Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 15 (9.11.1860)
- Date
- 1860-11-09
- Page
- Seite 119 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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»» 119 »«— f. Briefe aus Polen. Erster Brief, in welchem wir dem Leser Sachen offenbaren, die er schon längst kennt, oder wenigsten« kennen sollte. Geehrter Leser! Marschau, 22. Oktober 1860. Ein deutsches Sprichwort sagt: ״Aller Anfang ist schwer" und ich muß es, leider bei meiner Correspondenz anwenden, die ich unserem Blatte, da« ein tteues Echo des JudenthumS, und dessen Bedürfnisse klar und deutlick den Freunden und. Feinden unseres uralten Glaubens darstellt, heute übersende. Unser Blatt soll deinnach der wahre Ausdruck eines hohen GedankenS sein, nnd dieses eben, es klingt fast unglaublich, erschwert die Stellung eines Eorrespondenten. Nehmen Sie einmal an, unser Blatt wäre eine politische Zeitung und ich ihr bereitwilliger Eorrespondent. — Nu» gehe ich auf die Jagd und schieße — eine Ente. Dieselbe wird sogleich in die löbl. Netaction telegraphirt, dann eingepackt, versiegelt und zur Post expedirt; niorgen ist sie schon gedruckt und fliegt in Tausenden Exemplaren den schönen, ungeheuren Erdball durch. Ich habe natürlich das Schnßgeld — bei Zeitungsjäger» Honorarium genannt — in der Tasche, besehe das von mir getroffene Wild bei Hellem Tage und/ muß dann nachträglich meinen sehr geschätzten Lesern berichten, daß ick mich etwas geirrt habe. Ick erhalte natürlich für diese Berichtigung wieder niein Sckußgeld und kann wieder, bei günstigem Wetter, auf Entenjagden ausgehen. — Ein anderes Mal hört ein solcher Zeitnugs-Eorrespondent, daß diese oder jene hochgestellte Person diesem oder jenen! niedrig gestellten Manne einen günstigen Blick zngeworfen baben soll. Ohne an das Sprichwort: ״Für's Hören-sagen wird Manchem u. s. w. geschlagen" zu denken, benackricktigt er die ganze neue und alte Welt von diesem Ereignisse und — wenn es auch später ohne Folgen bleibt — so hat der gute Mann seine Pflicht erfüllt, einen Theil de« Blattes vollgedruckt und — sei» Honorar in die Tasche gesteckt. Nachdem ick Ihnen nun dieses Alles haarklein explicirt habe, werden Sie, meine sehr geehrten Leser einsehen, daß eS mir weit schwieriger wird t mit unser!!! Blatte zu verkehren, als einem andern Zeitnngs-Correspondenten, da Sie sich leickt denken können, daß ich unserm Blatte keine ״geschossenen" Enten einsenden darf, überhaupt aber strenge Wahrheit schreiben muß; und das eben erschwert mir den Anfang meiner Corrrespondenz, welche ich leider mit einer Beschreibung des Wetters nicht beginnen kann. Wir werden jedoch den Anfang suchen und werden ihn mit Gottes Hilfe finden. Ich bin zwar kein Anhänger Hegel's, der sein geliebtes ״Ich" apotheosirte, glaube jedoch kein Verbrechen gegen den ersten Satz der Zehngebote zu begehen, wenn ich vor allen Dingen von mir selbst spreche, un! den geehrten und geneigten Leser wenigstens augenblicklich für mich zu erobern. Vor allen Dingen bin ich — Israelit (bitte mich aber nicht zu verwechseln mit dem ״Israelit," den man in Mainz für 2 Thlr. jährlich bekommen kann); ich bin Jude mit Leib und Leben, Jude mit Herz und Seele und diesen meiner Väter heil'gen Glauben soll mir die Welt, sogar die Höll' nicht rauben. Wenn ich nun meinen Lesern hiermit mein GlaubenSbekenntniß in wenigen Worten abgelegt habe, so kennt man mich doch nicht, oder sehr einseitig, ich muß also das Bild vervollständigen. Außerdem daß ich Israelit bin — bin ich auch Mensch, und als solcher gehöre ich dem Lande an, in welchen! ich geboren, und welches ich mein Vaterland nenne. Ich bin also polnischer Israelit, oder besser iSraelilischer Pole, so wie ich hoffe, daß ein Theil meiner Leser israelitische Ungarn, israelitische Deutsche, Franzosen u. s. w. sind. Nachdem ich nun hinreichend von meiner Persock gesprochen habe, darf ich wohl ungenirt von meinen Glaubensbrüdern und Landsleuten reseriren. Ich will nun einmal versuchen, die Lage mciner Glaubensgenossen zu schildern und da man bei uns Alles zu klassificiren sucht, so will ich auch hier eine Classification versuchen. Vor Allem zerfallen die hiesigen Israeliten in zwei Kategorien, die sich schon ihrem Aeußern nach hinlänglich zu erkennen geben, unk zw-r in l. bartlose und 2. bärtige Israeliten. Die nck 1 genannten kann man in drei Unterabtheilungen bringen, wie wir es in! Nackstekenden tbun wollen. Die erste enthält alle jene Israeliten, welche in ikrein Innern dem alten Glauben ihrer Väter treu anhängen unk zugleich rer wabren Eivilisation huldigen, daher nicht glauben, daß die Kutte schon den Mönch, der Bart den Juden mache. Diese Kategorie bemüht sich auS allen Kräften die Intelligenz ihrer Glaubensbrüder zu heben und die Wiedergeburt ihres Volkes zu bewirken. Ihr Streben ist: aus dem Israeliten einen Staatsbürger zu machen. —■ Ich glaube nicht, gegen die Tendenz de« Blattes zu sündigen, wenn ich n!ich der geehrten Redaction nnd dem geneigten Leser als zu dieser Klaffe gehörig, ergebenst vorzustellen mir erlaube. Zur zweiten Klaffe dieser Kategorie gehören diejenigen Israeliten, welche dem Barte und dem langen Rock auch v:!!o1 gesagt haben, die aber zugleich mit dem Nicktzeitgcmäßen daS Religiöse über Bord geworfen haben. Sie sind nur in den Stammrollen der hohen Polizei als ״Juden" aufgeführt, in ihrem Herzen aber sind sie eS keineswegs. Ob sie auck die Wiedergeburt ihres Volkes wünschen, wissen wir nickt, aber wir glauben, diese Herren nicht beleidigt zu haben, wenn wir behaupten, daß sie selbst nicht wissen, wohin sie wollen, sie schwimnieii ohne Ziel vom Winde getrieben; Compaß und Ruder haben'sie verloren odet wahrscheinlich haben, sie sich die» selben von eine»! Stunue rauben lassen. Wir können sie nur bedauern! Die dritte Klaffe endlich bilden starrgläubige Israeliten, die den Bart auS irgend einem irdischen Grunde abgethan haben, doch aber nach ihm sich sehnen, nnd die Ankunft des Messias in wörtlicher Bedeutung stündlich er׳» warten. Diese Klasse der Israeliten hat noch keinen Sinn für den Fortschritt, und wahre geistige Bildung ist ihnen »och ein Aergerniß. Wenn sie auch über die Erniedrigung, in welcher sich hier leider die ganze Nachkommenschaft Israels befindet, bitter klagen, so betrachten sie dieselbe nur von der niateriellen, nicht aber von der moralischen und intellcctuellen Seite. Die zweite Kategorie umfaßt die bärtigen Israeliten nnd diese zerfällt wieder in zwei Klassen. Zu der ersten gehören diejenigen, welche da« Aeußerc, den Schein bewahren: die Hülle für das einzige Gute annehmen, den Kern aber verachten. Wenn auch diese Klaffe eine große Anzahl reicher Leute umfaßt, so ist sie doch die verächtlichste, da sie den! Glauben und den Sitten ihrer Väter nur dein Aeußern nach angehöre», ohne dem Fortschritte zu huldigen, obgleich - sie materiell demselben viel Vorschub leisten könnten. Die zweite Klasse dieser Kategorie bilden endlich jene Israeliten, welche streng im Aeußern nnd Innern am Hergebrachten hängen, keinen Schrttt vorwärts thun, weil er ihrer unmaßgeblichen Ansicht nach, dem ewigen Verderben zuführt; kurz eS sind diejenigen Juden, welche an die materielle Intervention deS Himmels glauben, der sie als AuSerwählte zur Herrlichkeit erheben wird, weil — sie nichts gelernt haben. Die Unglücklichen — materiell und intellektuell betrachtet — träumen einen süßen Traum und verachten Jeden, der nicht an dieselben Phantasiebilder glauben will. Es gibt noch bei uns eine besondere Klaffe Israeliten ״Chaßidiu!" genannt, von diesen aber wollen wir ein ander Mal sprechen. So haben wir nun Ihnen, geneigter Leser, ein Bild unserer GlaubenSgenoffen in großen Contouren gezeichnet, welche« wir in folgenden Briefen auszufüllen versprechen, wenn nämlich die geehrte Redaction hierzu Ihre gütige Erlaubniß erlheilt.') Cd Makdenberg Vermischte Nachrichte« «nb Natize«. Pest. Vergangenen Samstag wurde daS übliche Synagogen - Gebet für Sr. Majestät den Monarchen und für daS Vaterland wieder in ungarischer Sprache von! Herrn Ober-Cantor M. Friedmann vorgettagen. Diese Tage verläßt eine Schrift: ״A’ magvar izraelita 1860-ik evben" von Herrn Rabbiner Leopold Rokonstein die Presse. O «Pest! Naplü" vom 4. d. M. bringt einen ״Leopold Löw, Oberrabbiner" in Szegedin Unterzeichneten Auftuf zur Wiederbegründung deS früher bestandenen Izraelita magyar sgylet. — Es ist diese Idee, wie wir sicher wissen, schon bereits ftüher aufgetaucht und sollen auch in Pest Schritte zu diesem Zwecke geschehen. — 8. Szegedin. Die hiesige städt. Eommune hat für die iSraelit. Hauptschiile einen jährlichen Beitrag von fl. ö. W. bestimmt. — DaS Ge bet für Fürst und Vaterland wird in der Synagoge in ungarischer Spracke verrichtet. — *y Mit größtem Vergnügen. (:»etv