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Allgemeine illustrirte Judenzeitung · 1860-12-21 · 21 (21.12.1860) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine illustrirte Judenzeitung
Volume
1 (1860)
Issue
21 (21.12.1860)
Date
1860-12-21
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Beilage zn Nr. 21 der Allgemeinen Jllustrirten Judenzeitung.*) Offenes Aendschreiben an den ״Imelita Magyar Egylet“. (Vorbemerkung des Verfassers: Das hier folgende Sendschreiben wurde von mir, einem dem hiesigen KanfmannSstande und dem Izraelita Magyar-Egylet angehörigen Mitglicde, vorerst als Ansprache verfaßt, um sic in der nächst abzuhaltendcn Generalversammlung vorzutragen. Der Umstand jedoch, daß die Verhandlungen der erwähnten Generalversammlung ausschließlich in ungarischer Sprache statlfinden, bewog den Verfasser die beabsichtigte Ansprache als offenes Sendschreiben der Presse zu übergeben.) Einer der ersten Koryphäen deS hiesigen HandelSstandes entschuldigte sich letzthin, als er daö deutsche Idiom in einer Versammlung von ungarischen Patrioten anwendete, mit de» Worten: ״Meine Zunge ist wohl deutsch, aber mein Herz ist ungarisch!" Als ein Mann von loyaler Gesinnung und gemeinnützigen Bestrebungen bekannt, konnte er eS als christlicher Staatsbürger wohl wagen, in dieser Weise seinen PatriotiSmuS an den Tag zu legen. Ich aber — als Jude — sage ganz einfach, daß ich der ungarischen Sprache nicht derart mächtig bin, um hierin einem Vortrag halten zu können, der einer solchen Versammlung angemessen und würdig sei. Ich wiederhole demnach die Vorworte des berührten geehrten Redner- und sage: ״Meine Zunge ist wohl deutsch, aber Mein Herz ist und bleibt ein jüdisches!" Ein jüdisches Herz — meine Herren! — hat für viele Dinge hinlänglich Raum. Gleich der edlen ungarischen Nation, besitzt eS die Geduld und die Ausdauer, und hegt immerfort den Gedanken, daß so wie ihr, auch ihm sein Recht zu Theil werden wird. In gleichem Maße liebt es sein Vaterland und diese Liebe ist von solcher Stärke und Kraft, daß eS selbst zu jener Zeit, wo man ihm nicht mit Gegenliebe, sondern mit Haß und Verachtung entgegenkam, daS Herz in seiner Selbstverläugnung dennoch an'S theure Vaterland mit unauflöslichen Banden gefesselt blieb, und endlich ist es voll Theilnahme bei den Leiden der Menschheit und bethätigt seine Menschenliebe überall hin, wo man seine Anregung zur Hülfe in Anspruch nimmt. — Entschuldigen Sie, verehrte Vereins- | genossen, wenn ich in freudiger Aufwallung ob deS Anblickes so vieler! wissenschaftlich gebildeter und intelligenter Männer, die sich hier eiligefunden haben, um einen Verein zu restauriren, der bei voller Kraftent- Wicklung eine außerordentliche Tragweite haben könnte, mich zu dieser Höhe Hinaufschwingen wollte, indem ich sagte, daß auch ich in mir ein jüdische- Herz trage. Der Verein, unter dem vaterländischen Namen : ״lrraelita Magyar-Egylet“, den Sie wieder in'S Leben rufen, soll ineiner unmaßgeblichen Meinung nach, nicht allein auf die Pester, sondern auch auf alle jüdischen Gemeinden im Lande sich erstrecken; er soll nebst seiner Haupttendenz, die ungarische Sprache unter den Israeliten Ungarns zu verbreiten, noch Folgendes sich zur Aufgabe stellen: 1) Den Schulunterricht in der ungarischen Sprache der Art überwachen, daß er bei offenkundigen und erweislichen Mängeln den betrefsenden Schuldirektionen die nöthige Anzeige darüber mache. 2) Bei der in Aussicht stehenden Anstellung von Kanzelrednern steht eS zu erwarten, daß die betreffenden Gemeinden sich an den l. Verein der Sachkenntniß halber wenden und daß dieser den Gemeinden hierin gerne hilfreich sein werde. > > 3) Bei Einführung ungarischer Gebete oder Gesänge in Schule und Gotteshaus seine Opinion den betreffenden Vorständen zu unterbreiten, damit nichts Einseitiges geschaffen, sondern Alles gleichförmig und harmonisch, wie in Text so auch in der Musik sei. 4) Jeder Gemeinde-Repräsentation bei Eventualitäten, wo das vaterländische Element gefährdet ist, mit Rath und That beizustehen. 5) Den Rabbinern, welche trotz ihres allgemein anerkannten mu - sterhaften Lebens und Wirkens in der Sozietät und Synagoge heut zu Tage eine schiefe Stellung in den Gemeinden darum einnehmen, weil eine jede von verschiedenen Parteien unterwühlt ist, und sonach in daS traurige Dilemma gerathen, bald der einen, bald der andern Partei gerecht werden zu müssen, in so fern Seitens des Verein» — der Theologen, Literaten und andere Capazitäten zu seinen Mitgliedern zählt — eine Stütze zu bieten, daß der löbl. Verein bei vorkommenden Fällen ein solches Gutachten abgebe, daS mit Schonung der GewiffenSfreiheit und die Dogmen des Judenthumes auch nicht verletzend, ein zum Heil des Glaubens und der Jugend abzielendes sei. — Das Judenthum ist eine Religion des Geistes, eS wird in seinem Urwesen am wenigsten von der Philosophie bestritten. Die Besitzer dieses überaus werthvollen Schafes müssen im Einklänge mit ihrer sittlichen Innigkeit, auch durch ein äußereS würdevolles Benehmen, den Glanz zu erhöhen, und in jeder Sphäre daS Anständige init dem Zweckdienlichen zu vereinen trachten. ' (>) Soll der Verein auch die Anregung und Aufmunterung dazu! gebe», daß die deutschen Familiennamen der Juden in Ungarn magyakisirt werde» »nd zwar ans folgenden Gründen: a) Lehrt eS die Statistik, daß die meisten Juden in Nordamerika, in England, Dänemark, Frankreich, Russisch- und Preußisch-Polen, Galizien, Mähren, Böhmen, Ungarn und seinen Nebenländern, gleichwie in Deutschland, lauter deutsche Familiennamen haben. Die Ursache hier« von ist leicht aufzufinden. Bon Deutschland aus geschah größtentheils die Auswanderung'nach den oben benannten Staaten und Provinzen und . die Auswanderer behielten ihre deutschen Namen bei; nur Italien und die von Spanien und Portugal exilirten Juden, die im westlichen Europa sich niederließen, bildeü eine Ausnahme, wie auch Asien und Afrika, von deren jüdischen Bewohnern wir übrigens noch spärlich unterrichtet sind. Welche Collisionen, fragen wir, müssen nun im Laufe der Zeit, wo die Bevölkerung in der Welt immer mehr und mehr zunimmt, durch die deutschen Familiennamen, die meistens die Juden in den erwähnten Staaten und Ländern tragen, entstehen? Es werden Tausende und Tausende gleiche Namen und Firmen auftauchen, die durch nichts sich unteöscheiden, denn die Vornamen, welche die Unterscheidungszeichen etwa abgeben sollen, sind doch nur eine beschränkte Zahl! *) Für den Inhalt dieser Beilage ist die Redaktion nicht verantwortlich. (Red.)

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