Handwerk und Gewerbe
- Journal
- Handwerk und Gewerbe
- Volume
- 9 (1916)
- Issue
- 1. u. 2. Januar-Heft
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1. it. 2. Januar-Heft HANDWERK UND GEWERPE „Roter Hajbmond" das „Zeiittal-Hilfskomitee" ins Leben, welches einen Fonds schaffen sollte, um einerseits die durch den Krieg herbeigeführte Notlage der Juden in Palästina zu mildern, anderseits für die Uebersiedelung von osteuropäischen Juden nach der Türkei Mittel bereit zu stellen. Mit besonderem Erfolg hat bis jetzt das - mit der „Hilfskommission 1915" vereinigte Landeskomitee des „Zentralhilfskomitees"" in Oesterreich gewirkt. Das österreichische Landeskomitee hat bereitsgrößerepunimenaufgebracht, wovon mehr als 80000 Kr. nach Palästina abgeschickt worden sind. Infolge der in Konstantinopel geschaffenen Tatsachen steht nun eine Neuorganisation der jüdisch-humanitären Tätigkeit für den Orient bevor. die Ereignisse des Welt- Man schätzt die! durch den Existenzen auf etwa eine 219 Dr. Alfred Nossig, Beiliri, der das Hauptreferat erstattete, schilderte zunächst die katastrophale Lage, in die die Judenheit des Ostens durch krieges gebracht worden sei. Krieg entwurzelten jüdischen Million. Eine Massertauswanderunig von ungeheuren Dimensionen steht bevor. Der Weltkrieg eröffnet die Aussicht, mit der Zeit ein Abflußgebiet Der Einfluß der der jüdischen Entente-Mächte ist erloschen, das Bündnis mit Deutschland begünstigt und erleichtert eine Zunahme der jüdischen Bevölkerung in der Türkei. ] Die Erklärungen, welche Dr Nossig von Mitgliedern des Herrenhauses, voh türkischen Ministem und von den Führern |des jungtürkischen Komitees erhalten hatte, berechtigen zu der Erwartung, däß bei einer vorsichtigen, zweckentsprechenden Behandlung der einschlägigen Fragen die jüdische Einwanderung nach der Türkei zur Befriedigung beider Seiten geregelt werden könne. Die Durchführung des Werkes ist nach den}, in Konstantinopel erfolgten Meinungsaustausch, nur im Rahmen der historischen Freundschaft möglich, welche Juden und. Osmanen verbindet und gegenseitiges Vertrauen schafft. Die neue politische Konstellation eröffnet für diese Freundschaft vielfältige Betätigungsrnöglichkeiten in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht. Als Schwestergesellschaft, der analogen Vereinigung in Konstantinopel ist am 6. Dezember in Berlin die f,Deutsch- Israelitisch - Osmanische Union" gegründjet worden. Die „Union" ist keine Kolonisationsgesellschaftj ^ie verfolgt den . ideellen Zweck der Pfljege innigerer Beziehungen zwischen Juden und Osmanen. Wohl aber wird sie den praktischen Bestrebungen duren Schutz, Vermittelung und finanzielle Förderung dienlich sein. können. Alis neuartige, den Zeitverhältnissen entsprechende Institution; kann sie keiner der bestehenden Organisation eingefügt werden. Dagegen ist ein KooperationsVerhältnis zwischen der „Union" und diesen Organisationen höchst erwünscht, ja unerläßlich. So vor allem mit dem „Hilfsverein", dessen Schulwerk für die Erziehungsbedürfnisse der jüdischen Einwanderer in der Türkei sorgen dürfte. Firner mit den Kolonisations- Gesellschaften, wie die 1. C. A., die A. J. K. O.l. und auch ' den rein wirtschaftlichen Instituten der Zionistischen Organisation. Die tatkräftige Förderung erwartet die „Union" , von den B. B.-Logen. Die Zusammensetzung des Vorstandes berechtigt zu der Erwartung, daß die „Union" auch mit den anderen großen jüdischen Organisationen Deutschlands in enger Fühlung bleiben wird. Das Zentral-Hilfskomitee hat sich der Union angeschlossen. Die Diskussion eröffnete Prof. Dr. Ludwig Stein- Berlin durch eine Darlegung {seiner Auffassung der neuen Lage. Nach einigen Einschränkungen hinsichtlich des Tätigkeitsgebietes der „Unionf empfahl er aufs wärmste deren Förderung. Herr J. Bäsch-München begründete die Notwendigkeit der Verständigung aller jüdischen Organisationen zur Erreichung des geplanten Zweckes. ] Im Mittelpunkte der Debatte stand die mit lebhaftestem Beifall aufgenommene Ansprache des Landtagsabgeordneten R.-A. Dr. Cohn-Dessau, der die wärmste Unterstützung der zeitgemäßen neuen Idee befürwortete. Unter den zahlreichen folgenden Rednern erweckten Rabb. Dr. Kopfstein - Beut lau und Feldrabbiner Dr. Sonderling-Hamburg durch ihre Schilderung der Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten des Ostens warme Teilnahne. Chefredakteur J. Landau - Berlin, widerlegte. manche Bemerkungen von Prof. Dr. L.Stein und beleuchtete in beredter Welse die große Tragweite der Bestrebungen der , Union". Sehr lehrreich waren die Ausführungen von . Just.-Rat Dr. Horwitz - Berlin, der eine Reihe von in der Diskussion aufgetauchten Fragen zusammenfassend beleuchtete Jund mit der nachdrücklichen Aufforderung schloß, daß die de utschen Juden aller Richtungen unter dem Banner der „Union" sich vereinigen mögen. Diesen Ausführungen schloß in längerer Aussprache Geh. Just.-Rat Timendorfer-Berim sich an. Er brachte nachstehende Resolution ein: „Die am 12. Dezember 1915 im „Brüderve-ein" zu Berlin Versammelten begrüßen auf das LebhafUste den durch die „Deutsch-Israelitisch-Osmanische Union" vertretenen Oedanken der Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Juden Deutschlands und der Türkei. Demgemäß gedenken sie die gemeinsamen Interessen in wirtschaftlicher und kultftreller^Hinsicht zu] wahren und zu fördern um auf dieser Grundlage in den Stand gesetzt zu sein, auch das Los ihrer osteuropäischen Glaubensgenossen bessern zu können. Sie erklären sich bereit, diesen Gedanken zu unterstützen und für ihn zu werben, und fordern alle Glaubensgenossen in Deutschland zum einmütigen Zusammenschlüsse im Rahmen der Deutsch-Israelitisch-Osmanischen Union auf".- Die Resolution Wurde von der Versammlurg einstimmig angcMio timeii. ' Nachdem noc\i Dir. Stern-Berlin gesprochen und Rabb. Dr. Hildesheirner-Berlin den Dank für di; Initiatoren der Konferenz und der neuen Organisation beantragt hatte, schloß die Versammlung am späten Nachmittag. Unmittelbar darauf folgte eine Besprechung der auswärtigen Teilnehmer an der Konferenz, um sich hinsichtlich der Orundzüge der Werbe- und Orjanisations-Tätigkcit zugunsten der neuen Bewegung und der „Union" zu verständigen. Die, Ansprachen der zah reichen Redner, unter denen Herr Albert Rothschild-Frankfurt a. M., Konsul Dr. Schopf-Danzig, Großherzogl. Landesiabbiner Dr. Mannheimer-Oldenburg, Rabbiner Dr. Vogelstein- Königsberg, Dir. Eisenstädt Fürstenwalde, Rabbiner Dr. Kaelter-Danzig, Hermann Rosenthal-Würzburg, Rabbiner Dr. Berger-GörliUJj Rabb. Dr. Rosenthal-Köln, Prediger L. Weil er-Paderborn, R.-A. Dr. Isi Kahn-Köln, Direktor Rosenthal- Posen, Landtagsabgeordneter Dr. Cohn-Dessau, Kommerzienrat Ladewig-Chemnitz angeführt werden sollen, ergaben die übereinstimmende Anschauung, daß in ganz Deutschland baldigst Ortsgruppen der „Union" ins Leben gerufen werden müssen. Die Werbetätigk :it sollnicht nur durch Drucksachen, sondern auch durch Versammlungen, Vorträge und Wanderredner ohne Verzug iröffnet und in intensiver Weise geführt werden. Die Anstrengungen sind darauf zurichten, die finanzielle Fundierung der Union in einem, ihren großen Zielen entsprechende! Maßslabe noch vor Beendigung des Weltkrieges zu sichern. Nach seinem Ausgang soll zu der Gründung eine» kommerziellen Instituts geschritten werden, das den jüdischen Einwanderern Erwerbsmöglichkeiten in Landwirtschaft, Industrie, Gewerbe und Handwerk schaffen soll. Es folgte eine gemeinschaftliche ^Mahlzeit der Konferenz-Teilnehmer, woran;sich ein Lichtbilder-Vortrag tles Kaiserlich-Osmanischen fngenieurs SantoJJey de Serno anschloß. Die Tagung, welche nach dem Worte von Prof. Dr. Ludwig Stein einen neuen Stimmung]Rhythmus erzeugte und zahlreiche neue Anregungen brachte, wird das tiefgehende Interesse für die jüdisch-osmaitischen Beziehungen und die Uebersiedelung östlicher Juden nach der Türkei zweifellos in alle Zentren jüdischen fLebens hinaustragen.