Handwerk und Gewerbe
- Journal
- Handwerk und Gewerbe
- Volume
- 9 (1916)
- Issue
- 1. u. 2. Juli-Heft
- Date
- 1916-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4883069-5771070-5771137--186-4883649- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
HANDWERK UND GEWERBE 1. u. 2. Juli-Hett Der russische Markt ist, in den Ucbergaiigsjahreu wenigstens, dem besetzten Gebiete verschlossen, der deutsche Markt ihm aber noch nicht geöffnet. Ob und wie nacli Friedensschluß das Handwerk des einstigen Ghetto den Anschluß an den voraussichtlich jenseits einer Zollgrenze liegenden — Markt der früheren Heimat wieder finden wird, bleibt abzuwarten. Vielverheißend sind die Aussichten nach dieser Richtung gewiß nicht. Wird aber, was wir im politischen, jüdischen und rein menschlichen Interesse alle hoffen und wünschen, das Polenland auf diese oder jene Art ein Teil des Kulturbodens der Zentralmächte und somit auch industriell mit ihm. eng verknüpft bleiben, so wird alles andere eher dabei profitieren, als das jüdische Handwerk, dieweil es mit seinen primitiven Mitteln weder mit' der Produktion in Deutschland und (Oesterreich konkurrieren kann, noch als Lieferant bei den Ansprüchen der dortigen Großbetriebe in Betracht kommt. Zudem darf nicht übersehen werden, daß in dieser langen Uebergan<;szeit, die mit Beendigung des. Krieges noch lange nicht /uro Abschluß gelangen wird, da dem jüdischen Ha«dwi rker nach rechts und nach links alle Wege verspcjrrt waren und er, um sein Dasein zu fristen, zu allen möglichen Beschäftigungen greifen mußte, das jüdische Handwerk nicht gerade innerlich stärker, leistungs- und widerstandsfähiger geworden ist 1 "Die Zukunftfrage des jüdischer» Handwerks ist somit eine sehr ernste. Das jüdische Handwerk in Polen und Litauen ist auch schon darum mehr auf den russischen Markt angewiesen, weil es nach Art und Lntwickelung mehr auf den primitiven östlichen als auf den verfeinerten westlichen Geschmack eingestellt ist. Es ist interessant zu vernehmen, wie wenig sich dort die Juden mit dem besseren und Kunstgewerbe befassen, wie sie vielmehr ihre Arbeitskraft zumeist auf die Dinge des täglichen Bedarfes verwenden. Bis vor kurzem bildeten die Uhrmacher ein Prozent der jüdischen Hat i|Herker, die Juweliere, Goldschmiede, M e c Ii a n i k e r usw. erreichten nicht einmal diesen Prozentsatz, während die Schneider, Schuhmacher, Kirsrhner, Millzenmäclier usw. üb e r .50 P r ozent der jüdischen Handwerker ausmachen. Diesen steht, aller Voraussicht nach, eine schwere Ze-t bevor. Auf den urväterlichen Zustand des Kundenkontingentes können sie beim Anschluß ihrer Heimat an die Kulturwelt nicht mehr rechnen, das Absatzgebiet wird ihnen aber beschränkt und der Konkurrenzkampf unermeßlich erschwert. Im besten I alle wird eine Reihe von Jahren darauf gehen, bis sich das jüdische Handwerk den neuen Verhältnissen ganz angepaßt haben wird. Und dennoch kann es nicht ausbleiben, daß ein heller Lichtschimmer der neuen Kulturepoche auch auf das jüdische Handwerk veredelnd fallen wird. Die soziale Stellung des Handwerkers, der sich bis dahin nur in den. Niederungen» des Lebens belegen durfte, wird im Anschluß an die Welt, wo Arbeit, Fleiß und Gewerbe in höchsten Ehren stehen, gehoben. Schulen, Fortbildungskurse, technische Lehrgelegenheiten werden für eine bessere aligemeine und berufliche Ausbildung des Handwerkers sorgen, und man wird auch in den jüdischen Kreisen nicht umhin können, den Handwerker mit anderen Augen anzusehen. Vielleicht ist damit die. Zeit gekommen, eine an ihm begangene schwere Schuld, die sich in .den letzten Jahren bitter gerächt hat, gut zu machen. Besonders in chassidischen Kreisen, aber nicht minder in Rabbinerkreisen im angeblich stolzen, strengen, verstandsklaren Litauen man denke nur an Rabbi Israel Salanter 5 ä* — hat'man immer schon die Notwendigkeit erkannt, sich dem einfachen Manne aus dem Arbeiter- und Handwerkerstande zuzuwenden und ihn mehr für die jüdische Sache zu gewinnen. An gutem Willen hat es in dieser Beziehung in Rußland nie gefehlt, eher an den tauglichen Mitteln. Es fehlte das System, die Methode, die O r g a n i s a t i o n. Es fehlte die Schule, die das Chedcr ergänzen sollte, es fehlte die g e s u n d c V o I k s I i t e r a t ti r. Die Zeitungen und Bücher in der jüdischen Volkssprache vertraten entweder zu einseitig den nationalen Standpunkt oder brachten neue, nie gekannte Begriffe aus einer fremden Welt, richtiger, sie wai fc» n e u e Wort e in die jüdischen Massen, die, je weniger sie in ihrer tieferen Bedeutung verstanden wurden, umsomehr Verwirrung anrichteten. Die politische Entrechtung, die die Herzen mit Haß und Erbitterung erfüllte, gib den Rest.- So wurde denn die junge Arbeiter- und Handwerkergeneration von allen Seiten in die Arme der Opposition getrieben. In Zeiten materieller und geistiger Not fehlte ihr der religiöse Halt, an dem sie sich hätte aufrichten können. Hier muß jetzt die Hilfe von jüdischer Seite einsetzen. Mit dem Bildungsproblem des jüdischen Handwerkers entsteht für uns das Problem seiner jüdischen Aus- und Fortbildung und darf n i-c h t lange Problem bleiben. Der besser gebildete, in einer freien Umgebung sich bewegende jüdische Handwerker wird fürdie jüdische Sache weit leichter zu gewinnen sein, als der aus der russischen Zeit, vorausgesetzt, daß wir nicht zu spät kommen. Hanclwerkerscliiilcn nach der Art, wie wir sie anderwärts schon besitzen, müßten an der Spitze unseres Programms stehen, dann die Schaffung einer guten, positiv gerichteten, gesunden und vor allem jüdischen V o 1 k s I i t c r a t u r. Nirgendwo hat die Zeitung ihre erzieherische Wirkung so gezeigt, wie im jüdischen Polen, bis jetzt leider nicht immer im guten Sinne. Es ist höchste Zeit, daß wir diese Mittel auch unserer Sache dienstbar machen. Es möchte uns bedünken, daß wir mit der Lösung dieser geistigen Fragendes jüdischen Handwerks nicht erst die Weiterentwicklung der Dinge abwarten dürfen, sondern jetzt schon beginnen müssen. Das Handwerk und die Juden. Von J. Hein. (Schluß.) Aus der Geschichte lernen wir, daß. im Handwerk der Korpsgeist immer eine große Rolle gespielt hat. Im Handwerkerstande läßt sich nur durch die Vereinigung, durch den Zusammenschluß Großes erreichen. Die Organisation ist es, die das Handwerk fördert und vorwärts treibt. Das Handwerk bedarf ferner eines gewissen Standesbewußtseins, wodurch verhütet wird, daß die Leistungen sinken und das Unterbieten in den Preisen ausartet. Wer das Handwerk heben und fördern will, der muß auf immer