Handwerk und Gewerbe
- Journal
- Handwerk und Gewerbe
- Volume
- 9 (1916)
- Issue
- 1. u. 2. Juni-Heft
- Date
- 1916-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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264 HANDWERK UND GEWERBE I. u. 2. Juni-Heft mir eine Zigarre nach der andern anzünde, wie ich mich da su recht gemütlich in die hlänliclieu Rauchwolken einhülle und dabei gemächlich im Bilderbuche meiner Erinnerungen blättere ach! da sehe ich plötzlich das kleine, heimliche Häuschen mit dem hohen, spitzen Giebel wieder vor mir es ist mir, als sei es erst gestern gewesen! Und schon 46 Jahre sind es her! ... Da sehe ich mich noch selbst nach der Tagesarbeit, frisch gewaschen und angezogen, am Fenster sitzen und die Zeitung lesen. Ja, auch sie, die Zeitung, hatte damals ein anderes Gewand — sie war nicht so umfangreich, wi*e heute — ihr fehlten die vielen und großen Anzeigen von heute und was darin stand, war nicht sonderlich aufregend kleine Tages-Ereignisse, knappe Berichte über politische Begebenheiten Napoleon, Kaiser Wilhelm, Benedetti, Bismarck . . . Da ich erinnere m;ch noch, wie heute —• werde ich, gerade im eifrigsten Lesen, von der Straße aus angerufen nach gemütlicher süddeutscher Art beim Vornamen. „Julius! Hollah! Julius!" ich btecke den Kopf, zum Fenster hinaus. Unten steht eine untersetzte, derbgesunde Matrone im weißen Häubchen, mit frischgewaschener weißer Schürze um die prallen Hüften. Die Hände zum Sprachrohr geformt, ruft sie mir zu: „Mir hau hück Riewkuchen. Wollen Sie Ritt mitessen?" Ich antworte: „Danke, ja, komme sofort!" Und beim letzten Wort bin ich auch schon auf der schmalen Treppe und blitzschnell hinab . . . * Denn Riewkuchen, Kartoffelpuffer, recht schön knusprig in Oel gebacken, hm, das kam meinem Maler-Appetit und meinem zwanzigjährigen Magen wie gerufen. Unten sehe ich wieder die beiden erwachsenen Söhne auf der bequemen Bank hinter dem Tische sitzen der eine Volksschullehrer, der andere erster Ladendiener -- — heute sagt man Verkäufer! — - in einem' bedeutenden Kolonial Warengeschäft.' Am Kopfende des blitzblank gescheuerten Tisches sitzt Mutter Schmitz in ihrem Korblehnstuhl, der jede ihrer Bewegungen mit beifälligem Knarren begleitet. Der Familienvater ist abwesend. Er mußte noch Extrapost fahren, was für ihn immer einen angenehmen Nebenverdienst bedeutete. Mutter Schmitz ihr Gatte nannte sie nur Marizzebillche i Maria Sybilla) - teilt die schön gebräunten Kuchen aus. Wir schmausen nach Herzenslust und lassen uns dazu den Kaffee munden. Nach dem Essen gehen wir vor die Tür, setzen uns auf die vor dem Hause stehende weiße Bank, zünden unsere Pfeifen an und besprechen die Tagesereignisse. Nebenan, egenüber, überall sitzen die Nachbarn und tun das gleiche. Es war ja Werktagsabend und an einem solchen war es damals, ausgeschlossen, daß wir Kneipen besuchten. Die Nachbarn besuchten sicii vielmehr hinüber und herüber. Wie es die verschiedenen Interessensphären so mit sich brachten, fanden sich nach und nach auch die Mitglieder des weiblichen Geschlechts auf einigen Bänken zusammen, während die vom „starken". Geschlecht sich auf anderen Bänken sammelten. Da wird geplauscht .und geschwätzt, poch plötzlich mitten in das Plaudern, Scherzen, Lachen hinein ertönt aus der Ferne ein Hornsignal: „Das Ganze halt!" Und gleich darauf, schnell näherkommend: „Mädchen aus Düsseldorf", weiter die Nationalhymne. Der Postillion tjläst es. Da kommt Leben und Bewegung in die weib: liehen Gruppen. Sie drohen - halb im Scherz, halb im Ernst dem in der Ferne mit seinem Postwagen schon ptwas sichtigen „Schwager" Schmitz mit den Händen und rufen ihm entgegen: „Ein netter Vogel, der sein eigen Nest beschmutzt. Als ob wir es nötig hätten, jedem Gecken nachzulaufen!" Doch Schmitz kennt seine Düsseldorfer Pappenheimer vom weiblichen Geschlecht. Schon ganz nahe, bläst er plötzlich und unvermittelt: „Wie gerne Dir I zu Füßen . . . ." Heiter lachen da die Schönen vom Rhein und sind wieder ganz besänftigt. Mutter Schmitz murmelt dazu schmunzelnd: „Ja, mein Tünnes, der hat's faustdick hinter den Ohren! . . . ." Elf brummende Schläge der Turmuhr machen dem fröhlichen Treiben ein Ende Man wünscht sich gegenseitig: „Gute Nacht zusammen!" Nach 10 Minuten liegt alles in den Federn und schläft den Schlaf der Gerechten. Ja, man schlief damals noch wirklich. Denn die schlafmordende Geißel der Menschheit, die Nervosität, die gab es noch nicht. Sie wurde erst später geboren, als das Eisenbahnnetz und der Welthandel sich immer weiter ausdehnten, als Wissenschaft und Technik unheimliche Fortschritte machten, als die Konkurrenz auf allen Gebieten sich zu maßlosem Wettbewerb steigerte, als dann weiter die Elekitrizität die Welt zu beherrschen begann, als mit einem Worte gesagt ein unruhevolles Hasten und Treiben die Menschheit immer mehr bemeisterte .... Die Bürger und nur von diesen schreibeich hier ' lebten zu damaliger Zeit bescheiden dahin, zufrieden mit sich selbst und dabei seelenvergnügt. An Sonn- und Feiertagen besuchten sich die Familien gegenseitig oder machten im Landauer, im Kremser, gemeinschaftliche Ausflüge, i Die Junggesellen hingegen unternahmen größere Fußtouren in die in Hochsommerschönheit prangende Umgebung. Alle lebten sie aber sparsam und rechneten mit dem Groschen. Wenn man Sonntags mal zwanzig Groschen ausgegeben hatte, machte man sich insgeheim schon Vorwürfe. Dagegen gehörte ein zweimaliger Theaterbesuch im Monat zum guten Ton. Meine Schwärmerei waren Klassikervorstellungen. Für 5 bis 10 Silbergroschen bekam man im Theater einen guten Platz. (Fortsetzung folgt.) 5iWC,,C'ia,'CMC,'i3^ | Hilm Büch er schau, mm | wC'CiiCC.OCi'ffi'Cii'ffin^^^ Haus, Garten, Feld. (Franckh'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, vierteljährlich 6 Hefte, Preis 75 Pfg.). Kriegsgärten. Es wird wohl viel von der erhöhten Kriegsausnützung der Schmuckgärten gesprochen, aber in Wirklichkeit geschieht recht wenig. Menschlich kann man es wohl verstehen, wenn jemand die liebgewordene Schönheit des Gartens nicht verlieren möchte, im Sinn der Kriegszeit ist es aber nicht. Vielleicht würde sich mancher zu einer anderen Ansicht bekehren, wenn er die Schmuckformen verschiedener Gemüse kennte, die das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, z. B. den Palmenkohl, die blutrotblätterige Melde, den japanischen Mais usw. Diese Schmuckformen der Gemüse werden in ausführlicher Weise behandelt in Heft 9, aus dessen Inhalt die „Gemüse- und Obstschädlinge im Mai" und „Futter, Pflege und Stall bei der Ziegenzucht" noch besonders hervorzuheben sind; Niedlich, Geschichte Israels. Ed. Peters Verlag, Leipzig. Geh. 1,60 Mk. Gegen die Moskowiter, von Dr. Kurt Floerike, Frankh'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart Geh. 1 Mk. Die gewaltigen Ideen Hindenburgs und seines Generalstabchefs Ludendorff zur Befreiung Ostpreußens werden in dieser Broschüre treffend zusammengestellt Das Masurenbuch von Fritz Skowronnek. Verlag Otto Janke, Berlin. Geb. 4 Mk., brosch. 3 Mk. Der beste Kenner des seenreichen Masurenlandes macht in diesem geschmackvoll ausgestatteten Buch den Leser mit allem Wissenswerten bekannt en-Annahme und Verlag: Dr. Bäsch & Co., Q. m. b. H., Berlin-Wilmersdorf, Nassauische Str. 24. - Verantwortlich für die Redaktion: Dr. Carl Bäsch, Wilmersdorf. - Druck: D. Feilchenfeld, Berlin SW 19, Beuthstr. 19.