Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Journal
- Allgemeine illustrirte Judenzeitung
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- 12 (29.10.1860)
- Date
- 1860-10-29
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-~H 91 »♦-- tSr habe diese Ansicht dem Porstande mitgetbeilt, mit dessen Znstimniung nnd Einvelftändniß er nun gegenwärtige Frage an S. richte." — Tiefer Antrag klang allerdings sehr ehrenvoll nnd schmeichelhaft, nnd ן war bei oberflächlicher Erwägung einladend genug. Abgesehen von der ma- > teriellen Seite, die der Familienvater nicht außer Acht lassen durfte, war ja überdies Ungarn tanialö das Eldorado, wohin der mährische Jude auS sei-! ner von ״Familienpatenten" Verordnungen über heimliche Eben, ״jüdische! Berzchrungssteucr" Familienstever u. s. w. verdichteten Athmospltäre gerne das Auge richtete. Doch war Schwab in peinlichster Verwirrung und von guälendsteui Zweifel befangen und wußte kau», was auf den Antrag;n er-! wicdern. —! Tie reiche Handelsstadt Pest war wohl gekannt, so wie auch daß > wohlhabende Israeliten schon in großer Anzahl daselbst wohnten. Tie Ge» meinde Pest aber, als solche, in dem Sinne nämlich, wie dieses Wort nach den Ansckaniingen des aus der alten Schule bervorgegangenen Rabbiners WeAh und Bedeutung erhält und dem Rabbinate Würde nnd Anscken giebt, war noch wenig oder gar nicht gekannt, und neben der altberühmtcn Schwester- oder vielmehr Muttergeuieinde Alt-Ofen. kaum genannt worden- — Was denn doch von ihr verlautete, war gerade nicht geeignet, besondere Lüsternheit nach dem Rabbinatsposten zu erregen. *) Schwab wußte nämlich daß bereits im Jahre 1827 eine Fracticn, der Verein ״Ehcffed-Reurim," einen Gottesdienst, nach An des in Wien bestehenden, eingerichtet hatte nnd dadurch in der ohnedies liur locker zusammenhängenden Gemeinde eine tiefe innerliche Spaltung hervorgerufcn worden. — Taß diese ״Ehorschule", welche bereits im Jahre 1830 aus ihrem ersten engen Locale in die Nachbarschaft der --lten Synagoge übersiedelt hatte, später i. I. 1834 aus dem Sladiuni eines Parthei-Institutes in das einer gleichberechtigte» Gemeinte-Sh»׳ agoge getreten, war zum Theil noch nicht so allgemein bekannt, noch auch war das dadurch gestaltete Berhältniß der beiten Gotteshäuser zu einander und die hierauf beruhende Stellung des zu berufenden Rabbiners dem Ferncrstehcndcn klar und faßbar genug. Sollte dieser blos dazu berufen sein, Aufsicht über ״Koscher" Fleisch zu üben und die alltäglichen Ritualfragen zu entscheiden? Sollte seine Wirksamkeit sich bloß ans die alte Synagoge erstteckeu und er dem, rem sogenannten neuen EultuS zngcwendcte» Theile der Gemeinde gänzlich ferne stehen, oder sollte das Gewicht vorzugsweise aus den Beruf als Prediger gelegt und vom Rabbiner nur der Titel gewünscht werden? Tiefen und ähnlichen Bedenken, namentlich dem Zweifel, ob denn die gcsammte Genieinde sich so leicht zur Wahl einer Persönlichkeit vetständigen könnte, gab Schwab iiiiverhrlenen Ausdruck iu sciueui eisten Aiilworlschrciben an Rosenthal, woraus wir besonders folgende Aeußerung über sich sclder nnttheilen: ״Meine Bo,träge"— er spricht von den Traschoth — ״sind ״keine nach den Regeln der Kanzelberedsamkeit zugeschnittene Rede», die de» ״Grundsätzen rer Rhetorik voUkoniincn entspreche», aber reffen und der ein- ״gewobenen Erklärung vieler Schrift- und Talniudstellen ungeachtet, dennoch ״lichtvoll, zusaiumenhängenk, ohne üppige Auswüchse einer spitzfindigen Epe- ״gcse, und gleich weil von mystischem Unsinn wie von einer blos oberfläch ״lichcn wässrigen Moral entfernt, und können, wie niich mehrjährige Ersah- ״rung überzeugte, auch den ästhetisch gebildeten Zuhörer befriedigen; ja sie ״dürften vielleicht eben ihres polemischen nnd exegetischen Eharakterö wegen, ״und tveil auch dem Scharfsinne darin Rechnung getragen wird, von eben ״so wirksamer Natur sein als manche nach den strengsten Kunstforderungen ״abgefaßten Erbannngsreden" rc. re. Aber — fügte er hinzu — ich habe den größereu Theil meines Lebens mit taluiudischen Studien zugebracht, war auch stets von den herkömmlichen Funktionen des Rabbiners in Anspruch ge nommen, und niag mich daher nicht in die Reihe der geschulten Kanzelredner stellen, wenn etwa Euere Genieinde einen solchen in niir zu finden dächte. — Wohl mühte sich R. in seinem daraus erfolgten Schreiben, Schwab über alle Fragen befriedigenden Aufschluß zu geben, dessen Bedenken und Zweifel zu zerstreue», die Spaltung in der Pester Gemeinde als eine unwesent liche zu bezeichnen und das Berhältniß des künftigen Rabbiners in allen seinen Modalitäten so darzustellen, wie solches wirklich später festgesetzt worden. *; Tech hatte S opher für eine» Sohn des berühmten R. Akiba Eg er sich verwendet, und waren von Broby au« Schritte für den bekanntcn verstorbenen ׳Gesehrlen Ebajeß, Rabbi in Zotkiew, geschehen. — Doch zu lebhaft war in Sckwab's Gcmüth die Borstellung der Schwierigleite», auf einem ihm bisher so fremden Boden, unter gänzlich verschiedenen Eultur- und socialen Berhältniffen ein neues Leben nnd Wirken zu beginne», inmitten zweier Partl^eien, ',כד אחת צא תאמי־ ל t:t, deren jede leicht und bald den Rücken wendet dem Manne, der nicht in Allem unbedingt sich ihr anznschlicßc» geneigt ist. Diese Besorgnisse waren durch die Mittheilungen seiner mit den Bcrbältnisscn in Pest einigermaßen bekannten Proßnitzcr Freunde und Bertrauten nur noch gesteigert worden. Dazu noch dort das Litten und Drängen und Beschwören von allen Seiten, daS Hinweisen darauf wie kurze Zeit er erst in ihrer Mitte gelebt, die herzlichen Liebesbeweise nnd die Aeußerungcn wärmster Anhänglichkeit; —־ und Schwab gab den ablehnenden Bescheid nach -Pest: r.E כייב ל' 7־״־. Damit war aber die Angelegenheit nicht beendet. Eben in die Zeit jener Berhandlnngen war die cnvähnte Trauerseicrlichkeit nnd die Abhaltung der genannten Predigt gefallen. Hatte letztere in Schwab's Gemeind^ gerechtes Aussehen erregt n»d das Berlangen ihn zu behalten gemehrt; so war sie auch in Pest nick't unbemerkt geblieben. — In wie ferne Schwab selber durch diesen Versuch sick seiner Fähigkeit mehr bewußt worden, können wir nicht angcben; seine ablehnende Antwort nach Pest war nach Veröffentlichung der Rede abgegangcn. Daß letztere aber in Pest nachhaltige Wirkung hervorgebracht, ist unbestreitbar.!— Denn nicht nur wurde» von dem als Repräsentanlen der Alten anznscl,enden S. Rosenthal die Vorstellungen fortgesetzt; sondern es begann nun erst ans dem anderen Lager in Pest ein wahres Stürmen nnd Drängen um Schwab. — Ter »in die Organisirung und Kräftigung des GemciutewesciiS und um de» Bestand der trefslicksten Einrichtungcn in Pest hochverdiente, verstorbene Gabriel Ullman» miternalnn es nun in einer Reibe -der kräftigsten, wärmsten und herzlichste» Zuschriften Schwab von seiner vorgefaßten Meinung abzubringen und zur Annahme des RabbinateS geneigt zu machen. — ״Ich gestehe cs Ihnen frei nnd offcn" — schrieb U. am 25. Mai 1835, — ״entweder Sie werden »user ״Rabbiner oder wir erhalten keinen" ... ״Daß wir Gott sei Tank in Ihnen ״den erwünschten Mann gcfnndcn, konnten wir uns durch... nnd außerdem ״auch durch Ihre am 28. März abgchaltene Trauerrede sattsam übcrzcn- ״gen. — Diese von verschiedenen Seiten kommenden Zeichen cinmütbigcn Vertangenö konnte» nicht verfehlen auf Schwab tiefen Eindruck zu machen. Aber noch hatte er nicht die Aenderung seiner AnsiMten bestimmt ausgesprochen,! da kam schon ei» vom Hi. August!835 datirteS, von den beiden Vorsitzern! G. Ullmann nnd I. Kadisck, so wie von den 3 Vorstehern Zs. Breisach, Is. Rosenthal und LR. L. Rosenfelt unterfertigtes änitliches Schreiben mit; der Anzeige, daß in der gestrigen Versainiuliing des ans b2 Personen be j stehenden Repräsentanten-Körpers Schwab einstimmig, mit Acclaniation - zum Rabbiner gewählt worden; nnd ehe noch Schwab wegen eine« zeit-; weilige» Leidens anders als durch fremde Hand seine Einwilligung zur An ' nähme des Postens anskrücken konnte, traf auch schon Anfangs September i die aus den beiden Herren, Leon Prllak und I. H. Xassowitz, bestehende Tcpntation in Proßnitz ein, um nach hcrkömnilichcr Weise de» hebräisch abgc ׳ faßten ״RabbinatsBrief" zu überreichen: welchci» Actensincke, nach Ordnung I einiger Einzelnheiten, bald anck eine deutsche förmliche Anfnahmsurknnte ' folgte. — , In Proßnitz wurde» die Versuche, Schwab an den Ort z» fesseln nur mit schwerem bekümmertem Herzen anfgcgebc». Die darüber getränkte Empsind-! lichkeit unk augenblickliche Gereiztheit schwand bald und machte ivieder den bisherigen nur nock gesteigerten freundlichen Beziehungen Platz. Mit dein . Cckmerzc über das Scheiten des geliebten Lehrers ward ihm nur die sinnigste! Theilnahme für sein ferneres Wohlergehen geäußert, und das Vertrai/cn, daS er in Betreff aller Gemciudeangelegenheiten stets genossen, gab sich auch jetzt zu erkennen. Während die Anfnahme eines neuen Rabbiners in Anwesenheit des scheitenden ehemals nur als Belcidignug des letzteren angesehen ward, geschah's jetzt in Proßnitz nur niit-Znratkcziehcn und Zustinnnnng Schwab's, daß mit Joachim Pollak in Trebitsch Verhandlungen angeknüpft wurden; und nach dem Scheitern derselben wurde auf seine Empfehlung Fasset, vorerst nur als RabbinatS-Verweser, gewählt. — Mit der Erledigung ämtlicher und Privatangelegenheiten, mit den nothwendigen gesetzlichen Schritte» zur Uebcrsiedelung, mit Abschieden von der Stätte seiner Geburt und von der Gemeinde, die ihn zuerst zum Rab- *