Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 21 (21.12.1860)
- Date
- 1860-12-21
- Page
- Seite 166 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4884143-5427047-5427099--207-4884330- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
n 166 ihm alle Anstalten gezeigt, alle Einrichtungen erwähnt, jede hervorragende Persönlichkeit geschildert; eft auch wird derselbe auf einen Prediger, einen Lehrer, einen Cantor :ct besonders aufmerksam gemacht, und wurde etwa erst kürzlich ein Synagogen- oder Schuloberhaupt gewählt oder berufen, so konnte man allenthalben über diesen Erkorenen ausschließlich das Gespräch führen hören. Während einer kürzeren Anwesenheit in der Hauptstadt diese- Krön» landes hatte ich ebenfalls Gelegenheit die eben erwähnten Erfahrungen annäherungsweise zu machen; doch werde ich kaum Glauben finden, wenn ich versichere, daß von den vielen Gemeindcmitgliedern, ja sogar vor einigen Vorstands-Repräsentanten nicht ein Einziger der in diesen geschätzten Blätlern lange schon 'gebrachten Neuigkeit von der endlich erfolgten Aufnahme eines Rabbiners erwähnte! Und doch ist es so. So sehr ich mich bestrebte auf dieses in jeder noch so kleinen Gemeinde Epoche machende Thema zu komnien, eben so sehr war man anderseits beniüht durch ausweichende Ant- Worten meine.Neugierde unbefriedigt zu lassen; und es konnte mir nicht entgehen, daß allgemeine Mißstimmung es nur sei, welche gegenwärtig alle Gemüther beherrscht; da man gewiß, doch leider zu spät, eingesehen haben wird, daß eine Gemeinte wie Brünn, wie sie nicht nur zur Zeit besteht, scndern wie sie zu werten berechtigt ist, eine viel geeignetere Wahl als die des Herrn Dr. Placzek hätte treffen sollen. Drünn hat seit mehr als einem Tecennium sämmtlichen Gemeinten Mährens deren hervcrragentste Persönlichkeiten entzogen und durch tieselben erst den Grund und die Stütze der heute zu Tage nur materiellen Größe erlangt; tie Zunahme Brünns stand mit der Abnahme der mährischen Gemeinten in gleichem, hingegen die Reorganisirung ter dort sich vergrößerten, hier sich verkleinerten Gemeinte in umgekehrtem Verhältnisse. Ein in allen Zweigen des rabbinischen Wissens grüntlich bewanterter, in der geistigen Leitung einer Gemeinte erfahrener und erprobter Mann hätte zur Assimilirung ter unstreitig heterogensten Elemente gar kurze Zeit benöthigt, | hätte gar bald tie hoffnungsvolle Gemeinde auf den Weg auch zur geistigen Größe gebracht und würte dann leicht Muße erlangt haben, dem Iudenthume im Allgemeinen, tem mährischen Judenthume aber im Besonde- Ten vcm ersprießlichsten Nutzen sein zu können. __ Taß ein junger Löjähriger Mann, der sich keines unteren Wirkens als des in einer orthodoxen Schule rühmen kann, selbst bei chen größten Fähigkeiten und herrlichsten Anlagen lange, noch zu derlei Hoffnungen nicht Anlaß geben wird, erkannte jetzt erst die Gemeinde in Brünn, und wer wird sich noch verwuntern, wenn ihre Mitglieker verschämt und voll Unbehagen einhergehen? — Meinem Wirthe bin ich besonders hiefür Dank schultig, daß er mich auf den Gottesdienst der Stutiereneen ausinerksam machte. Allsabbatlich Nackmittags versammeln sich sämnitliche jütische Stutenten in tem wirklich prachtvollen Tempel zur Verrichtung ihrer Andacht, wobei der Wochenabschnitt aus ter Thora verlesen, die vorgeschriebene Anzahl zur Thora gerufen unk vom Herrn Religions-Professor Stößl, welcher den Gottesdienst leitet, an die eben zur Confirmaticn Gelangenden immer eine passende Ansprache gehalten wird; und jctem Freund tes Judcnthums gewährt es einen erhebenden Genuß, 400 Stutierente, Realschüler und Gymnasiasten, in einem einstimmigen harmonischen Chore sich zum Allmächtigen mit ihren kindlich frommen Gebeten wenden zu sehen. Auf gleiche Weise soll auch ter Gottestienst mit den Studierenden in Nicolsburg von dem Herrn Religionslehrer Eisler abgehalten werden; und zum Wohle der Jugend wäre eS zu wünschen, daß dieses Beispiel in anderen Stätten baltige Nachahmung fände. L. K. Vffenes Seu-schrribk» an Sr. Hachw., Hrn. I)r. Adolf Ehrenthril, Rabbiner in Horte in Zähmen. Hochwürtiger, hochgeehrter Herr! Möge eS Ew. Hockwürden nicht allzu sehr befremden, daß ich eine kurze Correspondenz, die ich einst mit Ihnen zu führen die Ehre hatte, heute, und zwar auf dem Wege der Oeffentlichkeit, fortsetze. Doch der Gegenstand meineheutigen Briefes betrifft eben so wenig eine Privatangelegenheit, alich damals wegen einer solchen geschrieben habe. Jahre find seitdem dahingegangen, unser Beider sociale Stellung hat sich verändert; Sie waren damalerst kürzlich aus Ungarn nach Böhmen berufen, haben sich seitdem dort vollkommen acclimatisirt, und mit Freude zählt Sie der iSr. Böhme zu den Seinigen. Ich, ein geborner Böhme, stehe als dirigirender Lehrer der hiesigen öffentlichen Hauptschule an der Spitze deS isr. Lehrpersonales in einer Stadt, die man xar eine ungarische nennen kann. Ich bin bestrebt, ein in jeder Hinsicht guter Ungar zu werden; trage trotzdem noch innige Liebe zu meinem ersten Heimathslande in mir und lebhaftes Interesse für alles, was meine Glaubensbrüder daselbst angeht. — In Ihren ״Signalen auS Böhmen" klagen Sie auf die Gefahr hin, ein Schnlfuchs genannt zu werden, über die Verhältnisse der isr. Schulen in Böhmen; Sie bedauern, daß Böhmen, welches ehemals isr. Lehrer weit hinaussandte, keine Lehrerbildungsanstalt besitzt, während an der Prager kaiserl. Musterhauptschule der Eintritt nur musikalisch gebildeten Candidaten gestattet, daher jüdischen Jünglingen erschwert ist. Sie rufen in dieser Beziehung die Opferwilligkeit der iSr. Gemeinden Böhmens auf, indem Sie ihnen das Beispiel der Pester Gemeinde als Muster verhalten. Auch ich fühle mit Schmerz und weiß es wohl, was der isr. Schule in Böhmen mangelt, ich weiß es wohl, daß man in Böhmen, selbst in Kollin und Jungbunzlau keine Ahnung von den Anforderungen hat, welche eine ungarische Jsraelitengemeinde an eine gut organisirte Schule stellt. Erlauben Sie mir nun, hochwürdiger Herr! Vorschläge zur Verbesserung des von Ihnen gerügten Zustandes hiermit an Sie zu adressiren, obwohl sie die Gesammtheit meiner Glaubensbrüder in Böhmen angehen, und vergeben Sie, wenn ich dem Drange meines Gefühles und bei der Kürze der mir gestatteten Muße mich nicht an das goldene Sprüchlein der Alten halte: — .עד יא־דין •אדי; יעל אד־־ץ א— Vor allem möge erwähnt werden, daß die Opfer, welche die Pester Gemeinde der Errichtung und Erhaltung der Präparandie gebracht hat, trotz ihres großen Werthes, nicht überschätzt werden dürfen. Die Mufterhauptschule und die Präparandie wurden größtentheils aus dem jüdisch - ungarischen Sckulfonde gegründet, und werden nebst noch fünf anderen Musterhauptschulen von diesem erhalten; und einen solchen Fond würde die böhmische Judenschast ebenfalls besitzen, wenn die Vorstände der Gemeinden sich deren Rechte mehr angelegen sein ließen. Es ist ein Kapital von 300.000 fl. als Ueberrest der ehemaligen Steuerpachtgelker vorhanden. Diese 300.000 fl. hat die Repräsentanz der böhmischen Landesjudenschaft unlängst zur Errichtung eines Waisenhauses bestimmt,׳ zu einer Wohlthat, die nach dem Uriheile des großen englischen Menschenkenners Charles Dickens und anderer philantropischer Philosophen höchst problematischer Natur ist. Würde dieses Geld und das der böhmischen Judenschast gehörige Prachtgebäude in Prag nicht nützlicher zur Gründung eines Lehrerseminars verwendet werden? Wahrlich, der Ertrag jenes Kapitals würde nicht nur hierzu ausreichen, sondern es würde auch genug erübrigen, um ärmeren Gemeinden die Errichtung von Schulen, wohlhabenderen die Verbesserung der ihrigen zu ermöglichen. Doch vielleicht kommt mein Vorschlag bereits post t'estum; die Gründung des Waisenhauses ist vielleicht nicht mehr rückgängig zu machen, nun so möge mit diesem Waisen- Hause, das doch gewiß auch eine gute Schule in sich schließen soll» eine Präparandie vereinigt werden. AuS der Pester Präparandie, die über kurz oder lang sich vorwiegend ungarisch gestalten wird, darf man in Böhmen keine für die dortigen Verhältnisse, die auch die Kenntniß der czechischen Sprache dringend heischen, brauchbare Lehrer erwarten. Doch Len! Bestände einer jüdischen Präparandie steht in Böhmen ein hindernder Umstand entgegen, wichtiger als jene,'welche die Gründung stören. Tie jüdischen Schulen in Böhmen fristen wie die jüdischen Lehrer daselbst ihr Dasein meist kümmerlich. Kaum daß eine jüdische Gemeinde sich entschließt, ihrem Lehrer ein fixes Jahresgehalt von 400 fl. auszusetzen. Ja, die Gemeinde in Horic selbst, dem von jeher berufenen Athen böhmisch-jübischer Bildung, schreibt einen Lehrer-Concurs mit 400 fl. ausdrücklich für einen Lehrer ledigen Standeaus, und räumt den musikalisch Gebildeten den Vorzug ein. Nun, so steht doch Ihre Gemeinde mit dem Directorate der christlichen Präparandie in Prag auf einem Standpunkte! Ferner schicken die jüdischen Eltern in Böhmen ihre Kinder so früh als möglich in die christlichen Lehranstalten, angeblich, weil die jüdischen für