Handwerk und Gewerbe
- Journal
- Handwerk und Gewerbe
- Volume
- 9 (1916)
- Issue
- 1. u. 2. Januar-Heft
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 223 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4883069-5771070-5771129--139-4883605- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
i, Januar-Heft HANDWERK UND GEWERBE 223 im „März" Nur dann wird wenn allen die eichstagsabgeordneter Gothein schreibt zur pölnisch-jüdischen Frjage: )er moderne Staat will die Freiheit und das Selbstbestirrjmungsrecht aller seiner Staatsbürger, er ein lebenskräftiges Staatswesen bilden, Pflege ihrer Kulturgüter ermöglicht wird . - . . Jel weiter also ein polnisches Reich gegriffen wird, einen um so geringeren Anteil machen die Polen darin aus. Aber selbst bei der Beschränkung auf das sogenannte Kongreßpolen wäre der nichtpolnische Einschlag von 13.71 Prozent Juden, 4.42 Prozent Deulschen usw.. so stark, daß auf ihn starke Rücksicht genommen werden müßte. Eine Herrschaft der eiiien Nationalität über die anderen würde von vornherein den Keim nationaler Zwistigkeiten hervorrufen. Ein Staatswesen mit einer solch reichhaltigen Musterkarte von Nationalitäten bzw. Sprachstämmen, muß diesen im weitesten Maße die Freiheit und Pflege ihrer Muttersprache upid sonstigen Kulturgüter sichern. Die Gleichberechtigung aller Nationalitäten und'Religionen, die volle Freiheit des Gebrauchs der Muttersprache, das Recht auf Schulunterricht in dieser müßte verfassungsmäßig so festgelegt werden, daß es auch gegen [Verfassungsänderungen durch die' zu solchen sonst befugten Gewalten geschützt wäre . . . Nichts schafft mehr Verbitterung, nichts lockert ein Staatswesen mehr als die Bekämpfung der Muttersprache der Minderheiten, die Aufzwingung der Sprache der Mehrheit oder dei r herrschenden Klasse ui d politischen Versammlungen. meist j Msin würde hierbei dje Juden, die als Muttersprache jiddisch, also deutsch sprechen, zur deutschen Sprachgemeinschaft rechnen können. Es läge dies vielleicht auch im Interesse der Deutschen. Jedem Volksstamme bzw. jeder 'Nationalität müßte es freistehen, eigeneSchulen zu unterhalten, in denen der Unterricht in der Muttersprache erteilt wird". Die Juden im Kriege. In einer Versammlung des Berliner Vereins für jüd. Geschichte und Literatur in der Philharmonie sprach jüngst Paul Block über das Thema „Die Juden im Kriege". Dem Vprtragenden kam es nicht darauf an, Selbstverständlichkeiten näher zu beleuchten, und etwa die Pflichttreue jüdischer Soldaten im gegenwärtigen Kriege oder ihre. Tapferkeit bei der Verteidigung des Vaterlandes zu betonen, i Er wollte vielmehr den besonderen Regungen der jüdischen Seele während dieses gewaltigen Kampfes im einzelnen und im allgemeinen nachgehen. Aus seinen Worten sprach ein feinsinniges Verstehen, ein lebendiges Mitempfinden. So zum Beispiel, als er die Gestalten von zwei Kämpfern heraufbeschwor, die auf dem Felde der Ehre gefallen sind — des Reichstagsabgeordneten Ludwig Frank und Gottfried Senders. Der eine, der freie große Mensch, mit den apollinisch leuchtenden Augen, der andre ein schlichter Lehrer, doch [ebenfalls groß in seinem überq eilenden Gefühl für alles Wahre und Schöne. Aus Senders Briefen aus dem Felde, die als bescheidenes, aber bleibendes! Denkmal für den Toten demnächst erscheinen werden, las der Vortragende einen außerordentlich eindrucksvollen Brief vor, die Schilderung einer Nacht, in der Sender für sein treues Ausharren an der Seite seines schwerverwundeten Majors sich das Eiserne Kreuz erster Klasse erwarb. Ebenso wußte der Redner dann aus der Gestalt des ostpreußischen Dichters Walter Heymann, der ja auch zu den beklagten Opfern dieses Kriegts gehört, das ewjg Bleibende herauszuholen. Ei* sagte, daß die deutschen Juden als Soldaten ihre Pflicht um der Pflicht willen erfüllen, was als echt deutsche Eigenschaft bezeichnet werden müsse. Auch die russischen Juden kämpfen ja, für ihr Vaterland, obgleich dieses Vaterland ihnen bisher nur Schmach und unsägliche Leiden angetan hat, und obgleich sie nur zu genau wissen, daß es ihnen nach dem Kriege dort nicht um, ein Haar besser gehen wird. Die formvollendete und mit großem Schwünge vorgetragene Rede gipfelte in dem Ausdruck der Hoffnung, daß nach dem Kriege ein neues Deutschland erstehen möge, in dem es keine alten Vorurteile rnehr geben sollte, wohl aber ein allgemeines Sichverstehen, Sichtragen, Sichdulden. Herr Dr. med. J. Schlesinger-Breslau bittet um Aufnahme folgender Berichtigung: „Breslau, den 15. Dezember 1015. Das im Dezemberheft 1915 abg'.'druckte P-otokoll des Vereins selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens enthält in seinem Bericht über mein Referat „Neues aus der Repräsentantenversammlung" so viele falsche und schiefe Darstellungen,.daß ich mich genötigt sehe, Sie um den Abdruck der nachstehenden Berichtigung zu bitten. Es ist unrichtig, daß es mir'gelungen ist, die S:hlachtsteucr für die unter Aufsicht der Gemeinde stehenden Fleischermeister in Höhe von 80—85 " „ zu beseitigen; es ist mir lediglich gelungen, einen Antrag der Fleischermeister um Erlaß der Schächtgebühr, der vom Vorstände und vom Referenten zur Ablehnung empfohl n worden war, in die entsprechende Kommission zurück zu verweisen, allerdings mit dem Erfolge, daß* der vorstand der Synagogengemeinde in einem zweiten Antrabe einen Erlaß der Schächtgebühr in Höhe von 50",',, neuerdings, der Versammlung vorschlägt. I Daß demnächst den Zensiten bis zu einem jährlichen Einkommen von 9Ü0 Mk. das Wahlrecht tu den Repräsentantenwahlen zugebilligt werden wird, wage ich nicht zu hoffen und ist bei der gegenwärtigen Zusammensetzung der Repräsentantenversammlung' für la ige Zeit als ganz aussichtslos zu betrachten. . In der Frage der Fahrtverbindung nach dem Friedhof Cosel habe ich gar nicht das Wort genommen könnte also auch nicht die Synagogengemeinde veranlassen, sich an die Stadtgemeinde zu wenden. . . Bei den meisten Irrtümern ist der Wunsch des Herrrr Schriftführers wohl der Vater des Gedankens gewesen; aber ich kann unmöglich Lob für Verdienste, die ich mir nicht erworben habe, entgegen nehmen, und sei es auch nur stillschweigend. Mit vorzüglicher Hociachtung Dr. Joseph Schlesi iger." Vortrag von Johanna Meyer im Verein f. jüd. Geschichte und Literatur:' , „Der Jude im Lichte christlicher Dicht :r •'. In dieser Zeit nationalen Hochflugs, da der deutsche Jude, der rings auf den Schlachtfeldern fürs Vaterland zu sterben weiß, sein Deutschtum und sein Judentum tieftr und bedeutungsvoller empfindet, als je zuvor, moch e gerade dieses Thema, von einer geistvollen Interpretin wie Johanna Meyer meisterhaft behandelt, von besonderem Inter sse sei l: Wir sind anders, als , die Anderen trotz alleden — wie erscheinen wir den Anderen? Denen vor allem^ lie „nun sehen geboren, zum schauen bestellt sind" ihren Dicht't u. Sie werden jüdische Charaktere richtiger und wahrer darstellen, —- sagt die Vortragende, denn wer üi>er Dinge und Menschen ein gerechtes Urteil fällen will, darf ihnen nicht zu nahe stehn. Deren Aussprüche ihre wundervolle Gestalti ngskimst vor uns lebendig macht, sind die Wertvollsten und Besten: Klop tocks begeistertes Wort über das Tole-anzed'ikf Joseph II., Goethesjjudenpredigt; Hebbel, der die gi jantisclie Wucht biblischer pestalten in seinen Meisterwerke nachgeschaffen hat. Und wer die Bibel liest, muß sie als Jude lesen", sagt Herder.-; Chamissos ergreifende Dichtung vom „Baal Teschuba", I dem Ausgestoßenen lauschen die dichtgedrängten Hörer; Fontane dat n, den die Antisemiten so gern für sich reklamieren möchten, nicht blind für die Fehler ehr Juden, die er mit frischem Humor schildert, findet er für sein Verhältnis zu ihnen doch auch herzliche Töne. Ein wundervoller Hochgesang braust zum Sihluß aus dem Buche „Juda" von einem der deutschesten Di( hter, der das Judentum sta k, wie kein zweiter erlebt hat, das „Euch!" durch den Saal. „Zurück zur Schönheit-einst gesangener Psalmen, zurück zu deinem alten, großen Gott". Hier wurde die Künstlerin zur Prieslerin, die dem erst butterten Juden von heute sein tiefstes und geheimstes Sennen aus dem Blute seiner Ahnen deutete.