhalb deffelben Platz einzuräumen. Besseres kann, so ״glaube ich, der künftige Landtag nicht thun" u. s. w. — So sprach der edle Graf, der im verstärkten Re ich s rat h bereits die Augen des gebildeten Europa auf sich gezogen und im Ungarlande zu den kenntnißreichsten und selbstständigsten Patrioten gezähtt wird. Die Aeußerung ist um so gewichtiger, als die kurze Motivirung nicht dem theoretischen Boden des liberalen Vernunftrechtes, sondern dem praktischen Boden der nüchternen Staatsklugheit entnommen war. Unsere Leser in der Ferne und außerhalb Ungarn können zugleich daraus ersehen, welch' himmelweiter Unterschied zwischen dem EonservatiSmuS deS ungarischen Magnaten und den mittelalterlichen Veillöitäten preußischer KreuzzeitungSritter obwaltet, und daß der ungarische Aristokrat, ein ,,AristoS" im eigentlichsten Sinne deS Wortes, mehr dem die Zeit und ihre Anforderungen verstehenden und wahrnehmenden Eonscrvativen Alt-Englands gleicht, als Len hochmülhigen Junkern Pommerns und Brandenburgs. — Diese» Eindruck machten also die Worte deS edlen Grafen Johann Barkvczy ') auf die ungarischen Israeliten und diese geben sich der tröstlichen Hoffnung hi», eS werde das am 18. December 1800 in Gran gesprochene Wort am Landtage des Jahres 1801 zur herrlichen, beglückenden That auch werden. — Hiezu kommen manche Vorgänge in den Eomitats-Muniripien, wie ui Bihar, Arad, Csongrad, wo, den Berichten zufolge, Leiter und Wähler der Gespannschaften eS für angemessen erachteten, zu den Berathungen und in die Eommissionen auch Juden zu berufen und zu wählen, und aus diese Weise ihr Votum für die Emancipativn gleichsam im Vorhinein abgaben. — Dagegen fehlt es auch nicht an Schwarzsehern, die, durch Temperanient oder bittere Erfahrungen verstimmt, minder tröstliche Anzeichen der Gegenwart entnehmen undniinder sichere Hoffnungen, in Betreff unserer bal- Ligen Gleichstellung, hegen. Sie weisen zunächst auf jene Comitate hin, wo die Anträge auf Berufung von Israeliten keine Zustiunnung gefunden, während Loch der 10. Gesetzesartikel vom Jahre 1848 die Klausel von den ״recipirten Religionen" nicht enthält und demnach keinen Grund zur Ausschließung hergibt. — Mit trüber Verwunderung bemerkten sie ferner, daß auf die oben angeführten Worte des Grafen I. Bark»czy keiner der folgenden Redner weiter zurückgekommen, daß Keiner seine Bereitwilligkeit zu erkennen gegeben — wie Lies z. B. ein hochverehrter Mann rücksichtlich des §. 3 gethan — in der entscheidenden Stunde für die Aufhebung der gerügten Beschränkung zu stimmen. — Endlich und am niederschlagendstcn scheint auf sie daS Factum gewirkt zu haben, daß in der Landeshauptstadt, in Pest, die versammelten Repräsentanten einer Commune, welche 20,000 Juden und darüber in ihrem Verbände zählt, mehr das quill juris als das quid consilii berücksichtigend, es nicht thunlich gehalten haben, einen Vertreter dieser in der That an materiellen und geistigen Mitteln bedeutsamen Einwohnerklasse in ihrer Mitte zu sehen! Unsere Pessimisten und Schwarzseher können, bei allem ■) Mit dessen Bildlich wir heute eine unseren Lesern gewiß höchst willkommene und erwünschte Gabe bringen. (Der Herausgeber.) Veeständniß für die Verhältniffe, wodurch dies Factum motivirt ist, doch nicht glauben, daß jene» Princip, Anknüpfung an die Gesetzgebung des Jahres 1848, welche» doch anderweitig schon genugsam gewahrt worden, wesentlich dadurch geschädigt wäre, wenn — um uns eines von dem geehrten Toth Lörincz unlängst gebrauchten Ausdruckes zu bedienen — nicht , sowohl gegen als ohne Gesetz, ein JSraelite am Stadthause mittagen würde; und wieder finden sie nur die alte Wahrheit bestätigt, ״daß daS äußerste Recht oft daS äußerste Unrecht in sich berge." — Wir, die wir nicht zu den Schwarzsehern gehören, die wir gestärkten Muthe« und festen Glaubens in die Zukunft blicken, müssen eS dennoch gestehen, daß auch wir den letzt angedeuteten Beschluß der Pester Stattre- Präsentanten tief beklagen. Wir hätten so gerne vollauf und recht vom HerzenSgrunde an der Freude über den Wiederbeginn deS municipalen Leben» Theil genomnien, und wären gerne der schmerzlichen Aufgabe überhoben gewesen, unS und Anderen eS begreiflich zu machen, wie so daS ״Wiedererwachen der Freiheit" eine dem Rückschritt auf ein Haar ähnliche Maßregel im Gefolge haben konnte. — Wie schwierig und schmerzlich die Aufgabe ist, erfuhren wir erst jüngst einem Fremden, einem Engländer, gegenüber. Diesem, der nichts weniger als von Sympatien für den Absolutismus erfüllt und in der Idee deS Selfgoverncment großgezogen ist, wollte es auch nicht recht zu Sinn, daß die Aera der constitutionellen Freiheit und der municipalen Autonomie durch confessionelle Ausschließung inaugurirt werde. Und als wir ihm Alles deutlich erklärt lind auoeinandergesetzt zu haben glaubten, antwortete er uns mitleidig lächelnd mit einem mot des ersten Napoleon, der einst, als man in seiner Gegenwart den in der Kriegsgeschichte des Jahres 1799 so berühmten Rückzug Moreau'S als ein Meisterstück der Strategie pries, die Bemerkung machte: Es war ein Meisterstück, mais — c’etait uue retmite! Das wären nun die einzelnen Zeichen der Zeit, woran der ungarische Israelit seine Hoffnungen und Befürchtungen knüpft. Der Mehrzahl nach geben nnsere Brüder sich den Elfteren hin; und auch wir, wir wie-! berholen es, lassen u»s in unserem Hoffen und unscrem Glauben nicht irre und wankend machen. Als Ungar und als JSraelite sprechen wir des ן unsterblichen Dichters Wort: Mog jöni ki-11, ineg jöni fog ן Egy jobb kor, melly utan j lluzgo imadsäg ej>t!d!-z i S/.az ozrek' ajukäu! j WaS uns jetzt mehr als sonst, waS mehr als einzelne Erscheinun-! gen unsere Zuversicht belebt und, unseren Glauben stärkt, wollen wir in einem folgenden Artikel barlegen. — ־־— v», JJnr Magyarisirongs- und Gleichbkrrchtiglrugsfrage der ^lldcn in Ungarn. 111. Nach dem bereits Gesagten haben wir nur noch Einiges über die! Magyarisirungsfrage ins Besondere als Ergänzung nachzutragcn. Verstünde ן man unter Magyarisirung nichts weiter, als die Einübung und Eigenma- ן chung der ungarischen Sprache und deren fertigen Gebrauch im Handel ן und Wandel; verstünde man darunter nur daS blinde mechanische Anschmie-! gen an Tracht und Brauch der ungarischen Ration, und überdieß noch ein i gewisses äußeres Gebühren in Ton und Haltung und sonst nichts mehr | — dann wahrlich hätten wir un4 eine bedeutende Uebertreibung vorzuwer- ן fen,- Laß wir die vollständige Magyarisirung des Juden in Ungani von! der ihm zu gewährenden Gleichberechtigung abhängig erklärten. I Eine solche äußere, oberflächliche Magyarisirung ist leichteren Kaufes ■ herbeizusühren. Cie ist Sache der berechnenden Klugheit, der NachahmungSsucht und der Mode. Von den zur Herrschaft gelangten Umständen dringend - geboten, kann ihre Rcalisirung über kurz oder lang nicht bezweifelt werden; - allein diese Magyarisirung hat mit dem echten Patriotismus und mit der wahreit brüderlichen Verschmelzung und Nationalisirung so wenig gemein, wie I die Sprech-Abrichtung deS Staare« mit dem eigentlichen Menschthume. Zur j bloßen Annahme der ungarischen Sprache bedarf eS für den Bewohner Un ן garn«, weder der Mahnung von außen, noch der besonderen VereinSthätig- - *