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Handwerk und Gewerbe · 1916-08-01 · 1. u. 2. August-Heft · p. [Seite]

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Journal
Handwerk und Gewerbe
Volume
9 (1916)
Issue
1. u. 2. August-Heft
Date
1916-08-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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1. u. 2. August-Heft HANDWERK UND GEWERBE 279 das blaue Band der Treue, der gegenseitigen Hilfsbereitschaft, der guten Kameradschaft — Einer für Alle, Alle für Einen — schlang sich von Seele zu Seele. Ob der Erkenntnis dieserGröße, dieser Erhabenheit kamen mir Tränen in dieAugen. Aeußerlich trat der Gemeirsamkeitsgedanke zuerst am 19. Juli in Erscheinung im Norddeutschen Reichstag, wo fast einstimmig 120 Millionen Taler. für Kriegszwecke bewilligt wurden. Die Mobilmachung, die Verpflegung der durchziehenden Truppen, die Einziehung der Reserven usw. boten dieselben Bilder wie 1914. Am Abend des 2. August lief die Nachricht ein, daß Saarbrücken den Franzosen preisgegeben worden sei. Selbstverständlich wirkte die Hiobspost bedrückend auf uns ein. Als jedoch am 4. und 6. August die Siegesnachrichten von Weißenburg und Wörth eintrafen, herrschte großer Jubel. Wijdfremde Menschen umarmten sich unter Freudentränen. Von allen Häusern wehten Flaggen; in allen Fenstern brannten zahlreiche Kerzen und die Glocken läuteten. Die Bevölkerung versammelte sich auf dem Marktplatz und Burgplatz, die beide durch Fackeln beleuchtet wurden. Aus vielen tausend Kehlen zugleich erklang das Te Deum laudamus. Weihevoll schwebten die Töne nach oben zu den Stufen des Trones des Höchsten, der 3. Mose, 19, geboten hat: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!" Hatten die Damen bisher sich nur um das Hauswesen und um die Vorbereitungen zu den verschiedenen Familienfeiern und öffentlichen Festen bekümmert, so sorgten sie jetzt mit demselben Eijfer, mit Herzensliebe und innigem Mitleid für das Heer. Sie suchten alle alte Leinwand hervor, saßen in Zirkeln zusammen und zupften Scharpie, nähten Verbandszeug für die Verwundeten, strickten Strümpfe, Handschuhe, Leibbinden lür die Kämpfenden und sammelten und versandten Liebesgaben. Eine der wichtigsten Erfindungen dieses Krieges war die Erbswurst Das leicht zu versendende, fix und fertig im Tornister mitzuführende, kräftige Mittagsbrot hat unseren Truppen die wichtigsten Dienste geleistet. \ . Das 2. Westfälische Husaren-Regiment, die Düsseldorfer Grünen, die 1907 als „Tanzhusaren" nach Krefeld kamen, mußte doch schneller ausrücken, wie mein bisheriger Meister angenommen hatte. Auf dem Bahnhof tranken wir einen" Abschiedsschoppen und drückten uns die Hand. Wenige Wochen später kam ein ihm gesandtes Liebesgabenpaket an mich , zurück mit der Aufschrift: „Fürs Vaterland gefallen" . . . . Auch die beiden Söhne des Postillions Schmitz, die bei derselben Schwadron standen, waren auf dem Felde der Ehre geblieben. Durch das Ausrücken meines Meisters war ich stellungslos geworden. Die Bautätigkeit wurde eingeschränkt und die Privatkundschaft erteilte auch keine Aufträge mehr. Wo sollte ich nun eine neue Stellung finden? Handwerker und Bauarbeiter befanden sich in einer sehr unangenehmen Lage. Handel und Gewerbe stockten. Dazu stiegen die Lebensmittelpreise um etwa 15 Prozent. Man mußte sich bemühen, einen anderen Beruf zu ergreifen, wollte man nicht hungern. Aber welchen? In jedem Berufe wurden nur fachlich geschulte Kräfte verlangt Das war eine schwierige Lage. Die paar ersparten Taler wollte ich nicht aufessen. Mißmutig schlenderte ich eines Tages die schöne Königsallee entlang. Plötzlich brüllte eine tiefe Baßbierstimme hinter mir. „Hailoh! Herr Malermeister! Heute so stolz? Sie kennen wohl keine kleinen Leute mehr?" Erschrocken wandte ich mich um und blickte in das gerötete Gesicht des Gastwirts Jansen, für den ich verschiedene Arbeiten ausgeführt hatte. Er stand am geöffneten Fenster seiner Gastwirtschaft und lud mich zu einem Spezialchen ein. Ohne mich lange zu Worte kommen zu lassen, erklärte er mir, daß er schon lange ah mich gedacht hätte. Seine Kellner seien eingezogen worden, Ersatz schwer zu finden, deshalb rate er mir, bei ihm Kellner zu werden. Ich willigte ein und war 2 Monate lang als Kellner tätig. Zunächst verdiente ich sehr viel Geld. Nach etwa 2 Monaten ließ das Geschäft aber nach, sodaß ich mich von Jansen verabschiedete. Schon vorher hatte ich erfahren, daß die Dampfschiffahrtsgesellschaft, deren Dampfer zwischen Köln und Holland verkehrten, Kohlenschipper suchten. Dort meldete ich mich und wurde auch gleich eingestellt- Meine Tätigkeit bestand darin, im Dampfer die Kohlen vom Kohlenraum zum Heizraum zu befördern. Ein Rheindampfer ist kein Ozeandampfer und so war die Tätigkeit nicht gerade übermäßig anstrengend. Ich erhielt neben freier Station täglich 25 Silbergroschen. Nebenbei machte ich kostenfrei die Reise nach Holland mit, was mir natürlich nicht unangenehm war. Unterwegs wurden Reisende und Waren ein- und ausgeladen. Dadurch lernte ich die Menschen, die Gegend und den Güteraustausch zwischen Holland und Deutschland kennen. Auf die Dauer belästigt aber der Kohlenstaub die Atmungsorgane des Menschen. Deshalb legte ich nach der zweiten Reise im Dezember 1870 diese Arbeit nieder, schnürte mein Ranzel und ging auf die Wanderschaft. . . . » Ich beabsichtige nichts weniger als eine Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges zu schreiben und den Herren Geschichtsforschern und Schreibgewerblern, die sich mit diesem Gegenstande beruflich , befassen, das Brot zu schmälern oder ihnen ins Handwerk zu ipfuschen. Nein, ich will lediglich durch Aufzeichnung von Tatsachen zeigen, welche Veränderung jener Krieg im bürgerlichen Leben und in der Erwerbstätigkeit hervorgerufen hat. Vielleicht lassen sich daraus Schlüsse für die Jetztzeit ziehen. Wäre ich ein professioneller Scbreibersmann, dann müßte ich den von Sieg zu Sieg bis zum Einmarsch der Truppen in Paris am 1. März 1871 sich steigernden Jubel der Bevölkerung schildern, müßte ein packendes Gemälde .der Wiedergeburt des Deutschen Reiches, der Kaiserproklamation zu Versailles am 18. Januar 1871 ausmalen, müßte eine fesselnde Beschreibung des Einzuges der siegreichen Truppen in Berlin am 16. Juni 1871 hierhersetzen. Gereehterweise müßte ich dann auch der 40 000 Toten und 90 000 Verwundeten gedenken, die in den 180 Kampftagen das Opfer des Krieges wurden. Müßte neben Siegesglocken Totenglocken klingen, neben Jubelhymnen Grabgesänge singen lassen und zwischen Siegesguirlanden Totenkränze einflechten. Das liegt aber alles nicht in meiner Absicht Nur persönliche Erinnerungen will ich niederschreiben. Am 16. Juni 1871 hatte ich meinen Einzug in Berlin gehalten und gleich Stellung gefunden. Am ersten Tage hatte ich die Fassade eines alten Hauses auf der Schloßfreiheit ' mit Oelfarbe zu streichen. Schloßfreihatt hieß jene kurze Straße zwischen Schloßgarten und Lustgarten — gegenüber dem Schloß — die nur einseitig mit hohen schmalen Häusern bebaut war und die später dem Kaiser Wilhelm-Nationaldenkmal platzmachen mußte. Es war Mitte Juni, kurz vor Einzug der siegreichen Truppen. Im Erdgeschoß des Hauses befand sich eine Gastwirtschaft in der ich mein Mittagsbrot einnahm. An einem runden Seitentisch, über dem wagerecht ein riesiges Messer mit der Aufschrift: „Hier wird nicht aufgeschnitten" hing, saßen die Stammgäste. Sie unterhielten sich lebhaft über den Gegenstand, der damals allen Biertischen viel Unterhaltungs- und Streitstoff lieferte, nämlich die 5 Milliarden Kriegsentschädigung. Der Droschken-Fuhrherr Lehmann meinte: Wenn .ick meinen Anteil ausgezahlt kriege, lasse ick von meine beeden ollen Zossen Knackwürste fabrizieren un' meinetwegen in'n Lustgarten als echte Frankfurter verkoofen. Ick setze nur in Ttmpelhof zur Ruhe." „Na, na" äußerte der Ladenbesitzer Ermler skeptisch „wat denkste denn, wie ville Du von die. Milljärder abkriegst?" „Wie ville? Na uff jeden von uns kommen mindestens fünfdausend Daler. Wofür ham wir denn sonst Krieg geführt? Det, laß' man Bismarcken seine Sorge sein. Der wird det schon machen." „Mit der Hälfte biste doch ooch zufrieden, Wittern?" fragte der Sechsdreierrentier Nünnicke. „So ville kann man sich ja gar nien. ausrechnen uff den Kopp der Bevölkerung." „Ach wat", schrie Lehmann erbost und schlug mit der

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