Handwerk und Gewerbe
- Journal
- Handwerk und Gewerbe
- Volume
- 9 (1916)
- Issue
- 1. u. 2. Juni-Heft
- Date
- 1916-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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1. u. 2. Juni-Heft HANDWERK UND GEWERBF. 263 Berlin. Die Generalversammlung des Rabbinerverbandes in Deutschland tagte vom 8. bis 10. Mai. Anwesend waren annähernd 100 Rabbiner aus allen Gauen des Deutschen Reichs, auch die Feldgeistlichen Dr. Baeck, Levi-Breslau, Italiener nahmen an der Tagung teil. Budapest. Der bekannte Verteidiger im Tisza-Eszlaer Prozeß, Rechtsanwalt Karl von Eötvös ist im Alter von 74 Jahren gestorben. ^Er war der größte forensische Redner Ungarns. New-York. Der bekannte jüdische Dichter Scholom Alejchem (Sclialom Rabbinowitz) ist nach kurzem Krankenlager im 57. Lebensjahr verstorben. Er war einer! der. maikantesU-n Und viel' gelesenstcn Jargon-Dichter. Seine zahlreich erscH« renen Schriften zeichneten sich besonders durch originellen Stil und unverwüstlichen Humor aus Prcnzlau. D< in Kriegsfreiwilligen Ludwig Jacob;- iiv dir Sanjtätskompagme 3 (III. Armeekorps) wurde vom Großher/og von Oldenburg da; Friedrich-August Verdienst- Kreuz verliehen. Warschau. In VC arschau treffen sich die jüdischen' Soldaten regelmäßig Sonnabend abends 81/., Uhr, in der Mar Augielsky, Rymarska 7, zu kameradschaftlichen Zusammenkünften unter Leitung des Herrn Feldrabbmers Dr. A. Levy. Es werden in zwangloser Aussprache aktuelle Fragen des jüdischen Lebens besprochen. Jüdische Soldaten, die sich dauernd oder vorübergehend in Warschau aufhalten, werden auf diese Veranstaltungen hingewiesen. Roosevelt und der jüdische Knabe. In New York veranstaltete der jüdische Hiifsbasar einen großen Wohltätigkeitsabend, zu dem auch der frühere Präsident Roosevelt erschien. Nach einer beifällig aufgenommenen Rede machte Roosevelt einen Rundgang und traf dabei einen Knaben, der ein kleines deutsches Fähnchen auf "der Brust trug. Wütend fuhr ihn der Präsident mit den Worten an: ,llch denke, daß dieser Platz ein neutraler Boden ist," worauf der Knabe ebenso treffend antwortete: „Der Platz schon, aber nicht ich." Jüdische Volkszählung. Nach einer Statistik des amerikalisch-israelitischen Verbandes beträgt die Gesamtzahl der . uden 13 277 542, wovon 9 988 197 in Europa, 2 500 004 in \merika, der Rest in den anderen Erdteilen leben. 350413 Juden in Warschau. Eine von der jüdischen Gemeinde Warschau veranstaltete Volkszählung ergab, daß lieh am 15. Februar 350413 Juden in der Stadt befanden. Ein jüdisches Reichswaisenhaus. Die Gründung eines tochswaisenhauses für die Kinder gefallener jüdischer (rieger ist geplant. Die vorbereitenden Schritte sind Herrn Rabbiner Dr. Bamberger in Schönlanke übertragen. Um qie Höhe der erforderlichen Mittel, die Größe des Bauplatzes usw. festzustellen, wäre es wünschenswert, schon jetzt die Zahl der in Betracht , kommenden Kinder zu ermitteln, wozu die Synagogenvorsteher, Rabbiner, Lehrer und Kantoren Herrn Dr. Bamberger wichtige Hilfe leisten können. Der amerikanische Botschafter Morgenthau in Konstantinopel über Palästina. In einer Rede, die er neulich in der „Educational Alliance" hielt, sagte Botschafter Morgenthau: „Palästina ist der Stolz der Juden. Dort können sie zeigen was sie vermögen. Dort kann eine hochentwickelte Kultur, eine nationale Atmosphäre geschaffen, ein Einfluß auf die gesamte Judenheit ausgeübt werden. Dort können wir 2 eigen, daß Wir auch für uns etwas leisten können' . . I . Als ich die Kolonien Palästinas' besuchte, sah ich junge Juden, die tüchtig reiten konnten, frohe Gesichter gesunder und frischer Knaben und Mädchen, die nicht ihre Jugend in Geschäftsbetrieben zu vergeuden brauchen. Beim Anblick dieses glücklichen Landlebens gelangte ich zurUeberzeugung, daß Palästina — auch wenn es nicht vielen Millionen Raum bietet — doch ein jüdisches Kulturzentrum werden kann, in dem Juden ihre nationale Ueberlieferung weiter ausbilden können." Jüdische Industriearbeiter. Der Direktor der Magdeburger Motorenfabrik, der vor kurzem in Warschau verweilte, wendete sjch an die dortige Verwaltung der jüdischen Fach-Abendkurse für Metallarbeiter mit dem Ersuchen, ihm zwanzig Elektromonteure und so viele Schlosser, als die Kurse abgeben können, nach Magdeburg zu senden. WS*SN&^iRiii!&5*^^ % Unterhaltungsteil. S ft'iS&'gWS'lSSi5fr'SN^ Aus vergangener Zeit 1870-71. Aus Tagebuchblättern von J. L (Berlin). Eine neue Zeit ist im Anzüge ihr Inhalt wird im Weltkriege auf den Schlachtfeldern gehämmert urhl gi schweißt. Die Jüngeren von der jetzt lebenden Generation werden diese neue Zeit vielleicht noch lange durchlebt n; wir Alten müssen uns damit bescheiden, wie lange uns dies nocli vergönnt ist. Aber die neue Zeit, die jetzt noch nebelhaft in der Zukunft liegt, hat für uns alle etwas Gespenstiges; wir sehen nur Schatten und dunkle Umrisse davon, können aber noch nicht die Figuren und die Gesichter erkennen — noch nichts davon ist schon greifbar. Wie wird die neue Zeit aussehen, welches Gesicht wird sie zeigen? Wir wissen es ndch nicht und gerade dieses Ungewisse, Unbestimmte in unserer Zukunft hat einen eigenen Reiz, denn ein jeder malt sich die Zukunft jetzt aus, wie es ihm gerade am schönsten erscheint. Wer viel Phantasie besitzt, träumt wohl vom Himmel auf Erden, der nach dem Kriege kommen soll oder er denkt sich die Welt doch wenigstens recht angenehm verändert, wie er sie am liebsten haben möchte. Wir Aelteren hingegen, lassen jetzt gern unsere Blicke zurückschweifen; wir suchen aus der Vergangenheit zu ergründen, was wohl die Zukunft in ihrem Schöße bergen mag — wir schauen zurück und liebliche Bilder tauchen in dem Schatze unserer Erinnerungen auf. Damals, als wir noch jung waren . . . ja, ja, die Zeit kehrt nicht wieder, aber schön war sie doch! Wo war es doch gleich, damals vor 46 Jahren im Jahre 1870? Wars nicht am Rhein, am schönen lieblichen Rhein, wo mir das Jugeru'glück blühte' Wars nicht dort, wo die Wiege Heinrich Heines stand, des unvergeßlichen Dichters der Loreley? . Und \?ie ich da so sinnend dasitze und in seligen Erinnerunge'; an die Zeit damals schwelge . . .ich weiß nicht, es fallt mir da auf einmal Wortlaut und Melodie der Jieine'sc'-cn Weise ein : Ich weiß nicht, was soll es bedeutcr, Daß ich so traurig bin! Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Siin! Ja, ja, das Märchen aus, jenen Zeiten, Jas Bild der Erinnerung, wie es damals war, wie die Welt sich damals mir jungem Ungestüm zeigte, wie ich in meiner damaligen Unerfahrenheit die Farben der Welt sah! Schön war's doch gewesen, damals, da der junge -Wein blühte und das Herz noch feurig in mir schlug! Und jetzt, ja jetzt — damals Kriegsjahre, und jetzt wieder! . . . Ich wohnte bei dem Postillion Schmitz. Das aus Erdgeschoß und einem Stockwerk bestehende Häuschen, das Schmitz von meinem Meister in Pacht hatte,' lag in der Bolkerstraße, gegenüber Heinrich Heines Geburtshaus. Für das peinlich sauber gehaltene, gut-möblierte zweifenstrige Zimmer — eine Treppe hoch gelegen — zahlte ich mit Bedienung, Heizung und Frühkaffee monatlich drei Taler zehn Silbergroschen. Es war doch billig damals — gegen heute! . . . Während ich so, da ich dies niederschreibe, zur mitternächtlichen Stunde in meinem mollig durchwärmten, gemütlichen „Kontörchen" sitze — draußen heult der Märzensturm und große Schneeflocken legen sich auf einmal außen an die Fenster —, während ich mir es um so behaglicher mache, i