Handwerk und Gewerbe
- Journal
- Handwerk und Gewerbe
- Volume
- 9 (1916)
- Issue
- 1. u. 2. Januar-Heft
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 218 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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218 HANDWERK UND GEWERBE 1. u. 2. Januar-Heft glauben können. Dieser jüdische Mittelsland ist in Oesterreich-Ungarn wie ja auch in Deutschland vornehmlich in den mittleren und großen Städten anzutreffen. Er findet sich aber ziemlich gleichmäßig in der gesamten Doppelmonarchie, wo Handel und Gewerbe blühen und wo Industrien bestehen. Bei der Vielsprachigkeit unseres Nachbarstaates bilden diese jüdischen Mitbürger eine wesentliche Einheit, da sie alle das Deutsche oder den Dialekt des Jiddischen verstehen und dadurch nicht nur zu einer Vermittlerrolle besonders befäl.igt, sondern auch direkt als Träger des Deutschtums-mit anzusehen sind. Als Leute, die dem kleinen Mittelstand angehören, haben sie andrerseits mehr Fühlung mit der Bevölkerung, sei sie tschechisch, polnisch, kroatisch, ungarisch usw., als der kapitalistische ' Großhändler oder <!er Industrielle. Ihre Freundschaft gewinnen heißt daher engere Fühlung mit Kreisen der verbündeten Staaten erreichen und bedeutet eine Propaganda, ■die sehr-wirkungsvoll sein muH, weil sie efuer echten, tief begründeten Freundschaft und Wesensverwandtschaft entspringt. Leichter als durch den Gang der geschichtlichen Ereignisse werden Schwierigkeiten zwischen wenig für ein ander eingenommene Völkerschaften, z. B. zwischen Tschechen und Deutschen beseitigt werdest, wenn der jüdische Mittler uneigennützig und kralt eines durch uns gestärkten Ansehens auftritt und sich als rriedenssiifter bewährt. Angesehener wird aber auch unser jüdischer Handwerkerstand werden, wenn er über die Landesgrenzen unserem erprobten Freunde die Hand reicht, wenn deutsche und österreichisch-ungarische Handwerker jüdischen Glaubens bei gleichen ßerufsinteresseu, gleichen Standesfragen und schließlich auch gleichen religiösen Grundlagen sich zu einer starken Einheit jüdischer Mittelstandstjürger in Deutschland und Oesterreich - Ungarn zusammenschließen. Wir fürchten nicht die Entgegnung, daß jüdische Handwerker in Deutschland während, dieses Krieges, der so vieles verändert hat, kaum für ihre eigenen lokalen Handwerkervereine das genügende Interesse" aufgebracht haben; wir fürchten diese Vorwürfe nicht, weil einerseits die Schwierigkeit der eigenen Existenzsicherung viele selbständige Handwerker, zu sehr in Anspruch genommen hat, als daß sie sich fernerliegenden Dingen widmen konnten, andrerseits die erstaunliche soziale Leistung und der Opfersinn in den Vereinen eine glänzende Rechtfertigung für deren Existenzberechtigung geworden sind. Wenn wir schon heute den Vorschlag machen, unsere Vereinstätigkeil nach Oesterreich-Ungarn mit zu verlegen, so schaffen wir uns damit ein erweitertes Friedensprogramm, das uns und unseren Freunden in gleicher Weise zum Segen gereichen .wird, und das auch in hohem Maße den Beifall; aller politisch denkenden jüdischen Mitbürger in gleicher Weise mit denen der amtlichen Stellen, finden muß. Seit längerer Zeit schon haben wir von unseren österreichisch-ungarischen Freunden den Ausdruck ihrer regsten Teilnahme an unseren reichsdeutschen Bestrebungen der jüdischen Handwerker erhalten und schon vor Ausbruch des Krieges war auch auf österreichischer Seite der Gedanke an eine weitergreifende Organisation aufgetaucht, war der Vorschlag -einer Vereinigung der gemeinschaftlichen Interessen in Deutschland und Oesterreich- Ungarn laut geworden. Nach dem Kriege müssen wir entschlossen sein, zuzustimmen oder abzulehnen, wenn die Frage zu einer Verbrüderung gestellt wird. Wir glauben nicht, daß die Antwort so schwer werden wird, aber wir w'ollen doch schon heute den Gedanken an diese kommende Verschmelzung aussprechen, damit wir besonnen und nach sorgfältiger Erwägung aller Vorteile und Nachteile Urteilen können, wenn eine Entscheidung gefordert wird. Wir sind der Meinurlg, daß nicht nur dem Stande in Deutschland großer .Nutzen und viel Ehre aus dieser Vereinigung erwachsen würden, sondern daß sie eine politische bedeutsame Handlung von großer Tragweite und bedeutenden sein könnte. olgen Konferenz betreffend die jüdisch-türkischen Beziehungen Gründung der „Deutsch Israelitisch Osmanischen Union". Auf Einladung eines größeren Berliner Kreises fand Sonntag, den 12. Dezember IQ 15 im „Brudervjerein" zu Berlin eine Besprechung' statt, welche Teilnehmer aus allen Gegenden Deutschlands vereinigte. / Dem Eifllader- Komitee gehörten u. a. an: Komm.-Rat H. Bamiberg, Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Herrn. Cohen, Dr. I. Ginsberg, Aron Hirsch, Justizat Dr. Horwitz, Prof. Dr. James Israel, Prof. Dr. Kalischer, Komm.-Rat Altred Löwenberg, Generalkonsul Komm.-Rat j. Mandelbaum, Bankier Alois A. F. Marcus, Rabb. Dr. Münk, Dr. Alfred NOssig, Dr. Walther Rathenau, Generaldir*. Konsul Segall, Komm.-Rat Gerson Simon, Prof. Dr. L. Stein, Oscar Tietz, Geh. Justizrat Berthold Timen dorf er, Rabb. Dr. Warschauer, Rabb. Dr. Weiße, sowie zahlreiche andere namhafte Mitglieder der jüdischen Gemeinden Berlins. Die Veranlassung zu der Konferenz hatten die Verhandlungen gegeben, die gelegentlich der Uebergabe der Spende desi jüdischen Hilfskomitees „Roter Halbmond ' mit der türkischen Regierung stattgefuitden und zur Gründung einer „Osmanisch-Israelitischen Union" in Konstantinopel geführt haben. Der neue bedeutsame Gedanke, zwischen den Juden und den Osmanen innigere Beziehungen zu schaffen, die einerseits für die Türkei vorteilhaft wären, anderseits der Besserung der Lage unserer osteuropäischen Glaubensgenossen dienlich sein könnten, hat in zahlreichen j^dischejP'Gerneinden Deutschlands ein äußerst lebhaftes Jeweckt. Gegen 300 im Vordergrunde des öffentlichen _ebens stehende jüöüsche Persönlichkeiten beteiligter! sich fan der Konferenz, darunter die Vertreter zahlreicher B. B.- Logen. Ueber hundert zustimmende Zuschriften und Anerbietungen zur Mitarbeit trafen außerdem aus den verschiedensten deutschen Städten ein. Die Konferenz wurde durch Komm.-Rat Gerson Simon eröffnet und geleitet. In seiner Ansprache führte Komm.- Rat Simon aus, daß die Ereignisse des Weltkrieges die Juden vor eine neue Situation stellen. Einerseits ist die den Juden seit jeher sympathische Türkei durch das Bündnis mit Deutschland uns nun auch als Deutschen besonders nahe gerückt. Anderseits wird, infolge der Besetzung von . Russisch-Polen und Litauen durch die Zentral-Mächte, die ostjüdische Frage zu einer Frage der deutschen Judenheit und des deutschen Reiches. Zwischen diesen neuen Tätsachen können gewisse ersprießliche Zusammenhänge geschaffen werden. Die Verwirklichung dieses Gedankens, hat das jüdische Hilfskomitee „Roter Halbmond" angebahnt. Durch seine Sammlungen zugunsten der türkischen Armee, die über 120000 Mark ergeben haben, erbrachte es einen sehr bemerkenswerten Beweis derbesonderen Sympathie der deutschen Judenheit für die Osmanen. Der Vertreter des Komitees," Dr Alfred Nossig, hatte dann in Konstantinop\lGelegenheitfestzustelIen, daß diese Sympathien von den türkischen Regierungskreisen erwidert werden und daß die Türkei geneigt sei, sich für die Sache der europäischen Juden einzusetzen. Jm weiteren Verlaufe rief das Komitee