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Der jüdische Handwerker · 1936-12-01 · 12 (12.1936) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Handwerker
Volume
28 (1936)
Issue
12 (12.1936)
Date
1936-12-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Was indessen den jüdischen Mittelstand anbetrifft, so hat hier diese Grenzziehung kaum mehr praktische Bedeutung. Deiin die Zahl der jüdischen Fabrikanten, Großkaufleute usw., die auf» Grund ihres großen Kapitalbesitzes, als in einem wirtschaftlichen Gegensatz zum Mittelstände stehend angesehen werden müßten, ist heute so gering, daß sie füglich außer Betracht gelassen werden können. So bleiben als Angehörige des jüdischen Mittelstandes alle jenen breiten Schichten der im Handel, Handwerk und Gewerbe selbständig Berufstätigen übrig, die heute in noch höherem Grade als früher die Mehrheit und den eigentlichen Kern der in Deutschland lebenden Juden bilden. Die Volks-, Betriebs- und Berufszählung von 1Q33 zeigt uns, daß damals von den rund 240 000 hauptberuflich erwerbstätigen jüdischen Menschen mehr als 61u/o in der Wirtschaftsabteilung „Handel und Verkehr" und weitere "23To in der Wirtschaftsabteilung „Industrie und Handwerk" tätig waren. Rund 84«o aller jüdischen Erwerbstätigen gehörten also im Jahre 1933 diesen beiden großen Wirtschaftsabteilungen an. in den drei anderen Wirtschaftsabteilungen, die , in 3er amtlichen Statistik unterschieden werden, nämlich in der „Land- und Forstwirtschaft", den „öffentlichen und privaten Dienstleistungen" und den „häuslichen Diensten" waren zusammen' noch nicht 16°o der jüdischen Erwerbstätigen registriert. Dieses Verhältnis hat sich seit dem Jahre 1933 sicherlich noch bedeutend in der Richtung einer weiteren Zunahme des Anteils der beiden Gruppen „Handel und Verkehr" und „Industrie und Handwerk" verschoben. Denn durch die Judengesetzgebung der letzten Jahre sind bekanntlich in erster Linie öffentliche Beamte und in freien Berufen Tätige betroffen worden. Nun gehören freilich nicht alle in Handel, Verkehr, Industrie und Handwerk Erwerbstätigen zum Mittelstande. In diesen Wirtschaftsgruppen befinden sich vielmehr auch die breiten Schichten der kauff männischen und gewerblichen Angestellten und Arbeiter, die in organisatorischer Hinsicht nicht zum Mittelstande gezählt ' werden dürfen. Andererseits gehören aber zum selbständigen Mittelstande auch viele, die in durchaus mittelständischen freien Berufen tätig sind, und ihrer Einkommenslage wie ihrer Tätigkeit nach dem Mittelstande sehr nahe stehen. Man wird nach alledem sicher nicht fehlgehen, wenn man feststellt, daß erheblich mehr als die Hälfte aller in Deutschland erwerbstätigen Juden dem Mittelstande angehören I und mit ihm auf Gedeih und Verderb verbunden sind. Das wirtschaftliche Schicksal des jüdischen Mittelstandes ist hiernach eine Frage, die für <lie künftige Existenz der in Deutschland ansässigen Juden von entscheidender Bedeutung ist. Erhalten und schütaen aber kann sich eine wirtschaftliche Gruppe 1 nur aus eigenem Willen und aus eigener Kraft. Darum muß die Erhaltung des jüdischen Mittelstandes im Mittelpunkte jüdischer Arbeit stehen. AU in Jahre 1933 der „Reichsvcrba id des Jüdischen Mittelst indes" gegründet wurde, sollte nicht etwa eine neue jüdische Organisation zu den vielen anderen hinzugefügt werden. Aufgabe und Ziel der Verbandsgi ündung war vielmehr die Eihaltung der Daseins- und Arbeits nöglichkeiten einer-Schicht jüdischer Menschen, die schon Jamals die Mehrheit der in Deutschland erwerbstätigen Juden umfaßte, und von deren Leistungsfähigkeit auch die künftige Existenz eines großen Teiles der anderen Wirtschaftsgruppen angehörenden Juden (zj B. der Angestellten, Gehilfen, Arbeiter usw.) abhängig ist. Es ist heute noch zu früh, übedie Ergebnisse der organisatorischen und wirtschaftlichen Arbeit des Reichs Verbandes des Jüdischen Mittelstandes zu »prechen, die bekanntlich in enger Gemeinschaft mit einer weit älteren jüdischen Mittelstandsorganisation, nämlich mit d<!tn „Zentralverband jüdischer Handwerker Deutschlands" durchgeführt wird. Diese Arbeit hat erst begonnen, und die Aufgaben, vor denen die jüdische Mittelstandsorganisation steht, sind so ungeheuer groß und so schwierig, daß man auf das, was schon geleistet worden ist, hier nicht zurückzukommen braucht. Gelöst aber können die Aufgaben nicht werden ohne die tätige urtd opferbereite Mitarbeit derjenigen, für die sie geleistet werden soll. In Zeiten gewaltiger Umwälzungen auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens fällt uns nichts ohne Arbeit und Opfer in den Schoß, nicht einmal Existenz- und Arbeitsmöglichkeit. I Die Selbsthilfe des jüdischen Mittelstandes ist es allein, die dem einzelnen wirtschaftend« n Menschen Stütze und Schutz geben kann. Diese große schützende Standesgemeinsethaft des jüdischen Mittelstand« ist vorhanden, aber "sie kann erst durch den Anschluß aller, für die sie tätig sein will, zu jener allumfassenden organisatorischen Schutzhütte ausgebaut werden, die wir brauchen. Der jüdische Mittelstand bildet gegenwärtig noch mehr als früher eine natürliche wirtschaftliche Einheit. Innere Gegensätze und Schwierigkeiten sind in seinen Reihen nirgends zu finden. Die einzelnen Berufe und Betätigungszweige g eifert im Gegenteil vielfach ineinander über. Der Handwerker braucht eine eigene Verkaufsstelle für seine Produke und kann daher ohne kaufmännische Kenntnisse und Betätigung nicht mehr auskommen. Der Einzelhändler hat sich häufig spezialisieren müssen. Er muß darum größere 3ranchen- und Fachkenntnsse besitzen, sich mit technischen und handwerklichen Fragen beschäftigen. Handel, Handwerk und Gewerbe sind n iteinander wirtschaftlich so eng verflochten, daß die organisatorische Einheit einer besonderen Begründung nicht-mehr bedarf. . Die Einheit im jüdischen Mittelstande ist schon 1; ngst eine gegebene Tatsache. Man muß nur die Folgerung aus ihr ziehen, so nahe wie möglich aneinanderzurücken, um s ch gegenseitig wirksam helfen zt können.

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